Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Theo Ahrens   Theo Ahrens,
Jahrgang 1938,
Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung
des Erzbistums Paderborn

Schulpolitik

Herr Ahrens, Sie sind Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung des Erzbistums Paderborn und damit verantwortlich für die sechzehn Schulen in Trägerschaft des Erzbistums. Daher die erste Frage: Wozu gibt es neben den vielen öffentlichen Schulen überhaupt private Ersatzschulen?

Das Wort "Ersatz" passt mir nicht, muss ich sagen; aber das steht nun mal so im Gesetz. Wir sind eigentlich mehr als ein Ersatz für eine öffentliche Aufgabe. Unser Grundgesetz sieht vor, dass es so genannte Ersatzschulen gibt, weil der Staat im Grundgesetz vom Schulmonopol Abschied genommen hat und deshalb auch freien Trägern ermöglichen will, ihre Erziehungsvorstellungen zu verwirklichen. Und die Kirche hat nun mal, allein schon aufgrund der Taufe, einen Erziehungsauftrag: Die Eltern versprechen, dass sie ihre Kinder - auch - im Glauben erziehen; und das hat dann eben mit Schule zu tun. In jedem Curriculum, in jeder Richtlinie steht, dass Schule nicht nur Unterricht zu erteilen, sondern auch eine Erziehungsaufgabe hat. Selbst wissenschaftliche Fächer basieren auf Wertvorstellungen, und da spielt, denke ich, eine Glaubensgemeinschaft natürlich eine wichtige Rolle.

Reicht es da nicht aus, dass an den staatlichen Schulen Religionsunterricht angeboten wird?

Eben nicht. Das wäre auch eine Verengung des Religionsbegriffs. Man würde die Religion in die Sakristei verbannen, wenn man sagte: Sie hat keine öffentliche Aufgabe für den ganzen Bereich des Wissens, beispielsweise auch für andere wissenschaftliche Fächer. Sie alle, nicht nur das Fach Religion, stehen unter diesem Auftrag, auch Werte zu vermitteln und Erziehung zu leisten. Und da spielt eben die Kirche als Glaubensgemeinschaft, wie eben schon gesagt, eine ganz große Rolle.

Inwieweit darf bzw. muss die staatliche Schulaufsicht in die Belange der Privatschulen hineinregieren? Wo sollten die Grenzen staatlicher Mitsprache liegen?

Der Staat - auch das steht im Grundgesetz - hat prinzipiell die Schulaufsicht. Er muss dafür sorgen, dass alle Schulen, ganz gleich, ob es nun Ersatzschulen oder öffentliche, ob es staatliche oder kommunale Schulen, Gymnasien, kirchliche Schulen oder Waldorfschulen sind, die gleichen Anforderungen stellen. So müssen Ersatzschulen den öffentlichen Schulen gleichwertig sein, und der Staat muss kontrollieren, ob diese Gleichwertigkeit auch gewährleistet ist. Das heißt aber nicht, dass die Schulen gleichartig sein müssen.

Wie würden Sie - aus Schulträger-Sicht - Ihr Verhältnis zur derzeitigen Landesregierung beschreiben?

Also, ich kann nicht klagen. Wir kooperieren sehr gut mit der Landesregierung, ganz egal, welche Parteien gerade die Regierung stellen. Wir haben also recht gute Erfahrungen damit gemacht, und wir kooperieren auch sehr gut bis hinunter auf die Ebene der Bezirksregierungen.

Religion und Politik

Was halten Sie von dem Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das das Anbringen von Kreuzen in öffentlichen Schulen verbietet bzw. zumindest stark einschränkt?

Im Interview Das, finde ich, ist eine schwierige Frage. Wir haben Religionsfreiheit. Das heißt einerseits, die Schule ist da ein eigener Raum, in dem Schüler nicht ausweichen können; und das hat dazu den Anlass gegeben zu sagen: Wenn ein Schüler oder eine Schülerin sich dadurch manipuliert fühlt, dann muss man dem Rechnung tragen, insofern man ganz bestimmte religiöse Symbole nicht in den Klassen zeigt. Andererseits stellt sich die Frage, ob Demokratie wirklich bedeutet, dass man nur einem einzelnen Einspruch oder einer einzelnen Meinung folgen darf. Was ist denn mit der Mehrheit? Wenn da fünfunddreißig Schüler in einer Klasse sind und einer sagt, dass ihn das Kreuz stört, und die anderen vierunddreißig sagen, nein, es sei ihnen trotzdem wichtig, dann stellt sich hier in der Tat ein Wertedilemma, das ich nicht aufzulösen vermag.

Welche Position beziehen Sie im derzeitigen Kopftuchstreit? Sollten muslimische Lehrerinnen während des Unterrichts ihr Kopftuch tragen dürfen?

Ein Kopftuch ist, soweit ich das einschätze, eine Art Bekenntnis. Es ist eben nicht nur ein Stück Stoff - wie die Bundesflagge ja auch nicht. Es sind ja nicht nur schöne bunte Farben, sondern es ist ein Symbol, das etwas transportiert. Und im Gespräch mit Muslimen ergibt sich auch meist, dass sie damit eben mehr ausdrücken wollen, als nur einer Mode oder ihrem Volkstum zu folgen. Dahinter steckt oft ein politisches wie auch ein religiöses Bekenntnis. Und wenn nun eine Lehrerin, die im staatlichen Auftrag an einer staatlichen Schule unterrichtet, dieses Symbol trägt, halte ich das unter Umständen schon für ein Stück Manipulation.
   Sie können jetzt natürlich sagen: Was ist denn dann mit einer Ordenstracht oder Priesterkleidung? Darauf muss man allerdings antworten: Wir leben in einem anderen Kulturkreis als dem in den Herkunftsländern der Muslime existierenden. Ganz dezidiert basiert unser Staat auf christlichen Wertvorstellungen; das steht sogar im Grundgesetz. Insofern würde sich dann, falls man ein solches Verbot auf christliche Symbole ausdehnte, die Frage nach der Geltung des Grundgesetzes stellen.
   Also, eine Lehrerin mit einem Kopftuch würde ich nicht gerne in einer öffentlichen Schule haben. Anders ist es bei Schülerinnen.

Warum unterscheiden Sie da?

Schülerinnen und Schüler haben ja nicht diese Autorität bzw. Lehrfunktion in einer Schule, das ist etwas anderes.

Diesseits und Jenseits

Themenwechsel. Eine Frage, die wir bisher allen Interviewpartnern gestellt haben, obwohl wir in Ihrem Fall bereits die Antwort ahnen: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, sicher. Das älteste Glaubensbekenntnis im Neuen Testament ist das Bekenntnis zur Auferstehung Christi.
   An das "Leben nach dem Tod" glauben eher die alten Griechen oder, in etwas anderer Form, die Buddhisten. Deshalb würde ich für mich die Frage eher in Richtung Auferstehung drängen, weil das dem christlichen Glauben mehr entspricht. Der ganze Mensch ist für Gott wichtig, nicht nur, was sein Leben hier auf der Erde betrifft, sondern was sein Leben überhaupt angeht, auch über den Tod hinaus.
   Das ist für mich deshalb bedeutsam, weil man sonst, wie man einmal im Glaubensbekenntnis der Würzburger Synode in den siebziger Jahren gesagt hat, den Sinn des Lebens halbieren wollte. Wenn nur die gelten, die hier im Leben Erfolg haben, was ist dann mit denen, die diesen Erfolg nicht haben, die benachteiligt sind? Die Frage nach der Gerechtigkeit und die Frage nach der Auferstehung sind in der biblischen Botschaft ganz eng miteinander verbunden. Das eine kann es nicht ohne das andere geben.

Wie würden Sie dem Einwand begegnen, der Jenseitsglaube sei nur eine billige Vertröstung, um Missstände im Diesseits nicht abstellen zu müssen? Mit anderen Worten: der Glaube ans Jenseits diene im Diesseits nur den Mächtigen?

Ich sagte eben, dass im Auferstehungsglauben die Frage der Gerechtigkeit eine ganz große Rolle spielt. Ich möchte nicht, dass die, die hier auf der Erde Erfolg, die Power, die Geld haben, gegenüber denen, die aus welchen Gründen auch immer nicht mitkönnen, sozusagen automatisch im Vorteil sind und als die bewertet werden, die ein besseres Leben führen. Insofern ist für mich der Glaube an die Auferstehung unter dem Aspekt der Gerechtigkeit ganz wichtig. Und Gerechtigkeit will immer auch Veränderung, dient also sicherlich nicht den Mächtigen.

Inwieweit müssen bzw. sollten Schülerinnen und Schüler der erzbischöflichen Schulen Ihre Ansicht über das Jenseits oder über die Auferstehung teilen?

Ich denke, es ist nicht nur eine Ansicht. Glaube ist schon ein bisschen mehr. Man vertraut darauf. Man hängt sich fest, so heißt die Übersetzung des hebräischen Wortes "Glauben", man bindet sich an etwas ganz Bestimmtes. An einer katholischen Schule spielt natürlich diese Glaubensverkündigung eine ganz große Rolle. Das heißt aber nicht, dass sich ein Schüler oder eine Schülerin nicht frei entscheiden soll, woran er oder sie glaubt. Das ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Dass wir als Träger einer kirchlichen Schule darauf aus sind, diese freie Entscheidung zu ermöglichen, das ist, glaube ich, selbstverständlich. Aber erzwingen werden wir sie nicht.

Das Interview wurde am 20.8.2007 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Sebastian Rabe, Kerstin Rüenauver und Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter