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Interview

Hans-Josef Becker   Hans-Josef Becker,
Jahrgang 1948,
Erzbischof des Erzbistums Paderborn

Kirche und Politik

Herr Erzbischof, vor wenigen Wochen haben Sie mit dem Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz das Heilige Land besucht. Wie waren Ihre Eindrücke?

Sehr vielfältig. Es ist ein landschaftlich sehr schönes, ein wunderschönes Land. Aber wenn man die politischen Verhältnisse sieht, ist es zum Teil auch bedrückend. Es ist ein Land mit großen Widersprüchen.

Während der Nahost-Reise der deutschen Bischöfe hat es ja auch einige Irritationen gegeben. Heftig kritisiert wurden etwa Äußerungen der Bischöfe Hanke und Mixa, die im Zusammenhang mit dem Besuch der Palästinensergebiete von einer "gettoartigen Situation" der dortigen Bevölkerung sprachen. Welche Position vertreten Sie?

Es ist, wie ich eben schon sagte, bedrückend, wenn man sieht, mit welchen Mitteln offensichtlich Bevölkerungsgruppen auseinander gehalten werden. Die riesige Mauer, die sich in neun Metern Höhe (also wesentlich höher als damals die Berliner Mauer) über Kilometer erstreckt, ist schon etwas, was uns nachdenklich und - so möchte ich es mal ausdrücken - betrübt gemacht hat. - Der Begriff "Getto", der damals in den Äußerungen des Mitbruders gefallen ist, ist nur aus der Unmittelbarkeit dieser Betroffenheit heraus zu verstehen. Ob es klug war, das dann - auch im Zusammenhang mit dem Warschauer Getto - an einer solchen Stelle zu betonen, ist eine andere Sache. Aber der Mitbruder hat dazu ja selber sehr eindeutig Stellung bezogen.
   Ich meine, dass wir den Friedensprozess im Heiligen Land sehr aufmerksam beobachten müssen. Das Heilige Land: das ist ja nicht nur Israel, dazu gehören ja auch Jordanien, ein Teil des Libanon und der palästinensische Autonomiebereich. Wenn wir die Situation dort sehen, haben wir schon Sorge und sie bedrückt uns. Bei dieser Reise waren wir ja nicht auf Zweit- und Drittmedien angewiesen, sondern konnten alles unmittelbar erleben, in Gesichter schauen und manchmal auch Erwartungen und Befürchtungen in diesen Gesichtern lesen.

Ist für Sie die Situation in Nahost ein Beleg für die These Samuel Huntingtons, wir befänden uns in einem "Kampf der Kulturen", speziell in einem Kampf des "Westens" gegen den "Islam" (oder umgekehrt)?

So unmittelbar kann ich das nicht sehen. Aber natürlich manifestiert sich hier ein Krisensymptom, ein Krisenphänomen unserer heutigen Zeit. Ich denke schon, solange es keine stabile Regelung für den Nahen Osten gibt, wird er immer auch eine Gefährdung des Weltfriedens darstellen.

Für Unruhe, speziell in der islamischen Welt, hat vor einiger Zeit Papst Benedikts "Regensburger Vorlesung" gesorgt. Einige deutsche Politiker (auch solche, die wir interviewt haben) waren der Ansicht, der Papst habe mit dieser Rede einen politischen Fehler begangen. War es ein Fehler?

Im Collegium Bernardinum in Attendorn Es steht mir nicht zu, Papst Benedikt in den Äußerungen, die er getan hat, zu beurteilen - und schon gar nicht unter Ausblendung des Zusammenhangs, in dem er sie getan hat. Den muss man kennen. Wir wissen ja auch im Nachhinein, dass in einer überhitzten Atmosphäre manches vielleicht doch einseitiger ausgelegt wird, als es gemeint war. Davor ist niemand gefeit, der sich überhaupt öffentlich äußert. Aber um sich eine persönliche Meinung und auch ein vernünftiges Urteil zu bilden, ist es sinnvoll, den gesamten Zusammenhang zu lesen und auch zu wissen, warum er damals dieses Zitat (es geht ja um ein Zitat aus dem Mittelalter) gebraucht hat.

Die Regensburger Rede des Papsts hatte ja unverkennbar - auch - politische Auswirkungen. Das bringt uns zu der Frage: Inwieweit dürfen Kirchenvertreter überhaupt zu politischen Fragen Stellung nehmen? Wir denken da beispielsweise auch an die jüngste Diskussion um Kinderkrippenplätze in Deutschland...

Wenn wir, wenn Kirche, wenn wir Christen, die wir in dieser Welt leben und auch in dieser Welt Verantwortung haben, etwas bemerken, was nicht in Ordnung ist, müssen wir den Finger auf die Wunde legen und uns äußern - in welcher Form dann auch immer diese Äußerung geschieht. Es gehört dazu allerdings, sich so sachlich und so hilfreich wie möglich zu äußern - damit nicht neue Polarisierungen aufgebaut werden. Aber wenn es um klare Ansichten geht, zum Beispiel über die Würde des Menschen, dann kann die Kirche, dann können kirchliche Vertreter kein Blatt vor den Mund nehmen. Dann müssen sie reden.

Diesseits und Jenseits

Kommen wir von den weltlichen Dingen zu den geistlichen. Sie sind zwar Bischof, und so meinen wir die Antwort schon zu kennen, doch fragen wir Sie vorsichtshalber trotzdem, weil wir allen unseren Interviewpartnern diese Frage stellen: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja.

Wie stellen Sie sich ein solches jenseitiges Leben konkret vor?

Ich denke mir, dass es um die intensivste und die größte und die nach menschlichem Maßstab kaum einholbare, überhaupt nicht einholbare Erfahrung von Liebe und Nähe geht, die Gott uns schenken will. Alles andere kann man nur assoziativ vermuten. Man kann vielleicht sagen: So könnte ich es mir vorstellen. - All das also, was ich an Glücksmomenten, auch in menschlichen Begegnungen, von meiner Kindheit an, erlebt habe, das möchte ich dort schon wiederfinden.

Was gibt Ihnen die Gewissheit, an ein Jenseits glauben zu können?

Mir haben Persönlichkeiten, Menschen, denen ich in meiner Biografie konkret begegnet bin, Anhalt gegeben, mit meinem Verstand, nicht zuletzt auch im Studium der Theologie, darüber nachzudenken. Eines habe ich schon sehr früh gemerkt (ich glaube, da war ich noch nicht ganz zwanzig): Es muss im Leben mehr geben. Und dazu gehört auch die Erfüllung, die Jesus Christus bezeugt hat.
   Ich hoffe, dass ich diese Gewissheit immer als Gabe, als Geschenk weitertragen und sie auch verkünden kann. Der Glaube ist eine Gabe, und die kann nicht geschnitzt und von einem selber zurechtgezimmert werden. Dass ich persönlich glauben kann, ist auch ein Geschenk Gottes.

Zum Abschluss noch einmal zurück ins Diesseits: Angenommen, es gäbe die gute Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) vorrangig politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Alle Menschen zur Einsicht zu bringen, dass wir unser Erdenleben hier nur geschenkt bekommen haben und dass wir uns friedlich und in Toleranz und in Achtung voreinander verantwortlich benehmen müssen. Das wäre mein tiefer Wunsch für das Zusammenleben der Völker - auch für die zukünftigen Generationen im Sinne nachhaltigen Handelns.
   Es wäre eine Basis für das Menschengeschlecht, denn Gott hat uns gewollt, und er möchte sicherlich auch, dass wir mit uns und mit den andern und mit dem, was uns anvertraut ist, in seinem Willen umgehen. Ich würde mir also wünschen, dass die Menschen endlich einsehen, dass man, was zum Beispiel Gewalt oder Egoismus angeht, immer wieder dieselben Fehler macht. Ich würde mir wünschen, dass sie zu der Einsicht gelangen, welches der beste, der richtige Weg für sie ist.

Das Interview wurde am 21.4.2007 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier und Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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