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Interview

Alfons Hardt   Alfons Hardt,
Jahrgang 1950,
Generalvikar des Erzbistums Paderborn

Schulpolitik

Herr Generalvikar, Sie sind verantwortlich für die sechzehn Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn. Daher die erste Frage: Wozu gibt es neben den vielen öffentlichen Schulen überhaupt private Ersatzschulen?

Im Interview Bei der Taufe ihrer Kinder versprechen die Eltern, ihre Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. Dementsprechend hat die Kirche auch die Verpflichtung, eigene Schulen zu errichten, eigene Ausbildungsstätten zu haben, mit denen sie dieser Pflicht Rechnung trägt. Die Kirche betrachtet es also als selbstverständlich, religiöse Erziehung umfassend in eigenen Schulen zu gewährleisten.
   Die Kirche hat darüber hinaus nach ihrer eigenen Rechtsgrundlage im Kirchlichen Gesetzbuch von 1983 die Vorstellung, dass der Staat verpflichtet ist, die Privatschulfreiheit zu garantieren und die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen. Und diese Vorstellung der katholischen Kirche, dass die in ihr getauften Christen im christlichen Glauben an eigenen Einrichtungen erzogen werden, trifft in der Bundesrepublik Deutschland auf einen Staat, der dem Rechnung trägt.
   Wir haben kein Schulmonopol in der Bundesrepublik Deutschland. Es gibt die Möglichkeit der Ersatzschulen, und dementsprechend gibt es Schulen in privater Trägerschaft und damit auch der katholischen Kirche.

Reicht es nicht aus, dass an den staatlichen Schulen Religionsunterricht angeboten wird?

Das ist eine sehr einseitige Betrachtung. Religiöse Erziehung, katholische Erziehung, Erziehung aus dem Glauben heraus geschieht nicht nur im Religionsunterricht. Ich bin selbst als Schüler auf eine Privatschule gegangen; die lag glücklicherweise nur drei Minuten von meinem Elternhaus in meiner Heimatstadt Menden im Sauerland entfernt. Und da habe ich begriffen, dass eine christliche, eine katholische Erziehung natürlich auch im Deutschunterricht, auch in den alten Sprachen - ich hatte damals Latein und Griechisch -, auch im naturwissenschaftlichen Unterricht möglich ist.
   Im Bundesland Hessen hat zum Beispiel eine für das Schulwesen verantwortliche Ministerin das Verhältnis von Naturwissenschaften und Religion in Hinblick auf die Vorstellungen von "Schöpfung" zu thematisieren versucht. Religiöse Erziehung findet also nicht nur im Religionsunterricht statt. Von daher erklärt sich das Bedürfnis, eine katholische Schule zu haben, die ganzheitlich den Erziehungszielen der katholischen Kirche gerecht werden kann.

Inwieweit darf bzw. muss die staatliche Schulaufsicht in die Belange der Privatschulen hineinregieren? Wo sollten die Grenzen staatlicher Mitsprache liegen?

Nach unserer staatlichen Ordnung und nach den Bestimmungen des Grundgesetzes, die den Regeln der Weimarer Reichsverfassung folgen, verantwortet die Kirche hier in der Bundesrepublik Deutschland ihre Angelegenheiten weitgehend frei und selbstständig. Staatliche Aufsicht ist aus meiner Sicht immer da notwendig, wo es um Standards und Gleichwertigkeit geht, aber nicht da, wo es um Inhalte geht. Bestimmte Standards kann man mit verschiedenen Inhalten erreichen. Da also, wo formale Prüfungsbestimmungen zu beachten sind oder ein bestimmter Leistungslevel verlangt ist, muss der Staat verbindliche, gleiche Vorgaben für alle Schulen machen. Die Grenze ist da, wo es um Inhalte geht, gerade und insbesondere um die Inhalte von Religion und Glauben.

Wie würden Sie - aus Schulträger-Sicht - Ihr Verhältnis zur derzeitigen Landesregierung beschreiben?

Ich bin ja als Generalvikar des Erzbischofs von Paderborn mit der Problematik, die aus dieser Frage spricht, nicht allein. In Nordrhein-Westfalen gibt es außer dem Erzbistum Paderborn noch vier andere Diözesen und drei große evangelische Landeskirchen, die in der Führung eigener Ersatzschulen in Bezug auf den Staat dieselbe Problemlage haben. Bei der Landesregierung in Düsseldorf gibt es seitens der katholischen Kirche das Katholische Büro und eine entsprechende Stelle auch seitens der evangelischen Kirchen, die in regelmäßigem Kontakt mit den Ministerien stehen. Soweit ich das wahrnehme, werden da die Angelegenheiten, die die Politiker planen und die Auswirkungen im kirchlichen Bereich haben, durchaus besprochen und abgeklärt und man versucht, Konflikte zu vermeiden.

Religion und Politik

Was halten Sie von dem Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das das Anbringen von Kreuzen in öffentlichen Schulen verbietet oder zumindest stark einschränkt?

Die Frage trifft mich in einer besonderen Weise. Bevor ich Theologie studiert habe und Pastor wurde, habe ich ein rechtswissenschaftliches Studium absolviert und auch eine Zweite Juristische Staatsprüfung abgelegt. Von daher kann ich einigermaßen nachvollziehen, dass aus den Grundsätzen einer religiösen Neutralität, die der Staat gebietet, ein Gericht sagt: In einem religiös neutralen Staat und einer deswegen auch religiös neutralen Schule, die alle Schülerinnen und Schüler besuchen, können solche eindeutig religiösen Symbole nicht hängen.
   Es ist allerdings umgekehrt für manchen schwer nachzuvollziehen, dass ein Einziger in einem Klassenverband den Wunsch und den Willen möglicherweise der Mehrheit der anderen Klassenmitglieder derart majorisieren kann.

Welche Position beziehen Sie im derzeitigen Kopftuchstreit? Sollten muslimische Lehrerinnen während des Unterrichts ihr Kopftuch tragen dürfen?

Das ist eine ganz komplexe Fragestellung. Ich möchte mal den Rahmen von der anderen Seite her aufziehen. Wir leben zwar in einem religiös neutralen Staat, aber unser Grundgesetz formuliert auch Grundsätze von Glaubensfreiheit, von Religionsfreiheit, auch von Bekenntnisfreiheit. Lösungen, die das Tragen von religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit generell ablehnen, kann ich da nicht nachvollziehen. Ich glaube, gesetzliche Lösungen, die jegliches Tragen religiöser Symbole negieren, entsprechen nicht dem Freiheitsdenken unserer Verfassung.
   Eine zweite Position, die ich habe, ist folgende. Wenn ich das Kopftuch als religiöses Zeichen werte, komme ich sehr schnell zu dem Punkt, dass - wenn ich mich selber in meiner Kleidung sehe oder wenn ich Ordensangehörige in ihrer Tracht sehe - mich entsprechende gesetzliche Regelungen selber treffen würden. Und da ist die Frage zu stellen, ob man unser Staatswesen nicht vor dem historischen Hintergrund sehen muss, dass wir aus einer christlichen Umwelt kommen und nicht von vorneherein das Tragen eines Kopftuchs einer Muslima mit dem Tragen der Tracht einer Nonne gleichgesetzt werden kann. Das hat bei uns einen anderen kulturellen Hintergrund.
   Viel problematischer erscheint mir jedoch die Frage (und man versucht ja gerade in den Bundesländern sehr zaghaft, in entsprechenden Regelungen damit umzugehen), ob dieses Kopftuch tatsächlich nur ein religiöses Symbol für die Aussage "Ich bin Muslima, ich folge der islamischen Religion" ist. Es gibt ja Anfragen, ob damit nicht auch andere Ziele zum Ausdruck gebracht werden, ob dahinter nicht islamistische, fundamentalistische oder ganz bestimmte politische Vorstellungen stehen.
   Hinzu kommt die besondere Problematik, dass manche dieses Kopftuch mit einem bestimmten Verhältnis von Mann und Frau verbinden, das unsere Gesellschaftsordnung in Deutschland nicht tolerieren kann, und dass möglicherweise aus solchen Gründen das Symbol des Kopftuches von einigen Gruppen unserer Gesellschaft nicht gewollt ist.
   Grundsätzlich würde ich dafür votieren, dass man seinen Glauben frei äußern und leben kann, und dazu würde ich gegebenenfalls auch das Tragen des Kopftuches rechnen. Allerdings würde ich noch hinzufügen, dass, wenn das eine Beamtin tut oder jemand, der im öffentlichen Dienst als Amtsperson tätig ist, dies anders gewichtet werden kann.

Sie würden in dieser Hinsicht also beim Tragen eines Kopftuchs zwischen Lehrerin und Schülerin unterscheiden.

Allemal. Die Schülerin würde da in einen Konflikt gestürzt, den sie nicht lösen kann, wenn man ihr untersagen würde, das Kopftuch zu tragen. Sie folgt ja der Erziehung ihrer Eltern und ist auch keine Amtsträgerin.

Diesseits und Jenseits

Themenwechsel. Eine Frage, die wir bisher allen Interviewpartnern gestellt haben, obwohl wir in Ihrem Fall bereits die Antwort ahnen: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ganz sicher. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass, wenn mein Leben zu Ende ist und ich sterben muss - und irgendwann wird das ja sein -, alles gänzlich aufhört. Ich habe die Erwartung, dass ich die, die ich kennen gelernt habe, die, die vor mir gestorben sind aus der Familie, wiedersehe - und dass dieses Leben hier letztlich auch keinen Sinn hätte, wenn es ein Leben nach dem Tode nicht gäbe. Für mich als Christ ist schon sehr früh im Gespräch im Elternhaus deutlich geworden, dass ich mein Leben auch vor irgendetwas, vor irgendjemandem verantworten muss.

Wie würden Sie dem Einwand begegnen, der Jenseitsglaube sei nur eine billige Vertröstung, um Missstände im Diesseits nicht abstellen zu müssen? Mit anderen Worten: der Glaube ans Jenseits diene im Diesseits nur den Mächtigen?

Ich denke nicht, dass der christliche Glaube und das Christentum, so wie es sich hier in der Gesellschaft darstellt, vom Wirken in der Gesellschaft her so bewertet werden kann, als ob man unerträgliche Zustände bewahren wollte. Da spricht jegliche karitative, jegliche diakonale Tätigkeit, jede Hilfe in der Dritten Welt dagegen. Ich glaube nicht, dass heute ernsthaft führende kirchliche Vertreter da wären, die sagten, man dürfe Zustände, die geändert werden müssen, nicht ändern. Christlicher Glaube hat immer Außenwirkung, ist immer missionarisch und auf Verbesserung der Zustände ausgerichtet.

Inwieweit müssen bzw. sollten Schülerinnen und Schüler der erzbischöflichen Schulen Ihre Ansichten über das Jenseits teilen?

Ich glaube, dass da jeder sehr persönliche Vorstellungen hat. Das wird von der elterlichen Erziehung her kommen, von den Pastören, die man in der Kindheit und Jugend genossen hat. Eine totale Identifikation mit bestimmten Vorstellungen wird es da nicht geben. Mir würde es eigentlich reichen, dass jeder die Vorstellung hat: Dieses Leben hier ist nicht irgenwann zu Ende. Es gibt eine neue Art von Existenz, auf die ich zugehen werde, und es wird jemanden geben, mit dem ich darüber reden muss, wie ich hier gelebt habe.

Das Interview wurde am 20.8.2007 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Sebastian Rabe, Kerstin Rüenauver und Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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