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Interview

Reinhard Höppner   Reinhard Höppner,
Jahrgang 1948,
Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages,
ehemaliger Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt (SPD)

Diesseits und Jenseits

Herr Höppner, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Das ist auch wichtig für mein Leben.

Wie stellen Sie sich ein solches jenseitiges Leben konkret vor?

Es gibt Dinge im Leben (das merkt man im Laufe der Zeit), die man sich nicht vorstellen kann, bevor sie nicht eingetreten sind, und das gilt auch bezogen auf diese Frage nach dem Leben nach dem Tod.

Wie würden Sie dem Einwand begegnen, der Jenseitsglaube sei nur eine billige Vertröstung, um Missstände im Diesseits nicht abstellen zu müssen? Mit anderen Worten: der Glaube ans Jenseits diene im Diesseits nur den Mächtigen?

Dazu gibt es eine schöne Geschichte in der Bibel - vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Da kommt der arme Lazarus ja in den Himmel und der reiche Mann in die Hölle, und dann schickt nicht etwa der arme Mann Leute zurück in die Welt mit der Botschaft: Im Himmel ist es schön, ertragt mal das Leid auf der Erde! Sondern der reiche Mann versucht Leute auf die Erde zu schicken, die dann sagen: Ihr könnt nicht so weiterleben! Das ist ein deutliches Zeichen: Mit Vertröstung auf den Himmel hat Religion nichts zu tun.

Kirche und Politik

Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Also, für mich passt das sehr gut zusammen. Ich glaube, ich brauche unbedingt diesen Hintergrund als Christ, um tatsächlich auch vernünftig Politik zu machen.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Wir denken da beispielsweise an den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa und seine Kritik an der Familienpolitik von Ministerin von der Leyen...

Na ja, es kommt immer darauf an, auf welche Art und mit welcher Absicht man sich einmischt. Ich glaube, dass die Kirche und die Christen von ihrem Evangelium her ein paar wichtige Dinge zu sagen haben, die auch Politiker beachten sollten. Insofern ist Einmischung - mindestens so, wie sich auch andere Bürgerinnen und Bürger einmischen - natürlich nötig. - Es gibt aber natürlich auch Leute, die meinen, sie haben die Wahrheit gepachtet, und dann mit so einer selbstgerechten Art den andern sagen wollen, was richtig ist. Diese Art wäre aber nicht die der Christen.

Sehen Sie bei diesen "Einmischungen" Unterschiede zwischen Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche?

Das sortiert sich nicht so sehr nach Konfessionen. Das sortiert sich manchmal mehr nach politischen Standpunkten. Von einem "Zitatenglauben", der die Bibel sozusagen nur benutzt, um die eigene Autorität zu stärken, halte ich allerdings nichts.

Globalisierung

Befürchten Sie ähnlich wie Samuel Huntington in Zukunft einen weltweiten Kampf der Kulturen bzw. Religionen - oder sind wir gar schon mittendrin?

Es heißt ja eigentlich civilization, das heißt also Zivilisation. Und da kann ich nur sagen: Wenn die einen Krieg miteinander führen, dann ist eine von beiden keine Zivilisation. Wenn wir also vernünftig miteinander umgehen, wird es diesen Krieg nicht geben. Was jetzt dazu nötig ist, ist insbesondere ein Dialog der Religionen und Kulturen. Wir müssen uns erst einmal kennen lernen und dürfen uns nicht gegenseitig mit Vorurteilen überschütten, etwa dem (was in Deutschland üblich, aber völlig falsch ist), den Islam nur mit Terrorismus in Verbindung zu bringen. Und gegen dieses Vorurteil zu kämpfen heißt, die Konfrontation, die möglicherweise kommen könnte, zu verhindern.

In der Diskussion um die Globalisierung reden alle vom Diktat der Konzerne, von der Macht der Wirtschaft, vom Sieg der Ökonomie über die Politik. Wie sieht die Kirche den Globalisierungsprozess - und vor allem: Wie sieht sie selbst sich darin?

Die Globalisierung ist kein Schicksal, das uns überfällt, kein Sturm, der über uns herfällt, sondern die Globalisierung ist eine Gestaltungsaufgabe. Das heißt mit anderen Worten (und das ist übrigens auch die Botschaft des jetzigen Kirchentags): Wenn man einen Prozess gestalten will, dann muss man Zielkriterien haben, dann muss man wissen, wo man hinwill. Der Kirchentag hat die Frage nach der Würde des Menschen gestellt. Das ist in der Debatte um die Globalisierung vielleicht ein besonderer Beitrag der Kirchen, dass wir sagen: Wo die Würde des Menschen verletzt wird, da geht die Globalisierung in die falsche Richtung. Und wo die Würde des Menschen sich entfalten kann, da ist es richtig, da müssen wir helfen, dass das wachsen kann. Das ist offenbar eine Botschaft, die auch in anderen Kulturen verständlich ist. Das ist das Ziel der Debatte auf dem Kirchentag: einen Dialog in Gang zu setzen und im Globalisierungsprozess Kriterien zu setzen, die auch über kulturelle Grenzen hinweg verständlich sind.

Wie ist Ihre Meinung zum G8-Gipfel und zu den Protesten dagegen?

Die Proteste sind nötig. Mich ärgern bloß diejenigen, die Steine werfen und im Grunde genommen dafür sorgen, dass nicht über die Themen geredet wird, sondern nur über die Steinewerfer. Das kann nicht sein. Diese Steinewerfer sind genauso ignorant gegenüber den Weltproblemen wie die vielen in der Gesellschaft, die das alles nicht wahrhaben wollen. - Was den G8-Gipfel selber anbetrifft, ist das Problem natürlich, dass da ein paar Leute über wesentliche Dinge entscheiden, die dann andere auslöffeln müssen. Deswegen denke ich: Wer die Stimme der Betroffenen nicht rechtzeitig mit einbezieht, der kann eigentlich keinen Erfolg haben. Deshalb glaube ich, dass dieser G8-Gipfel, so wie er jetzt stattfindet, im Grunde genommen nicht wirklich etwas voranbringen kann. Jedenfalls steht der Aufwand, der da betrieben wird (das kostet ja Hunderte von Millionen), in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Gottesverweise

Bundeskanzler und Minister haben die Möglichkeit, bei Amtsantritt ihren Amtseid mit dem Zusatz "So wahr mir Gott helfe" abzulegen. Finden Sie diese Formel in der heutigen säkularisierten Welt noch angemessen?

Das ist ja eine Erklärung, die man ganz persönlich abgibt. Man verpflichtet sich zu etwas. Und ich finde es richtig, dass diejenigen, die diese Verantwortung - auch - als Christen wahrnehmen, bei der Wahrnehmung auf Gottes Hilfe vertrauen. Ich finde es aber auch absolut angemessen, dass diejenigen, die sich nicht auf diese Basis stellen, die Formel nicht verwenden. Insofern ist die wahlweise Verwendung dieser Formel "So wahr mir Gott helfe" durchaus angebracht.

Gehört ein Gottesverweis in die EU-Verfassung?

Das scheitert schon daran, dass die Kirchen in Europa das sehr unterschiedlich sehen. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche, die Frage, ob solche Formeln auch in weltliche Dokumente gehören, wird in den einzelnen europäischen Ländern sehr unterschiedlich gesehen. Ich glaube, das sollte man respektieren. Also, ich würde da in der europäischen Verfassung gerne darauf verzichten können.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) vorrangig politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde mich darum kümmern, dass das Millenniumsziel der Halbierung der Armut tatsächlich bis 2015 erreicht werden kann.

Das Interview wurde am 7.6.2007 am Rande des 31. Evangelischen Kirchentags in Köln geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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