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Interview

Walter Kardinal Kasper   Walter Kasper,
Jahrgang 1933,
Kurienkardinal, "Ökumeneminister" des Vatikan,
Vorsitzender des Päpstlichen Rats
zur Förderung der Einheit der Christen

Religion und Politik

Eminenz, der Vatikan ist ja nicht nur Mittelpunkt der katholischen Kirche, sondern ebenfalls ein eigener Staat der Völkergemeinschaft, wenn auch kein gewöhnlicher. Inwiefern sieht sich der Vatikan da als eine politische Institution?

WJT-Katechese in St. Andreas, Düsseldorf Der Vatikan ist nicht so sehr eine politische als vielmehr eine moralische Institution. Das ist besonders wichtig in der gegenwärtigen Situation. Ohne grundlegende moralische Maßstäbe kann es keinen Frieden geben. Der Vatikan mahnt Gerechtigkeit, Menschenrechte, Solidarität unter den Völkern an, vor allem für die armen Teile der Welt. Und in dieser Weise will er als moralische Instanz verstanden werden. Die politische Selbstständigkeit ist sozusagen nur das Vehikel, das Instrument für diese grundlegendere Aufgabe.

Sie sind der Vorsitzende des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen. Sehen Sie sich in dieser Funktion als "Politiker des Vatikan", speziell als Außenpolitiker?

Nein, das ist keine Außenpolitik. Wir haben ja nicht das Verhältnis zu den anderen Staaten, sondern unsere Aufgabe ist das Verhältnis zu anderen Kirchen und Kirchengemeinschaften. Das hat natürlich auch eine politische Seite. Wenn wir uns heute um die osteuropäischen Völker - die sind ja weitgehend orthodox, vor allem Russland - bemühen, dann hat das auch Folgen für die Politik - das schon. Aber es ist eine kirchliche, eine geistliche Aufgabe. Es geht um die Einheit im Glauben und in den Sakramenten.

Wie beurteilen Sie als Vorsitzender des Einheitsrats den politischen Entwurf einer "multikulturellen Gesellschaft"?

Ich denke, dass mit der multikulturellen Gesellschaft zwar ein Anliegen beschrieben ist: Es müssen heute Leute verschiedenster Kulturen und Religionen zusammenleben. Nur ist das Projekt "multikulturelle Gesellschaft" auch ein sehr fragwürdiges. Man hat das ja jetzt in Holland gesehen; man hat es in England gesehen. Das funktioniert so nicht ganz. Was wir auf jeden Fall lernen müssen, ist Respekt vor anderen Überzeugungen. Aber wir müssen auch erwarten dürfen, dass dann die anderen ebenfalls Respekt vor unseren Überzeugungen, vor unserer Art zu leben haben, sonst kann es nicht zum Frieden kommen. Das muss ein wechselseitiger Prozess sein.

Thema Friedenspolitik: Papst Johannes Paul II. hat im Irak-Konflikt ja sehr deutlich Stellung bezogen. Er hat sich gegen einen Krieg ausgesprochen. War dies nicht auch ein politisches Signal, noch dazu eins, das weit über das Übliche hinausging?

Das war sicher auch ein politisches Signal. Man kann da Religion und Politik nicht immer ganz trennen, wenn es um die grundsätzlichen Fragen geht. Die Kirche hat den Auftrag, für den Frieden zu arbeiten und zu sagen: Der Krieg kann, wenn überhaupt, nur das allerletzte Mittel sein, wenn alle anderen Versuche gescheitert sind und wenn es um grundlegende Fragen der Freiheit und der Gerechtigkeit geht. - In dieser seiner Politik hat Johannes Paul II. ja auch Recht bekommen. Man hat gemerkt, wohin dieser Krieg geführt hat. Er hat nicht das gewünschte Ergebnis gebracht, wenigstens bis jetzt nicht. Und deshalb war dieses Signal des Papstes überaus wichtig und angebracht, denn Frieden ist nicht nur ein politisches, sondern ist auch ein moralisches Problem. Da geht es um die Gerechtigkeit zwischen den Völkern.

Globalisierung

Apropos Gerechtigkeit: In der Diskussion um die Globalisierung reden alle vom Diktat der Konzerne, von der Macht der Wirtschaft, vom Sieg der Ökonomie über die Politik. Wie sieht die Kirche den Globalisierungsprozess - und vor allem: wie sieht sie selbst sich in diesem Prozess?

WJT-Katechese in Düsseldorf Es ist mit der Globalisierung wie fast überall: Es gibt Licht- und Schattenseiten. Das Positive ist: Die Grenzen zwischen den Völkern verschwinden. Man kann heute jeden Punkt der Erde in relativ kurzer Zeit erreichen. Man sitzt sozusagen in einem Boot. Aber das kann nicht nur ein wirtschaftlicher Prozess sein, da kann nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden werden. Papst Johannes Paul II. hat deshalb immer von einer "Globalisierung der Solidarität" gesprochen. Sehen Sie mal: Ein Kontinent wie Afrika hat im Augenblick, leider Gottes, für die Wirtschaft relativ wenig beizutragen - trotzdem darf er nicht aus der Globalisierung herausfallen. Wir müssen also die Solidarität lernen - vor allem die Solidarität der reichen, der entwickelten Völker, zu denen wir gehören, mit den armen Völkern. Nur wenn auch moralische Maßstäbe maßgebend sind, kann es zu einem friedvollen Zusammenleben kommen. In allen anderen Fällen kommt es zu einem Zusammenstoß der Kulturen, und das ist heute ja eine Gefahr.

Der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokraten, Franz Müntefering, den wir kürzlich interviewt haben, hat in den letzten Monaten deutliche Kritik an bestimmten Auswüchsen des weltweiten Kapitalismus geübt und eine neue, mehr am Gemeinwohl orientierte Unternehmer-Ethik gefordert. Unternehmer-Ethik - fällt das nicht auch in das Ressort der Kirche?

Selbstverständlich. Die Kirche hat den bloßen, den nackten Kapitalismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer schon verurteilt - wie man den ideologischen Sozialismus, also den Kommunismus, auch verurteilt hat. Die Kirche will ein Gemeinschaftsleben und ein Zusammenleben der Völker auf der Grundlage der Gerechtigkeit und der Solidarität. Ein einseitiger, am Profit orientierter Kapitalismus ist da im Grunde eine unethische Haltung. Also, da kommt etwas Gemeinsames bei dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei und den kirchlichen Anliegen zum Ausdruck. Das ist Gegenstand der kirchlichen Soziallehre.

Demokratie

Die Kirche ist ja eine Institution, die von Hause aus nicht unbedingt demokratisch strukturiert ist. Nun leben wir aber in einer Zeit weltweiter Demokratisierungsprozesse. Wie passt das zusammen?

Im Interview Für Demokratisierungsprozesse in der Welt, auf der staatlichen Ebene, bin ich sehr. Demokratie ist heute im Grunde die alleinige Form des Staates, die für die Menschen akzeptabel ist und die am besten der Freiheit jedes Menschen entspricht. Aber Demokratisierung kann man nicht auf alle anderen Lebensbereiche übertragen. Sie können zum Beispiel eine Armee nicht demokratisch führen, auch ein Wirtschaftsunternehmen nicht unbedingt demokratisch in dem Sinne, dass Sie immer alle Mitarbeiter befragen - das geht nicht. Und so ist die Kirche keine Demokratie, aber es kann in der Kirche Mitbestimmung, Mitsprache, Partizipation geben - und die soll es auch geben. Da kann noch einiges positiv getan werden.

Woran denken Sie da?

Wir haben die Pfarrgemeinderäte - das sollte man aktivieren. Auch die Diözesanräte hat man überall in deutschen Diözesen. Man kann darüber nachdenken, dass auf der Ebene der Bischofssynode die Mitsprache der Bischöfe verbessert wird. Und ich habe auch den Eindruck, dass der neue Papst hier die Prozeduren der Weltbischofssynode verbessern will. Also, da ist sehr vieles möglich, ohne dass die Kirche damit eine Demokratie im eigenen Sinne wird.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) vorrangig politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich war, als ich noch Bischof in Deutschland war, lange Zeit Vorsitzender der Kommission für die Weltkirche, zuständig also für die Hilfe für die so genannte Dritte Welt. Meine ganz große politische Option ist deshalb die Solidarität mit den armen Völkern, mit den unterdrückten Völkern. Wir können nicht nur an unseren eigenen Reichtum und Wohlstand denken, sondern müssen berücksichtigen: Unser Wohlstand ist nur sicher in einer Welt, in der überall Überlebenschancen für die Menschen, vor allem für junge Menschen, für Kinder gegeben sind. Und da spielt im Augenblick Afrika für mich eine vorrangige Rolle. Eine Situation, wie sie gegenwärtig im Niger herrscht, wo Kinder verhungern - die ist ja unverantwortlich angesichts der Tatsache, dass wir zugleich oft nicht wissen, was wir mit unseren übrigen Nahrungsmitteln anfangen sollen. Das kann keine gerechte Welt sein.

Das Interview wurde am 17.8.2005 am Rande einer Veranstaltung des Kölner Weltjugendtags in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Julian Hageböck, Anna Carla Kugelmeier, Stefan Röben, Inga Schörmann und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2012

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