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Interview

Helmut Kuhne   Helmut Kuhne,
Jahrgang 1949,
Mitglied des Europäischen Parlaments (SPD),
dort Mitglied im Außenpolitischen Ausschuss

Kirche und Politik

Herr Kuhne, Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Offensichtlich ganz gut, wenn man nach Amerika guckt. Ich finde allerdings, es ist kein positives Modell. Ich achte Menschen, die aus religiöser Überzeugung Politik betreiben. Aber ich glaube, solche Menschen müssen aufpassen, dass sie nicht zu Befehlsempfängern der Organisation Kirche werden.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Nehmen wir den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa, der sich gegen die Krippenpolitik von Familienministerin von der Leyen stellt.

Er darf das; aber er muss sich genauso wie Politiker gefallen lassen, dass man sagt: Du bist blöd! In dem Augenblick, in dem man in die politische Debatte eintritt, gibt es keinen Heiligenschein mehr.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen? Wir denken da zum Beispiel an die Regensburger Rede von Papst Benedikt, die bei Muslimen heftige - auch politische - Kritik ausgelöst hat.

Politik und Kirche müssen sich trennen lassen. Da bin ich strikt für die Trennung von Kirche und Staat. - Im Falle dieser Rede sieht das ein bisschen anders aus, weil, wenn ich sie richtig verstanden habe, sie ja vom Anspruch her der Versuch war, eine theologisch-philosophische Debatte mit den Theologen einer anderen Weltreligion zu beginnen. Und das ist selbstverständlich etwas völlig Legitimes.

Befürchten Sie, ähnlich wie Samuel Huntington, in Zukunft einen weltweiten Kampf der Kulturen bzw. Religionen? Oder sind wir gar schon mittendrin?

Es ist möglich, dass wir da hinkommen. Ich glaube allerdings, dass wir das verhindern können. Wenn man es realistisch sieht, sind es auf beiden Seiten nur extreme Minderheiten, die unter der Flagge von Religion Kulturkrieg führen. Das gilt nur für eine Minderheit unter den Muslimen. Ich weise aber darauf hin, dass es auch eine Minderheit unter selbsternannten Christen ist, die so etwas tun.
   Vor einigen Wochen war leider nur im Spätprogramm des ZDF ein Dreiviertelstundenfilm zu sehen, der zeigte, wie teilweise Achtjährige in Ausbildungscamps in Montana eingetrichtert bekommen, dass - am Beispiel der Harry-Potter-Bücher - Harry Potter den Tod verdient, weil er ja Zauberer ist und die christliche Religion Zauberei verbietet. In Deutschland gibt es die gleichen fundamentalistischen Kirchen aus Amerika, die irgendwo im Hessischen Ausbildungscamps betreiben, in denen sozusagen "Djihad auf christlich" gemacht wird. Das war sehr gut dokumentiert mit einer ganzen Reihe von Interviews. - Wenn El-Kaida dann in einem Propagandavideo Ausschnitte von amerikanischen Fernsehpredigern benutzt, von bekannten Fernsehpredigern wie Pat Robertson, der Mohammed als ein Schwein bezeichnet, dann sieht man, wie sich beide Seiten gegenseitig hochschaukeln. Das ist in der Tat etwas, wo wir eine Menge tun müssen, dass sich das nicht weiter ausbreitet.

Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang zu einem Gottesverweis in der EU-Verfassung?

Ich sagte ja bereits: Ich bin für die strikte Trennung von Kirche und Staat, und deshalb bin ich dagegen. Im Übrigen ist das eine gegenstandslose Debatte. Jeder französische Staatspräsident, der so etwas unterschreibt, kriegte einen Prozess wegen Hochverrat, weil die französische Verfassung jegliche Verweise dieser Art verbietet. Das ist eine gegenstandslose Debatte, die nur der ideologischen Selbstbefriedigung hier bei uns dient. Kein französischer Staatspräsident würde so etwas jemals unterschreiben. Punkt. Und damit wird der Verweis nicht kommen.

Diesseits und Jenseits

Eine etwas intimere Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Oh; hm. Im Zweifelsfall würde ich sagen: Nein.

Und warum nicht, wenn man fragen darf?

Ja, Sie haben ja nun nach der Glaubensfrage gefragt!

Aber Sie sagen ja nicht nur aus Spaß nein. Das muss ja einen Grund haben.

Richtig. Also, nach meinen bescheidenen Kenntnissen von biologischen Prozessen komme ich zu dem Ergebnis, dass es das eben wahrscheinlich nicht gibt.

Das Interview wurde am 15.6.2007 in Attendorn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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