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Interview

Norbert Lammert   Norbert Lammert,
Jahrgang 1948,
Präsident des Deutschen Bundestags (CDU)

Kirche und Politik

Herr Bundestagspräsident, Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Es gibt einen prinzipiellen Unterschied im Anspruch, und der macht deutlich, dass das eine und das andere eben nicht dasselbe ist. Kirchen, Religionen handeln von Wahrheiten; Politik handelt von Mehrheiten. Das ist erkennbar nicht dasselbe.
   Wenn ich über religiöse Zusammenhänge rede, dann spielen Mehrheiten keine Rolle. Ob etwas "richtig" ist, ist mit Mehrheitsentscheidungen nicht zu ermitteln. - Die Politik beruht umgekehrt auf der Überzeugung, dass niemand Wahrheitsansprüche erheben darf und dass nur das gilt, wofür sich Mehrheiten ausgesprochen haben.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter dann überhaupt in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel jetzt an den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa und seine Äußerungen zur "Krippenpolitik" der Familienministerin von der Leyen.

Es ist völlig in Ordnung, wenn sich Bischöfe auch zu politischen Fragen äußern - so wie ich auch keine Einwände dagegen habe, wenn sich Schriftsteller zu politischen Fragen äußern. Nur: In dem Augenblick, wo ich mich in eine politische Debatte begebe, muss ich mich auch den Spielregeln einer politischen Debatte unterwerfen. Das heißt, dann hat auch ein Bischof keinen Wahrheitsanspruch auf seiner Seite, sondern dann muss für seine Meinung das Gleiche gelten wie für das, was die Familienministerin sagt: Es findet dann statt, wenn es dafür Mehrheiten gibt. Doch es kann nicht der eine von beiden sagen, dies sei gewissermaßen unzulässig, weil "objektiv" falsch.
   Aber ich wünsche ausdrücklich eine aktive Beteiligung der Kirchen auch an politischen Debatten - weniger jetzt an solchen Tagesauseinandersetzungen wie Einkommensteuerreform oder meinetwegen auch dem Renteneintrittsalter; aber dass wir bei Fragen etwa des Lebensschutzes oder der bioethischen Entwicklung den Rat und die Begleitung der Kirchen dringend brauchen, davon bin jedenfalls ich fest überzeugt.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen? Nehmen wir beispielsweise die Regensburger Rede von Papst Benedikt, die ja unter Muslimen heftige - auch politische - Reaktionen und Kritik ausgelöst hat...

Der Papst hat mit seiner Rede sicher keine politischen Ambitionen verfolgen wollen. Dennoch ist richtig, dass dies natürlich auch ein politisches Ereignis war, weil der große, oft beschworene Dialog der Kulturen und der Religionen erkennbar ja auch etwas mit dem politischen Verhältnis von Ländern zueinander zu tun hat.

Diesseits und Jenseits

In diesem Zusammenhang eine etwas intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja!

Wie stellen Sie sich dieses Leben konkret vor?

Gar nicht.

Da müssen wir jetzt aber noch einmal nachfragen: Sie glauben also an ein jenseitiges Leben, haben aber keine Vorstellung davon? Wie ist das miteinander zu vereinbaren?

Die Frage verstehe ich nur begrenzt. Warum soll man es eher glauben können, wenn man eine konkrete Vorstellung hat? Manches spricht auch für die Theorie, dass das den Rest an Glauben ruiniert.

Das Interview wurde am 30.4.2007 in Arnsberg geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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