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Interview

Peter Liese   Peter Liese,
Jahrgang 1965,
Mitglied des Europäischen Parlaments (CDU),
dort stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe,
Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Kirche und Politik

Herr Dr. Liese, Sie sind ja nicht nur Politiker, sondern auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Daher meine Frage: Kirche und Politik - wie passt das überhaupt zusammen?

Ich finde, das passt sehr gut zusammen. Aber es darf natürlich nicht in irgendeiner Form von Diktatur enden. Ich glaube nicht, dass es für uns in einer demokratischen Gesellschaft die Möglichkeit gibt, zum Beispiel die Glaubenssätze der katholischen Kirche auf politische Gesetze zu übertragen.
   Wichtig ist mir jedoch Folgendes: Bei einer Wahl werden immer Personen gewählt. Deshalb möchte ich als Wähler, wenn ich zum Beispiel auf einem Parteitag, bei der Listenaufstellung oder auch bei der Bundestagswahl wähle, gerne wissen: Was sind das für Leute? Welche Grundsätze haben diese Leute? Haben die irgendwelche Prinzipien, oder drehen die ihr Fähnchen nach dem Wind? Das ist für mich persönlich ganz wichtig, und ich habe erlebt, dass es auch für andere Menschen ganz wichtig ist. Es gibt Politiker, die sind Technokraten - die machen immer gerade das, was populär ist. Da weiß ich aber nie, wenn ich sie heute wähle, ob sie in zwei Jahren noch das machen, wovon sie heute reden. Die Stimmung ändert sich womöglich, und dann ändert sich auch deren Meinung. Deswegen finde ich es wichtig, dass man Grundsätze hat.
   Und deshalb rede ich auch über meine Grundsätze. Meine Grundsätze beruhen auf dem christlichen Menschenbild. Das versuche ich in der Forschungspolitik, auch in der Sozial- und Wirtschaftspolitik, in der Umweltpolitik zugrunde zu legen. Mir geht es nicht darum, dass irgendein Unternehmen in irgendeinem Quartal möglichst gute Gewinne erzielt, sondern mir geht es darum, dass es auch den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gut geht. Mir geht es darum, dass ethische Werte beachtet werden - selbst wenn man noch so viel Geld damit verdienen kann. Eine Fabrik zum Klonen von Menschen will ich in Europa nicht haben, selbst wenn das wirtschaftlich vernünftig wäre. Das sind meine Grundsätze. Und die sage ich den Leuten vor der Wahl. Dann kann sich auch keiner beschweren, wenn ich nach der Wahl so handele und mich entsprechend engagiere. Ich möchte keinem meine Meinung aufzwingen, aber ich biete die an. Wenn die Leute die teilen, dann sollen sie mich wählen, und wenn sie sagen: Nee, der ist mir zu katholisch!, dann sollen sie mich halt nicht wählen.

Inwieweit dürfen sich denn Kirchenvertreter in die politische Diskussion einmischen? Ich denke da beispielsweise an die Kinderkrippenpolitik oder die Stammzellenforschung.

Ich finde es wichtig, dass sich die Kirchen einmischen. Wir haben immer weniger Autoritäten. Es gibt sehr viele Dinge, die von kurzfristigen Stimmungen abhängig werden.
   Ich bringe mal ein Beispiel, das mich derzeit sehr stark beschäftigt: die Klimapolitik. Auf dem letzten Gipfel der Staats- und Regierungschefs hatten wir ja eine heftige Diskussion. Ich meine zwar, dass das Ergebnis gut ist, doch habe ich zugleich gemerkt: Wir brauchten mehr langfristige Politik, mehr Menschen und Institutionen, die nicht nur von Tag zu Tag oder von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis gucken. 2007, vor anderthalb Jahren, haben alle über Klimaschutz geredet und gesagt: Der ist total wichtig! Wir werden unheimliche Katastrophen auf der ganzen Welt erleben, wenn wir jetzt nicht handeln! Alle waren dieser Meinung. - Jetzt haben wir die Finanz- und Wirtschaftskrise. Da wird jetzt plötzlich gesagt: Dafür haben wir keine Zeit mehr und auch kein Geld. Den Klimaschutz müssen wir zurückstellen. Wenn das Problem so ist, wie wir es vor einem Jahr beschrieben haben, dann muss man handeln und kann nicht sagen: Weil die Stimmung in der Wirtschaft jetzt gerade so schlecht ist, wollen wir keinen Klimaschutz mehr.
   Da wünschte ich mir zum Beispiel von der Kirche eine noch wesentlich stärkere Positionierung, weil die Kirche die Aufgabe hat, über den Tag hinaus zu denken (nicht darauf zu schielen, was gerade politisch aktuell ist, ob man sich damit beliebt macht, wenn man darüber redet). Sie hat die Aufgabe, langfristig auf einer wertorientierten Basis zu sagen, was richtig ist, auch wenn die Stimmung in dem Moment gerade anders ist.

Diesseits und Jenseits

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Kurz gesagt: ja. Ich weiß zwar nicht genau, wie es da abläuft, aber ich glaube schon daran.

Macht man eine andere Politik, wenn man an das Jenseits und nicht nur an das Diesseits glaubt?

Das sollte man. Ich gebe aber zu, dass beispielsweise ich mir das noch häufiger klar machen müsste. Man kann nicht alles perfekt machen. Den Himmel auf Erden gibt es nicht. Den Himmel gibt es nur im Himmel.

Das Interview wurde am 15.12.2008 in Attendorn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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