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Interview

Georg Pahlke   Georg Pahlke,
Jahrgang 1953,
stv. Leiter des Jugendhauses Hardehausen
des Erzbistums Paderborn

Jugendarbeit

Herr Dr. Pahlke, wozu braucht man ein Jugendhaus?

Jugendhaus Hardehausen Es ist eine gute Ergänzung zu anderen Jugendarbeits- und Jugendbildungseinrichtungen. Wir haben hier für alle Bereiche der kirchlichen Jugendarbeit die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen Dinge auszuprobieren. Wir haben in einer Konzeption die Jugendbildungsstätten mal "Orte der Nichtalltäglichkeit" genannt, wo sich Jugendliche, losgelöst von ihrer normalen Umgebung, ausprobieren können. Dafür kann man ein solches Haus gut gebrauchen.

Wenn Sie "losgelöst von der normalen Umgebung" sagen, was ist denn dann hier unnormal?

Unnormal ist nicht das Haus, auch nicht die Umgebung selber, sondern unnormal ist einfach das Setting, in dem die Jugendlichen hier sind. Wenn sie als Schulklasse kommen, sind sie nicht im Umfeld Schule. Unnormal ist auch, dass sie als Klasse 24 Stunden zusammen sind, zusammen leben, zusammen arbeiten, sich übereinander ärgern, miteinander Spaß haben, was ja im normalen Schulalltag in dieser Extremform nicht so vorkommt. Ähnlich ist es bei Jugendgruppen oder bei anderen kirchlichen Gruppen, etwa denen zur Kommunion- oder Firmvorbereitung, wo wir die Möglichkeit bieten, über einen längeren Zeitraum hinweg zusammen zu leben, miteinander gemeinsame Erfahrungen zu machen.

Jetzt könnte man technokratisch fragen: Was sollen denn die Jugendlichen dabei lernen? Welchen konkreten Nutzen hat es für sie, hier zu sein?

Wir haben hier im Kreuzgang des Hauses, noch von den Mönchen hinterlassen, eine kleine Skulptur. Darauf ist ein Männchen, und darunter steht ein Spruch: Ich habe Fleisch und Brot und leide doch Hungersnot. - Das Ganze ist entstanden nach dem Dreißigjährigen Krieg, als das Kloster hier neu aufgebaut wurde - als es in einer Form aufgebaut wurde, wie es im Mittelalter nicht üblich gewesen war, größer, reicher. Für mich ist es ein Hinweis darauf, dass eine Ahnung da war: Im Grunde geht es uns relativ gut, aber irgendetwas fehlt uns.
   Und das ist etwas, was uns in der Tradition des Hauses als einem ehemaligen Kloster mit unseren Vorfahren verbindet. Ich glaube, wir machen mit Jugendlichen im Grunde nichts anderes, als eben dieser Frage nachzugehen: Was habe ich im Leben? Was brauche ich? - Man könnte es auch anders formulieren: Habe ich, was ich brauche? Und brauche ich, was ich habe? - Dahinter steht die Ahnung, dass es im Leben mehr geben muss als die Dinge, die ich sichtbar zur Verfügung habe. Und darüber kommen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch.

Und das kann die Schule nicht leisten?

Schule kann das auch leisten; aber es ist nicht erste Aufgabe von Schule. Schule hat ja erst einmal den Auftrag, Wissen zu vermitteln. Wenn sie das andere darüber hinaus noch leistet, finde ich das gut.
   Unser Auftrag hier ist nicht in erster Linie, Wissen zu vermitteln. Hier geht keiner weg und kann anschließend in einem Test nachweisen, was er an zusätzlichem Wissen erworben hat. Ich sehe unsere Arbeit mehr auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit Fragen, auf die es nicht die eine richtige Antwort gibt, sondern wo es darum geht, dadurch weiterzukommen, dass ich mit anderen ins Gespräch komme, dass ich andere Perspektiven höre, dass ich andere Sichtweisen aufnehme, dass ich mich selber in Frage stellen lasse, dass ich dann aber auch für mich vielleicht eine neue Richtung finde, die eine Zeit lang für mich gültig ist.
   Das macht Schule natürlich auch. Aber für uns ist das noch mehr der Schwerpunkt der Arbeit.

Sie sagten eingangs, diese Arbeit sei eine "Ergänzung". Ist es eine optionale Ergänzung oder eine notwendige?

Manche Lehrer, die mit ihren Klassen hierher kommen, sagen, es ist eine notwendige Ergänzung. Wenn ich zum Beispiel hier an unseren Jugendbauernhof denke, wo Schulklassen eine ganze Woche mitarbeiten können, hören wir von den Begleitern oft, eine solche Woche auf dem Bauernhof bringe im sozialen Miteinander mehr als ein ganzes Jahr Unterricht.
   Von daher würde ich es schon als eine sinnvolle Ergänzung sehen. Sie ist natürlich optional, klar. Wir sind nicht in die Schulpflicht eingebunden. Man muss nicht hierhin kommen. Ein wichtiger Aspekt der kirchlichen Jugendarbeit ist ja der der Freiwilligkeit.

Das Jugendhaus Hardehausen läuft ja in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn. Könnten Sie sich auch ein Jugendhaus vorstellen, das jenseits der Religion, jenseits der Kirche angeboten wird? Oder ist es schon an Glauben - an Konfession oder zumindest an Religion - gebunden?

Es gibt ja in den östlichen Bundesländern ähnliche Angebote auch von nichtkirchlichen, nichtkonfessionellen Trägern. Die Orientierungstage, die wir hier machen, sind auch nicht vom Erzbistum getragen, sondern vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend, also von einem eigenständigen Jugendverband, und verstehen sich zwar als ein Angebot, das schon auf einer gewissen Werthaltung beruht und durch den christlichen Glauben geprägt ist, das aber für alle Schülerinnen und Schüler offen ist. Von den öffentlichen Schulen sind alle Schüler herzlich eingeladen, hierher zu kommen, ganz gleich, ob sie katholisch, evangelisch, islamisch, buddhistisch, konfessionslos oder was auch immer sind.

Diesseits und Jenseits

Ich gehe zwar davon aus, dass Sie katholisch sind, frage aber vorsichtshalber trotzdem mal: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja.

Können Sie kurz beschreiben, wie Sie sich das vorstellen?

Nein, das kann ich leider nicht. Ich habe darüber ganz oft in meinem Leben nachgedacht und immer wieder versucht, mir das vorzustellen. Doch habe ich dabei die Erfahrung gemacht: Je mehr man versucht, sich vorzustellen, wie das konkret aussieht, umso schwieriger wird es, daran zu glauben, weil damit erst die Fragen kommen. Für mich sind in diesem Zusammenhang die Bilder in der Bibel wichtig. Für mich ist da ein ganz wichtiges Stichwort das der "Beziehungen". Ich glaube, dass es im Jenseits um Beziehungen geht, um Beziehungen zu Menschen, die vor mir gelebt haben, die mit mir gelebt haben, und auch um Beziehungen zu Gott.
   Wo das ist, wie das ist, das kann ich mir nicht vorstellen, und ich habe es auch drangegeben, mir das vorzustellen. Die Frage stelle ich mir eigentlich nicht mehr.

Wie würden Sie denn dem Einwand begegnen, der Jenseitsglaube sei nur eine billige Vertröstung und diene eigentlich nur den Mächtigen im Diesseits dazu, ihr Machtfundament zu zementieren?

Dem würde ich immer dann zustimmen, wenn es wirklich so ist, dass Machtstrukturen Menschen unterdrücken und ihnen diese Unterdrückung durch das Versprechen eines besseren Jenseits "schmackhaft" gemacht wird. Dann ist das ein sehr berechtigter Einwand.
   Auf der anderen Seite ist es für mich jedoch keine schlüssige Argumentation gegen die Existenz eines Lebens nach dem Tode. Denn umgekehrt glaube ich, dass es wichtig ist, dass es in einer Welt, in der wir Gerechtigkeit nicht bis ins Letzte schaffen können, die Hoffnung gibt, dass Menschen, denen in diesem Leben hier Ungerechtigkeit widerfahren ist, es im Jenseits dann anders erleben.
   Ein einfaches Beispiel: Wenn ich an die sechs Millionen ermordeten Juden während des Nationalsozialismus denke, dann sträubt sich in mir alles, anzunehmen, dass deren Leben einfach beendet sein soll. Dann hoffe ich, dass sie irgendwo einen Ausgleich finden. Wie der aussieht, weiß ich natürlich nicht. Wie göttliche Gerechtigkeit aussehen könnte, weiß ich auch nicht.

Religion und Politik

Jetzt sind wir ja, mehr oder weniger stillschweigend, zum Thema Religion und Politik gekommen. Wie passt das denn beides zusammen?

Für mich relativ gut, weil ich meine, dass Glauben auch immer eine politische Dimension haben muss. Ich kann, zumindest als Christ, nicht glauben, ohne die Menschen um mich herum im Blick zu haben, und das ist schon eine politische Dimension.

Wie stehen Sie denn dann dazu, wenn sich Kirchenvertreter sehr deutlich zu politischen Fragen äußern? Nehmen wir mal Bischof Mixa und seine Ansichten zur Krippenpolitik oder die Bischöfe insgesamt zur Stammzellenforschung.

Da würde ich jetzt auch noch mal zwischen den Verlautbarungen zur Stammzellenforschung und den Ansichten von Bischof Mixa differenzieren, genau wie man zwischen Politik und Parteipolitik differenzieren muss. Fraglich ist für mich, ob sich Kirche zu jeder parteipolitischen Angelegenheit, zu jedem Streit zwischen Parteien äußern muss. Die Frage ist für mich auch, ob durch eine solche Äußerung die Christen dann parteipolitisch festgelegt werden dürfen, dieser Äußerung in ihrer politischen Entscheidung zu folgen.
   Man muss also sehr genau hinschauen, um welche politischen Fragen es sich handelt. Ethische Fragestellungen, in denen es um Leben, um Lebensbeginn, um Lebensende geht, sind für mich schon Fragen, zu denen in einer politischen Diskussion Kirche bzw. Bischöfe aus ihrem Verständnis heraus Stellung nehmen können - und auch nehmen sollten.
   Ob sie zu jeder anderen Frage Stellung nehmen sollten - zum Beispiel ob es erziehungspsychologisch sinnvoll ist, ein Kind mit unter drei Jahren in eine Krippe zu schicken oder nicht -, muss dann immer im Einzelfall entschieden werden. Ob in dem konkreten Beispiel ein Bischof der richtige Fachmann ist, eine Vorgabe für alle zu machen, kann man natürlich hinterfragen.

Angenommen, es gäbe die berühmte gute Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) gesellschaftspolitischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Nach dem, wie sich unsere Gesellschaft meiner Beobachtung nach im Augenblick entwickelt, würde ich mir von der Fee wünschen, dass sie einfach wieder mehr Gerechtigkeit in unsere Gesellschaft hineinbringt - weil ich das Gefühl habe, dass unsere Gesellschaft momentan von Jahr zu Jahr ungerechter wird.
   Ich habe gestern zufällig eine Diskussionssendung über die Bankenkrise in Amerika gesehen. Was im Moment bei uns, aber auch global an nicht mehr überschaubaren Abläufen stattfindet, ist dermaßen erschreckend, dass ich glaube, dass wir da einen dringenden Steuerungsbedarf haben.

Das Interview wurde am 18.9.2008 in Hardehausen geführt. Die Fragen stellte Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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