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Interview

Claudia Roth   Claudia Roth,
Jahrgang 1955,
Mitglied des Bundestags und
Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Grüne

Kirche und Politik

Frau Roth, Sie sind Politikerin und sind hier heute auf dem Evangelischen Kirchentag. Da fragen wir Sie natürlich als Erstes: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Wir haben ja hier in der Bundesrepublik Deutschland ein Verbot der Staatskirche. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Verbindungen, dass es nicht auch Kooperationen zwischen dem Staat und den Kirchen geben sollte.
   Wir befinden uns in einer Zeit, in der es darum geht, sich in dieser Bundesrepublik Deutschland darüber klar zu werden, in welchem Staat wir eigentlich leben. Ein Staat, der eben auch davon lebt, dass hier Menschen unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Religionen leben, braucht sehr viel mehr Dialog, sehr viel mehr Kooperation, sehr viel mehr Akzeptanz und Toleranz.
   Und es braucht auch einen Staat, der neutral ist und - das wird ja auf dem Kirchentag heute auch eine Rolle spielen - im Umgang mit Muslimen in unserem Land nicht in Erste, Zweite, Dritte Klasse unterscheidet.

Inwieweit dürfen sich denn Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Wir denken da beispielsweise an den Augsburger Bischof Mixa, seine Kritik an der Familienpolitik von Ministerin von der Leyen und an seine Äußerungen im Rahmen der Nahost-Reise der deutschen Diözesanbischöfe.

Jeder Mensch darf sich in die Politik einmischen. Ich finde nur, man muss sich überlegen, was verantwortlich ist. Und Herr Mixa hat es geschafft, ausgerechnet in Augsburg, der Stadt des Religionsfriedens, in der sehr viel getan worden ist für den Dialog der Religionen und der Kulturen, doch wieder ziemliche Mauern zu errichten und ziemliche Kontroversen und Differenzen auszulösen. Ich frage mich, ob das eigentlich eine verantwortliche Position ist, die er da einnimmt. Ich finde schon, dass es seine Aufgabe wäre, ein Wertefundament, das uns verbindet, zu beschreiben, und nicht als jemand aufzutreten, der eher die Gesellschaft spaltet, als sie zu integrieren.

Sehen Sie, was diese "Einmischungen" angeht, Unterschiede zwischen Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche?

Nein. Es ist ja nicht so, dass der EKD-Vorsitzende, Herr Huber, sich nicht auch in politische Debatten einmischen würde. Noch einmal: Das finde ich richtig und gut. Ich würde mir nur wünschen, dass es bisweilen weniger scharf, weniger klischeehaft, weniger von Vorurteilen belastet zugeht. Eine Funktion unserer großen Kirchen, vor allem auch der christlichen Kirchen, ist ja, dass sie zur Integration beitragen, dass sie helfen, Vorurteile abzubauen, indem sie vorleben, was Dialog ist.
   Da gibt es ja jetzt zum Beispiel eine Kontroverse der EKD mit den Vertretern der islamischen Religionsgemeinschaften bezüglich der Handreichung der EKD zum Islam und zu den Muslimen in unserem Land. Da würde ich mir mehr Milde wünschen und weniger Vorurteile.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen?

Das muss sich voneinander trennen. Ich finde schon, wir sollten eine deutliche Trennung von Kirche und Staat haben, ohne dass wir allerdings so einen strengen Laizismus wie in Frankreich haben.

Diesseits und Jenseits

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich bin auf der Suche nach dem, was ich glaube. Seit ziemlich vielen Jahren, Jahrzehnten bin ich auf der Suche danach, und es wird mich wahrscheinlich noch lange beschäftigen. Ich versuche immer wieder zu beschreiben: Was ist der Kitt, der mich zusammenhält und der unsere Gesellschaft zusammenhält? Das ist ein Glaube an die Grundrechte, an die Nächstenliebe, an die Menschenrechte. Was nach dem Tod passiert, das frage ich mich auch. Aber ich bin da nicht so sicher, was das Leben nach dem Tod angeht.

Wie würden Sie sich denn so ein Leben nach dem Tod vorstellen?

Also, ehrlich gesagt: Ich mache mir eher Gedanken darüber, wie ich mir ein gerechtes Leben vor dem Tod vorstelle. Ich glaube, das ist jetzt meine Hauptaufgabe. Ich mache mir Gedanken darüber, wie, während wir hier im Norden, in einem sehr reichen Land, leben, andere Menschen woanders überleben können. Wenn während unseres Gesprächs alle drei Sekunden ein Kind auf diesem Planeten gestorben ist, dann mache ich mir hauptsächlich darüber Gedanken, was unsere Politik, unser Lebensstil dazu beitragen kann, dass nicht alle drei Sekunden ein Kind stirbt.

Das Interview wurde am 7.6.2007 am Rande des 31. Evangelischen Kirchentags in Köln geführt. Die Fragen stellte Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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