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Interview

Ulla Schmidt   Ulla Schmidt,
Jahrgang 1949,
Mitglied des Bundestags (SPD),
Bundesministerin für Gesundheit

Kirche und Politik

Frau Ministerin, Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Wir legen ja Wert auf die Trennung zwischen Kirche und staatlichem Handeln. Aber die Kirche spielt in unserem Land eine große Rolle. Und wenn Sie fragen: Wie passt das zusammen?, dann glaube ich, dass das Handeln von Abgeordneten, die sich als Christen verstehen, auch christlich geprägt ist und damit bestimmte Entscheidungen beeinflusst. Es ist nicht so sehr die Kirche, die das beeinflusst, sondern der Glaube und das, was zu einer Religion dazugehört.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel an den Fall des Augsburger Bischofs Mixa und seine Äußerungen zur "Krippenpolitik" der Familienministerin oder an die Einwände mehrerer Bischöfe gegen die Stammzellenforschung.

Die Bischöfe sind für mich genauso Bürger dieses Landes wie jeder andere, und selbstverständlich sollen sie sich einmischen. Sie sollen mit zur Diskussion beitragen. Allerdings müssen sie dann auch vertragen können, dass man einen Bischof kritisieren kann. Das heißt, auch ein Papst, der sich in die aktuelle Politik einmischt, muss damit leben, dass die Menschen oder die Presse genau ihn kritisieren.
   Es war ja lange Jahre so, dass ein Bischof oder Papst überhaupt nicht kritisiert werden durfte. Das galt auch für Richter oder andere. Ich bin ganz froh, dass wir dazu allmählich ein normaleres Verhältnis bekommen. Jeder soll sich einmischen. Jeder muss dann nur zusehen, dass er auch eine Mehrheit für seine Ansicht hat.
   Was ich weniger gut fand (was aber heute auch nicht mehr so stattfindet), das war, dass die Kirche früher dazu aufgerufen hat, eine bestimmte Partei zu wählen. Das ist eine Einmischung, die ich so nicht akzeptiere.

Diesseits und Jenseits

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich glaube schon, dass man - wenn man das als Leben bezeichnen will - bei denen, die einen mögen, nie vergessen ist, sondern auch nach dem Tod noch da ist. Ich habe in meinem Alter ja schon viele Menschen sterben sehen, und die, die mir nah waren, sind immer noch da. Aber ich glaube nicht daran, dass man sich auf einer Wiese trifft.

Welche Konsequenzen haben Ihre - ich sage mal: - Glaubenszweifel für Ihr politisches Handeln?

Gar keine. Denn ich akzeptiere ja, dass Menschen auch anderes denken. Ich bin der Meinung, dass es gerade, was die Glaubensfragen angeht, wichtig ist, dass man akzeptiert, wenn jemand sagt: Ich glaube an ein Leben nach dem Tod (und auch dass sich dort Personen oder Seelen begegnen).
   Für mein politisches Handeln gäbe es da allenfalls die Konsequenz, dass ich dafür sorge, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder seinen Glauben so leben darf, wie er das möchte - sofern nicht Glaube vorgeschoben wird, um andere unterdrücken zu können. Aber das möchte ich möglich machen, dass niemand wegen seines Glaubens diskriminiert wird, niemand ausgelacht wird. Das ist, glaube ich, das Wichtige.

Das Interview wurde am 22.8.2008 in Attendorn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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