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Interview

Nikolaus Schneider   Nikolaus Schneider,
Jahrgang 1947,
Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland

Diesseits und Jenseits

Herr Schneider, zunächst eine vielleicht selbstverständliche Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja.

Wie stellen Sie sich ein solches jenseitiges Leben konkret vor?

Ja, das ist eben schwer, sich das vorzustellen, weil wir nicht wissen, wie es sein wird. Wir haben nur Bilder davon. Aber diese Bilder bringen, glaube ich, etwas Richtiges zum Ausdruck, nämlich dass es uns da sehr gut gehen wird und dass wir da ein für allemal zu Hause sind und dass es da keine Tränen mehr gibt und keinen Krieg und kein Geschrei, sondern dass es dort Frieden gibt und dass wir sozusagen in der Gegenwart Gottes leben werden.

Wie würden Sie dem Einwand begegnen, der Jenseitsglaube sei nur eine billige Vertröstung, um Missstände im Diesseits nicht abstellen zu müssen? Mit anderen Worten: der Glaube ans Jenseits diene im Diesseits nur den Mächtigen?

Da würde ich sagen, dass es solchen Missbrauch durchaus gegeben hat und vielleicht ab und zu auch mal wieder gibt. Aber er ist nicht die notwendige Konsequenz; denn Glaube heißt ja auch: Wir haben alle Verantwortung wahrzunehmen, auch die Mächtigen. Das bedeutet, es ist eben keine billige Vertröstung, sondern es ist die Herausforderung zur Verantwortung, die Herausforderung, hier verantwortlich zu leben. Das ist damit gemeint. Von daher heißt Jenseitsglaube nicht, dass hier jetzt alles schlecht ist und wir im Reiche Gottes den Ausgleich kriegen, sondern es ist eben Verantwortung, die uns leiten sollte.

Kirche und Politik

Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Es passt so zusammen, dass man erst einmal klarstellen muss: Kirche ist keine Partei. Kirche ist auch keine Gewerkschaft. Kirche ist auch nicht der Resonanzkörper für eine bestimmte Partei oder eine Gewerkschaft. Sondern Kirche ist die Versammlung der Gemeinschaft der Gläubigen, die sehr umfassend ist.
   Wenn das klar ist, dann ist Kirche eine Institution, die Politik möglich macht. Sie macht sie nämlich möglich, indem sie sozusagen einen Rahmen beschreibt, Grundsätze beschreibt, die für Politikerinnen und Politiker wichtig sind. Wir haben das in der Barmer Erklärung mal so gesagt: Die Kirche erinnert die Politik an Gottes Reich und Gerechtigkeit. Das sind die Inhalte, um die sich Politik kümmern soll. Politik soll für Frieden sorgen, Politik soll für Gerechtigkeit sorgen. Wenn das so ist, dann ist sie legitim und dann soll sie auch das Gewaltmonopol halten. Das hat einfach damit zu tun, dass Gottes Wort, das Evangelium, Welt mit gestalten will. Die zehn Gebote sind ja nicht nur für Sie oder für mich, für Ihre Klasse, für jeden im stillen Kämmerlein da, sondern sie regeln unser Zusammenleben. Wenn da steht: Du sollst nicht morden!, dann heißt das, ich soll dir nicht den Schädel einschlagen; das ist gut für uns beide. Wir wollen Welt gestalten, so dass alle Menschen auf dieser Welt glücklich leben können; darum geht es im Evangelium. Und da kommt man am politischen Raum nicht vorbei.
   Aber es ist weise, dass die Kirche selber da keine Macht anstrebt, das nicht mit Macht durchsetzt, sondern alleine mit der Überzeugungskraft des Wortes Gottes.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter überhaupt in die Politik einmischen? Wir denken da beispielsweise an den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa, der sich gegen die Familienpolitik von Ministerin von der Leyen gestellt hat...

Wenn Bischof Mixa sagt: Hier geht es um ganz wesentliche Fragen der Menschen, bei denen es sozusagen um Tod und Leben für die Menschen geht!, dann muss er etwas sagen. Aber wenn es darum geht, ein sehr enges, einseitiges Familienbild zu stabilisieren, dann soll er seine Meinung zwar sagen, doch nicht mit dem Anspruch des Bischofs, sondern mit dem des Mitbürgers Mixa. Und dann muss er auch damit leben, dass er entsprechend anderes hört.

Sehen Sie bei diesen "Einmischungen" Unterschiede zwischen Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche?

Ja und nein. Ich glaube, das geht quer durch. Die Einmischungen beziehen sich ja auf wesentliche Fragen des Lebensrechtes, des Lebensschutzes. Da sind wir uns weitgehend einig.
   Etwa bei der Frage der Abtreibungen zum Beispiel gibt es allerdings etwas unterschiedliche Akzentuierungen. Da sagen wir als Evangelische: Nicht gegen die Frauen, sondern mit den Frauen! Deshalb meinen wir, es muss auch Beratung geben; wir sollten auch in der Kirche bei dieser Beratungsarbeit bleiben, selbst wenn wir es mit der Beratung nicht verhindern können, dass eine Frau dann doch abtreibt. Aber wir dürfen sie auch dann erst recht nicht alleine lassen, sondern müssen in der Beratung bleiben.
   Da gibt es also unterschiedliche Akzentuierungen. Manchmal sagt man, die evangelische Kirche sei ein bisschen politischer; aber dann empfehle ich mal, auf Bischof Kamphaus zu hören oder auch auf Kardinal Lehmann. Manchmal sagt man ja auch, die katholische Kirche ist mehr bei den individuellen Lebensrechten engagiert, also bei den Rechten des Einzelnen, etwa in Fragen der Sexualität; aber dann empfehle ich, auch mal bei unseren Bischöfen nachzuhören; da finden Sie dieses auch. Insofern geht das, wie ich schon sagte, quer durch.

Kampf der Kulturen

Befürchten Sie ähnlich wie Samuel Huntington in Zukunft einen weltweiten Kampf der Kulturen bzw. Religionen - oder sind wir gar schon mittendrin?

Es gibt solche Tendenzen, die einem Angst machen können, aber wir müssen eben alles dafür tun, dass es einen solchen Kampf von Religionen und Kulturen nicht gibt. Man muss sagen: Es ist in allen Religionen - jedenfalls in denen, die einen Wahrheitsanspruch haben - angelegt, dass dieser Wahrheitsanspruch dann plötzlich mit staatlicher Macht durchgesetzt werden soll. Und dann wird es blutig. Die christlichen Kirchen haben das über Jahrhunderte gemacht - mit Kreuzzügen, mit Hexenverbrennungen, mit Verfolgungen, dass sich die Evangelischen und die Katholischen zu Tausenden gegenseitig umgebracht haben. Wir haben die Lektion erst lernen müssen, dass es so nicht geht.
   Und da ist nun weltweit noch sehr viel weiter zu lernen. Wir müssen alles dafür tun, dass die friedensstiftenden und friedensschaffenden Potenziale, die auch in allen Religionen enthalten sind, mächtig werden, indem wir uns sehr viel stärker daran erinnern: Erstens, Gott selber, Er soll richten; es ist nicht unsere Aufgabe, an seiner Stelle zu richten. Zweitens: Gott empfiehlt uns den geschwisterlichen, den liebevollen Umgang miteinander; und daran sollen wir uns halten.

Noch eine letzte Frage. Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) vorrangig politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Institutionen der Vereinten Nationen schaffen, die dafür sorgen, dass es faire Handelsbedingungen, faire Marktbedingungen auf dieser Welt gibt, so dass die Globalisierung allen zugute kommt. Und den Waffenexport würde ich unter strengste Kontrolle stellen, so dass die Kriege damit nicht weiter befeuert werden.

Das Interview wurde am 9.6.2007 am Rande des 31. Evangelischen Kirchentags in Köln geführt. Die Fragen stellte Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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