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Interview

Wolfgang Thierse   Wolfgang Thierse,
Jahrgang 1943,
Vizepräsident des Deutschen Bundestags (SPD)

Kirche und Politik

Herr Thierse, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich bin ja ein einigermaßen überzeugter Christenmensch, also glaube ich daran, auch wenn ich keine wirkliche Vorstellung davon habe. Es entzieht sich ja unserer Vorstellung. Wir wissen nichts von diesem Jenseits, also sind wir auf Glauben verwiesen.

Sie sagen, Sie sind ein "Christenmensch". Zugleich sind Sie Politiker. Daher unsere Frage: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Abgesehen davon, dass das unterschiedliche Dinge sind, dass die Kirche nicht Politik machen soll und die Politik sich nicht in die Belange der Kirche einmischen soll, gibt es schon Zusammenhänge. Es kann nicht bloß geglaubten Glauben geben. Christentum reduziert sich nicht auf innere Frömmigkeit, sondern ist Lebenspraxis. Also hat es auch eine politische Dimension, und daher sollen Christenmenschen sich auch in die Politik einmischen. Kirche soll allerdings nicht Parteipolitik machen, sondern immer neu Fragen stellen, neue Begründungen für vernünftiges Verhalten in der Politik, für moralisch gute Entscheidungen liefern. Aber sie darf die Politik nicht ersetzen.

Inwieweit dürfen sich dann Kirchenvertreter in die Politik einmischen, zum Beispiel der Augsburger Bischof Mixa in Sachen Krippenpolitik?

Er kann doch seine Meinung sagen! Das nehme ich ihm nicht übel. Er muss nur ertragen, dass ihm dann schärfstens widersprochen wird. Wenn ein Bischof seine Meinung entschieden sagt, sage ich: Großartig! - Er muss dann allerdings akzeptieren, dass ihm entschieden widersprochen wird oder andere ihm jubelnd zustimmen. Das ist ganz normal.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen?

Also, ich wünsche mir, dass der Unterschied sichtbar bleibt. Kirchen sollen nicht Parteien ersetzen. Und Parteien sollen sich nicht als Kirchen aufspielen. Dieser Unterschied muss immer wach gehalten werden.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) vorrangig politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde für andere Verhältnisse im Welthandel sorgen, damit die Afrikaner und die Südamerikaner mehr Chancen haben, das, was sie produzieren, in Europa und in den USA zu verkaufen, damit sie durch eigene Arbeit ihre Armut überwinden können.

Das Interview wurde am 7.6.2007 am Rande des 31. Evangelischen Kirchentags in Köln geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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