Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Bernhard Vogel   Bernhard Vogel,
Jahrgang 1932,
Ministerpräsident a. D. (CDU)
der Länder Rheinland-Pfalz und Thüringen,
Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung

Kirche und Politik

Herr Dr. Vogel, Religion und Politik - wie passt das zusammen?

Ich bin - natürlich, würde ich fast sagen - der Meinung, Staat und Kirche sollen getrennt sein. Es ist ein Ergebnis jahrhundertelangen Streites, dass es zu dieser Trennung kam. Für diese Trennung gibt es sehr viele gute Gründe, und die halte ich für richtig. Sie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide, Staat und Kirche, es mit dem gleichen Menschen zu tun haben und dass diese Trennung keine feindliche ist, sondern eine - wenn Sie so wollen - Aufgaben- und Zuständigkeitstrennung, und dass die beiden Elemente zusammenwirken sollen, weil sie, wenn auch ganz unterschiedlich, dafür sorgen sollen, dass der Mensch ein menschliches Leben leben kann.
   Deswegen halte ich es auch für richtig, dass es Religionsunterricht gibt; ich halte es für richtig, dass der Staat - allerdings gegen eine gewisse Bezahlung - die Kirchensteuer einzieht und dass der Staat kirchliche Feiertage zu Staatsfeiertagen macht. Das ist ja eigentlich nur daraus zu erklären, dass sie zwar getrennt sind, aber gemeinsame Verantwortung tragen.
   Das heißt für mich im Übrigen freilich auch, dass ich es einerseits nicht gut finde, wenn der Staat mitredet, wer Bischof werden soll, es aber andererseits auch nicht gut finde, wenn Bischöfe sich zu einzelnen Gesetzen äußern. Dass sie sich zu Fragen des Lebens, dass sie sich zu bioethischen Fragen äußern, steht für mich außer Frage, das ist in Ordnung. Aber ich überlasse das Predigen gerne jemandem, der das studiert hat und kann. Und im Gegenzug bitte dann darum, die Parlamentsdebatte uns, den Politikern, zu überlassen.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion um einen Gottesverweis in der EU-Verfassung?

Im Grundgesetz steht in der Präambel "In der Verantwortung vor Gott und den Menschen". Ich bin - fast möchte ich sagen: selbstverständlich - der Meinung, dieser Passus gehörte auch in die Europäische Verfassung, den Verfassungsvertrag, den Grundvertrag oder wie auch immer das dann letztlich heißen mag; und ich habe mich dafür auch immer ausgesprochen. Nur weiß ich, dass Frankreich das - zumindest for the time being - nicht akzeptieren wird aufgrund der ganz anderen Entwicklung, die das Verhältnis Kirche - Staat in Frankreich aufgrund der Säkularisierung über Hunderte Jahre genommen hat. Weil ich das weiß, bleibe ich zwar dabei, dass ich das drinhaben möchte, lasse aber daran die europäische Einigung nicht scheitern.
   Ich fühle mich da übrigens in ganz guter Nachbarschaft zum Vatikan. Dem Vatikan war noch wichtiger als der Gottesbezug, dass die Kirchen in den einzelnen Nationen der EU ihre Rechte behalten. Und das ist garantiert. Das heißt zu Deutsch, dass in Deutschland weiter Kirchensteuer erhoben werden darf, dass in Deutschland die Kirchenartikel in der Verfassung gelten und nicht durch europäisches Recht außer Kraft gesetzt werden können.
   Ich bin im Übrigen der Meinung, der Laizismus in Frankreich (ich habe mich darüber oft in Diskussionen mit französischen Repräsentanten auseinandergesetzt, vor allem mit Alfred Grosser, mit dem ich da sogar einer Meinung bin) ist letztlich ein christlicher Laizismus, weil er zwar keinen Religionsunterricht in der Schule kennt, aber den Mittwochnachmittag freihält, damit die Christen Religionsunterricht machen können, - und weil er den Sonntag als Feiertag akzeptiert. Jetzt kommt allerdings neuerdings der Islam und sagt: Nein, nein, wir wollen nicht den Sonntag, wir wollen den Freitag - und wir wollen in der Schule keine Buben und Mädchen zusammen unterrichtet sehen - und wir wollen keine Lehrerinnen. Damit stellt sich natürlich jetzt die Frage: Ist das tatsächlich noch Laizismus, wenn sich der französische Staat an den christlichen Regeln orientiert? Und darum habe ich die Vermutung, dass der französische Laizismus in einiger Zeit ein Diskussionsgegenstand werden wird. Sie werden es noch erleben; ich nicht mehr.

Diesseits und Jenseits

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, selbstverständlich! Sonst wäre ich ja kein Christ.

Wie stellen Sie sich dieses Leben konkret vor?

Diese zweite Frage zu beantworten ist sehr viel schwieriger. Darauf eine tatsächlich befriedigende Antwort zu geben ist mir nicht möglich und ist, glaube ich, niemandem möglich. Ich glaube, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, dass er von Gott geschaffen ist, dass es eine Auferstehung geben wird und dass es ein ewiges Leben gibt. Aber wie das im Einzelnen aussieht, darüber kann man Dichtungen veranstalten, aber das weiß ich nicht.

Das Interview wurde am 26.6.2007 in der Katholischen Akademie Schwerte geführt. Die Fragen stellten u. a. Hendrik Schörmann und Kerstin Rüenauver.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter