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Kneipenbummel

Ein Novembertag, kurz nach sechs Uhr abends. Es ist kalt; leichter Nieselregen fällt auf das Katzenkopfpflaster der Fußgängerzone. Hier beginnen wir unseren Weg durch die heimische Kneipenlandschaft. Irgendein findiger Statistiker hat ausgerechnet, dass die Attendorner City, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, eine höhere Gastronomiedichte als die Düsseldorfer Altstadt hat. Tatsächlich reiht sich hier mancherorts Lokal an Lokal.

Wir beginnen mit dem exponiertesten, direkt am Marktplatz, im Schatten der Pfarrkirche. Jens Selter, Inhaber von "Diebels Fasskeller", steht uns Rede und Antwort.

  Jens Selter
Jens Selter.
Herr Selter, wie beurteilen Sie das aktuelle Nichtraucherschutzgesetz?

Das Gesetz existiert zwar noch, ist aber vom Verfassungsgericht in Baden-Württemberg und Berlin gekippt worden, so dass auch in Nordrhein-Westfalen Veränderungen vollzogen worden sind. Daher bin ich momentan von dem Gesetz enttäuscht, weil es nicht einheitlich, sondern schwammig ist. Ich gehe aber davon aus, dass in den nächsten Jahren das Rauchverbot komplett eingeführt wird, egal, ob man nun Einraum- oder Zweiraumgaststätten hat.

Sehen Sie durch das Rauchverbot Beeinträchtigungen für Ihr Geschäft?

Jein. Dadurch, dass das Gesetz zurzeit noch schwammig ist, kann ich variieren, indem ich unter der Woche nicht rauchen, am Wochenende ab 21 Uhr, wenn die Küche geschlossen hat, aber rauchen lasse.

Wie stehen Sie persönlich zum Rauchverbot?

Ich habe damit kein Problem. Ich rauche selber nicht. Andererseits muss ich sagen: Der Gesetzgeber greift da in private Angelegenheiten ein. Eigentlich sollte jeder erwachsene Mensch selbst entscheiden dürfen, ob er in eine Kneipe geht, in der geraucht wird. Es geht wieder ein Stück Freiheit verloren.

In einer Seitenstraße stoßen wir auf das Lokal "Zum Kuckel". Als wir es betreten und Benjamin Rocco, dem Wirt, unser Anliegen vortragen, beginnen seine Augen zu funkeln. Auf jemanden wie uns hat er offenbar schon lange gewartet. Jetzt kann er sich endlich mal seinen Frust über das Nichtraucherschutzgesetz von der Seele reden. Zugleich macht er aber deutlich, dass er, zumindest was seinen Betrieb angeht, seine ökologische Nische gefunden hat.

  Benjamin Rocco
Benjamin Rocco.
Herr Rocco, wie sehen Sie das gesetzliche Rauchverbot?

Sehr kritisch. Denn ich bin leidenschaftlicher Raucher. Aber ich habe eine sehr aufgeschlossene Gemeinde. Attendorn ist da wirklich super.

Können Sie das näher erläutern?

Das ist eigentlich ganz einfach. Der Kreis Olpe hat das Gesetz etwas weiter ausgelegt. Dem Gesetzestext fehlt da ja eine feste Grundlage: Es heißt lediglich, der Nichtraucherraum muss größer sein als der Raucherraum. Aber dass man Nichtraucherräume zusammenlegen kann, Räume, die nur für das Personal zugänglich sind, wie Küche und Personaltoiletten, aber auch die öffentlichen Toiletten, darüber ist nie nachgedacht worden. Das hat die Gemeinde Attendorn selber gemacht. Deshalb darf in diesem Raum hier weiterhin geraucht werden. Nebenan habe ich einen Speiseraum, da darf nicht geraucht werden.

In einem anderen Gässchen finden wir die Eckkneipe "Zur Nette". Betrieben wird sie vom Vater des "Fasskeller"-Wirts, Rudolf Selter. Ähnlich wie sein Sohn ist er mit dem Gesetz in der jetzigen Form unzufrieden.

Herr Selter, wie stehen Sie persönlich zum Rauchverbot?

Seit einem halben Jahr macht mir das nichts mehr aus. Ich habe vorher stark geraucht, aber nach einem Herzinfarkt damit aufgehört. Doch auch insgesamt hat das Rauchen hier stark nachgelassen. Wenn an der Theke zwanzig Mann stehen, dann rauchen von denen heute höchstens noch drei, vier.

Welche Verbesserungsvorschläge zum aktuellen Gesetz haben Sie?

Von mir aus sollen sie ein absolutes Rauchverbot einführen. Das wäre das Beste. Nur müssten sich die Verantwortlichen mal einig werden, was sie machen wollen - nicht da rauchen lassen und dort wieder nicht. Wenn hier um die Ecke ein Lokal ist, über dem dick "Wir sind eine Rauchergaststätte" steht, dann gehen die Leute natürlich dahin statt hierhin. Nur wenn man nirgends mehr rauchen darf, kommen die Leute auch automatisch wieder zu mir.

Ein Dorn im Auge sind vielen Mehrraum-Gastwirten die so genannten Raucherclubs - Einraumgaststätten, die sich unmittelbar nach Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes eine Satzung gaben, die die Gäste sozusagen zur "geschlossenen Gesellschaft" erklärte und damit von den gesetzlichen Regelungen ausnahm. Magdaleni Samara, Wirtin des Lokals "Napoleon", erklärt uns freimütig, was sie zur Umwidmung ihres Betriebs in einen Raucherclub bewegt hat und wie der Club funktioniert.

  Magdaleni Samara
Magdaleni Samara.
Frau Samara, wie gehen Sie mit der neuen Gesetzeslage um?

Wir haben zunächst mal einen Raucherclub gegründet, denn bei uns sind 99 Prozent der Kunden Raucher. Anders können wir es nicht machen, sonst sitzen wir alleine hier in unserer Einraumkneipe. Unsere Gäste haben gesagt: Wenn wir hier nicht mehr rauchen dürfen, dann kommen wir nicht mehr!

Wie funktioniert so ein Raucherclub?

Das ist in unserem Fall der Dehoga-Raucherclub. Man ist da Mitglied. Alle Gäste, die hier reinkommen, sind eingetragen. Die sind auch damit einverstanden, dass hier geraucht wird. Sie müssen das unterschreiben. Wir haben da eine Buchführung.

Dehoga, das ist der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. Er hat an seine Mitglieder schon frühzeitig Mustervordrucke für die Einrichtung von Raucherclubs verteilt. [1] Die Aktion ist allerdings umstritten. Viele Ordnungsbehörden und Konkurrenten sehen darin den Versuch, das Gesetz auszuhebeln.

Auch wir bemerken sehr schnell, dass die Raucherclubs offensichtlich auf dünnem Eis betrieben werden. Nicht alle Wirte geben so bereitwillig Auskunft wie die Inhaberin des "Napoleon". Ein anderer Clublokalbetreiber reagiert uns gegenüber zum Beispiel sehr reserviert. Er wolle sich zum Rauchverbot lieber nicht äußern. Zu schnell könne einem da ein Wort herausrutschen, das die Konkurrenz dann begierig aufgreife. Außerdem stünden er und seine Gäste wegen des Mindestaltergebots von 18 Jahren ohnehin unter ständiger Beobachtung des Ordnungsamts.

Auch ein italienischer "Raucher- und Fernsehclub", den wir besuchen, bringt uns keine weiteren Erkenntnisse. Erst heißt es, der Wirt spreche zu wenig Deutsch für ein Interview und die Wirtin sei gerade nicht da, wir sollten später wiederkommen. Als wir das dann tun, erklärt uns der Wirt in fehlerfreiem Deutsch, gerade eben sei die Wirtin schon wieder gegangen; man könne uns jetzt also wiederum keine Auskunft geben.

Zumindest im letzten Punkt irrt er. Keine Auskunft ist auch eine Auskunft.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2009

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