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Interview

"Wir erreichen viele dieser Menschen nicht mehr"

Kölns Stadtdirektor Guido Kahlen über das Betteln in der Domstadt

Herr Stadtdirektor, Bettler in der Kölner Innenstadt - was sagen Sie dazu?

Wir haben das Problem, dass die Gesellschaft immer mehr auseinander driftet und dass wir es auch mit unseren sozialen Systemen nicht mehr schaffen, dass Menschen diese Form zu leben aufgeben können. An sich muss es unser Ziel sein, menschenwürdige Verhältnisse so zu sichern, dass Betteln nicht mehr notwendig wird. Aber wir erreichen viele dieser Menschen nicht mehr; wir sind froh, wenn wir wenigstens ihre Gesundheit sicherstellen können; dafür haben wir auch mobile Angebote.
   Betteln gehört heute leider zu unserem Alltag, und es wäre falsch zu glauben, man könnte das irgendwie ordnungspolitisch verändern. Es gibt, wie gesagt, nun mal Menschen, bei denen wir nicht erreichen können, dass sie auf Almosenempfang verzichten.
   Was ich allerdings ganz ärgerlich finde, ist, wenn Menschen zum Betteln Kinder einsetzen. Da werde ich richtig ärgerlich, um nicht zu sagen: sauer. In diesem Punkt engagiert sich auch unser Jugendamt ganz stark - wenn Kinder instrumentalisiert werden, wenn Kinder den Eindruck bekommen, dass dies sozusagen natürliches Erwerbsverhalten ist.
   Gegen das "normale" Betteln müssen wir sicherlich auch etwas tun, aber wir werden es vermutlich nicht schaffen, dass tatsächlich alle Menschen ohne Betteln auskommen.

Es gibt ja Städte, die sehr rigide gegen das Betteln vorgehen. In Düsseldorf gibt es zurzeit eine große Diskussion, inwieweit man die Bettler zurückdrängen darf. Ähnlich ist es in Hamburg. In München gibt es bestimmte Sperrbezirke: So sind dort beispielsweise die Bettler aus dem gesamten Tourismusbereich der Fußgängerzonen ausgegrenzt; dort dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen. - Köln ist da ja noch relativ liberal, wenn ich das richtig sehe. Dort gibt es dergleichen im Augenblick nicht. Wie stehen Sie dazu?

Wir müssen es auch ohne solche Zwangsmaßnahmen schaffen, dass diese Menschen nicht mehr aufs Betteln angewiesen sind. Wenn wir mit sozialverträglichen Mitteln diesem Ziel etwas näher kämen, wäre das sicherlich die beste Lösung.

Würden Sie in diesem Zusammenhang einen Unterschied zwischen einheimischen und zum Beispiel osteuropäischen Bettlern machen?

Da das Phänomen da ist, kann ich hier nicht unterscheiden. Ich glaube auch nicht, dass man ordnungsrechtlich solche Unterscheidungen treffen könnte.

Immerhin geht es dabei ja oft auch um organisiertes Betteln...

Nur: dieses organisierte Betteln festzustellen ist sehr schwierig. Ich denke, das größere Problem ist, wenn organisierte Kriminalität vorliegt. Das ist sicherlich ein ganz anderes Thema. Da ist die Polizei auch ganz anders aufgestellt. Jedenfalls ist das Betteln, das ich hier erlebe, kein Sicherheitsmoment für die Kölner Bevölkerung.

Das Interview wurde am 27.10.2006 während des "Jugendforums NRW" in Köln geführt. Die Fragen stellte Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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