Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Medienreaktionen

Siegener Zeitung vom 2.11.2006

Mit skurrilen Ideen zum Erfolg?

Projekt "Bettelarm III" des St.-Ursula-Gymnasiums: Stellenangebot in der Einkaufsgasse

  Vanessa
Vanessa hatte bei ihrer Arbeitssuche den größten Erfolg: Vier Stellen wurden ihr in einer Stunde angeboten.
Attendorn/Köln. Wie es ist, mittellos und ohne Arbeit zu sein, erkundeten in der letzten Woche 30 Oberstufenschüler und -schülerinnen des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn. Auf der Schildergasse und der Hohe Straße in Köln testeten zehn von ihnen die Resonanz der Menschen für ihr neues Projekt "Bettelarm III". Die recht interessanten Erfahrungen fingen die restlichen 20 Mitschüler sowie Pro Sieben mit der Kamera ein. Drei Schüler versuchten ihr Glück als Bettler. "Ich bin wie du" stand auf Daniels Schild. Ein Spruch aus einer Auswahl, die eine Agentur in Berlin für Bettler kreiert hat. Mit der Voraussage, dass mit solchen Botschaften 25 Prozent mehr Einnahmen erzielt würden. Doch weit gefehlt. Daniel hatte nach zwei Stunden 17,84 Euro in seinem Hut, vor zwei Jahren hatte ein anderer Schüler auf dem gleichen Platz in der gleichen Zeit 17,09 Euro eingenommen. Christian wählte den Spruch "Heute ich, morgen du". Um auszudrücken, dass ein solches Schicksal jeden treffen kann. Doch davon wollten die meisten Menschen nichts wissen, er sammelte mit 9,22 Euro weit weniger als Daniel.

Julian musste seinen Versuch mit nur einem Euro abbrechen, weil ihm ein Passant in bedrohlicher Weise zu nahe kam. "Ein dunkelhäutiger Mann zerriss das Schild mit der Aufschrift 'Qualifiziert, aber überflüssig' und forderte Daniel auf, sich zu wehren. Dabei gestikulierte er mit Fäusten. Er wollte Daniel zwar nur klar machen, dass man im Leben kämpfen muss, packte ihn aber immer wieder an und zerrte an ihm nun. Julian ist schließlich weggelaufen, um die prekäre Situation zu beenden", berichtete Projektleiter Frank U. Kugelmeier. "Übernehme jede Arbeit" oder "Suche Arbeit, bitte helfen Sie" war die Botschaft von fünf weiteren Schülerinnen und Schülern. Erfolg hatten alle, den drei Jungs wurden Stellen als Handlanger, im Paketdienst oder im Garten angeboten. Die beiden Mädels bekamen dagegen richtig gute Angebote. Dajana erhielt ein Angebot, Kundenberaterin in einem Telekommunikationsgeschäft zu werden. Eine Mitarbeiterin von RTL bot ihr auf der Straße einfach so ein Praktikum an. Vanessa erntete die meisten Vorschläge. Sie hätte als Aushilfe in einer Bäckerei oder in einem Modegeschäft anfangen können. Der gut gekleidete Vorstandsvorsitzende eines IT-Unternehmens aus Stuttgart, der mit seiner Frau zum Einkaufen in der Domstadt war, stellte ihr in seiner Firma einen Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich zur Verfügung.

Des Weiteren wollte ihr eine wohl situierte Frau aus Pulheim in ihrem Familienbetrieb eine Chance geben. Da sage noch einer, es gebe keine Stellen mehr. Vanessa konnte einen Job sogar an Ort und Stelle besetzen. In einer Nebenstraße der Schildergasse fand ein Textil-Lagerverkauf statt. Ein Marktschreier machte dafür lautstark Werbung. Er übergab seinen Job sofort Vanessa, die ihn eine Minute lang ablöste. Als Straßenmusikantin war Madeleine mit der Klarinette unterwegs und wechselte dreimal ihren Standort, wie es die Kölner Straßenordnung nach 20 Minuten vorschreibt. Da die Schülerin nicht ungeübt ist - sie ist Mitglied in einem Spielmannszug -, kam ihr Spiel gut an und sie verdiente in einer Stunde 9,45 Euro. Den größten Erfolg hatte Statuenmensch Daniel, der als Nikolaus auf der Domplatte viele Touristen anzog und anderen Statuenmenschen die Show stahl. Besonders Gäste aus den femöstlichen Ländern waren erpicht, den Weihnachtsmann mit dem Dom im Hintergrund zu fotografieren. Selbst eine Clique angeheiterter Fußballfans machte kein Remmidemmi, sondern fand das richtig gut. 18,22 Euro hatte Daniel nach einer Stunde. Zehn Minuten stand ihm Madeleine mit goldenen Engelsflügen zur Seite und spielte Weihnachtslieder. Doch in dieser Zeit wurde das Wenigste eingenommen. "Vermutlich war das zu dick aufgetragen, allein bot der Nikolaus mehr Raum für Fantasie", schätzte Frank U. Kugelmeier, Fachlehrer für Sozialwissenschaften und Politik, der schon seit Jahren die sehr erfolgreichen Projekte betreut.

Wie vor zwei Jahren wird das eingenommene Geld auch dieses Mal der Kölner Tafel, einer Einrichtung für Bedürftige, zur Verfügung gestellt. Am Montag ist im Mittagsmagazin "SAM" auf Pro Sieben (13 Uhr) zu sehen, wie es ist, bettelarm zu sein.

Siegener Zeitung, Nr.254 (2.11.2006), S.9.


©  Marianne Möller (Siegener Zeitung), Olpe/Siegen und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter