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Medienreaktionen

WDR-Hörfunk vom 27.10.2006

Bettelprojekt in der Kölner Innenstadt

30 Schüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums verbringen den morgigen Samstag bettelnd in der Kölner Innenstadt. Der Grund ist ein Schulprojekt, bei dem die Schüler die Reaktionen ihrer Mitmenschen untersuchen wollen. Katrin Boers:

Reporterin: Einige Schüler verkleiden sich als Bettler; andere laufen mit Pappschildern über den Domplatz. Darauf bitten sie: "Suche Arbeit. Bitte sprechen Sie mich an!" Andere Schüler wollen musizieren. Ziel ist es, herauszufinden, wie es ist, sein Geld auf der Straße erbetteln zu müssen, und wie andere Menschen darauf reagieren. Es kommen auch Videokameras zum Einsatz. Die Schüler wollen Passanten und richtige Bettler interviewen. Die Ergebnisse halten die Schüler anschließend auf einem Videofilm und auf der Internetseite ihrer Schule fest.

WDR-Hörfunk-Regionalnachrichten (WDR 2) vom 27.10.2006. Die Ankündigung des Experiments einen halben Tag vor Beginn war natürlich nicht ganz glücklich. Da die Meldung jedoch nur in Südwestfalen ausgestrahlt wurde, hatte sie keine Auswirkungen auf den Versuchsablauf.


WDR-Hörfunk vom 28.10.2006

Der Hörfunkbeitrag ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man eine Reportage gegen die Wand fahren kann, indem man den Sachverhalt, über den zu berichten man vorgibt, überhaupt erst erzeugt. Übel war schon, dass sich der EinsLive-Reporter offenbar nur mäßig vorbereitet hatte (O-Ton: "Das sind die Schüler des ... - Wie hieß die Schule doch gleich? Ihr seid, glaub ich, aus Olpe...? Ach so, Attendorn."). Bedeutend schlimmer war jedoch, dass er - mit der Projektgruppe völlig unabgesprochen und auch zum Entsetzen des verdeckt filmenden Pro-Sieben-Fernsehteams - mehrere Passanten, die er zu dem Experiment interviewte, im Laufe des Gesprächs darüber aufklärte, dass das Ganze doch nur "Fake" sei. Unbedachtheit lässt sich hier wohl kaum unterstellen; eher schon der Wunsch, aus möglichen Negativreaktionen der Befragten zusätzlichen journalistischen Profit zu schlagen. Selbstverständlich hatte sich auch das Projektteam Gedanken darüber gemacht, wie das Experiment "aufgelöst" werden könnte: Nach dem Versuch sollten alle, die den Schülern ernst zu nehmende Offerten gemacht hatten, telefonisch kontaktiert und über die Hintergründe des Projekts informiert werden. Eine solche "behutsame" Information war nach den Querschlägen des Hörfunkreporters in einigen Fällen allerdings nicht mehr möglich. - Bemerkenswert ist, dass sich entgegen landläufigen Vorurteilen hier nicht der Vertreter eines "sensationshungrigen Privatsenders" wie die Axt im Walde aufführte, sondern der des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Haste mal 'n Euro?

Moderatorin: Hier ist EinsLive. - Haste mal 'n Euro? Hmm, ja! Und - zack! - weitergegangen. Wie ist das eigentlich in dem Moment für denjenigen, der gebettelt hat? Der Sowi-Kurs des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn möchte das herausfinden und dokumentieren, und dazu gehen die Schüler heute durch die Kölner City und betteln. EinsLive-Reporter Murat K., du warst heute mit den Schülern unterwegs. Wie läuft das ab? Was hast du da gesehen?

Reporter: Es waren sechs kleine Gruppen mit jeweils fünf Schülern unterwegs. Drei Schüler waren am Betteln, und der Rest ist mitgelaufen und hat das ganze Geschehen beobachtet. Die Bettler sind in ihren ganz normalen Klamotten unterwegs gewesen - sahen gepflegt aus, muss man dazu sagen -, waren zum größten Teil mit Pappschildern ausgestattet, auf denen beispielsweise "Suche Arbeit. Bitte sprechen Sie mich an!" stand oder "Qualifiziert, aber kein Job". Einer von ihnen war der 20-jährige Mehmet. Er hatte ein Pappschild an seinem Körper, auf dem stand auf Türkisch und auf Deutsch: "Suche Arbeit. Bitte helft mir!", und dabei ist er bei den Passanten auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen.

Mehmet [O-Ton]: Was mir so aufgefallen ist, ist, dass die Älteren sich immer so davon zurückgehalten haben, mich überhaupt anzusprechen. Die Jugendlichen haben sich immer das Plakat angeguckt, insbesondere die Kinder, die wollten das auch lesen, aber die Eltern haben immer versucht, die davon wegzureißen.

Reporter: Aber es gab auch Leute, die anders reagiert haben.

Mehmet [O-Ton]: Ich hab zwei Angebote gekriegt. Einmal von einem Deutschen, der wollte mir aber nicht seine Adresse geben, der wollte mich direkt zu seiner Arbeit mitnehmen. Das habe ich aber abgelehnt. Und dann habe ich noch von einer türkischen Familie ein Angebot gekriegt, dass ich im Flughafen arbeiten könnte als Kofferpacker oder so, und da habe ich auch die Adresse und die Telefonnummer von denen gekriegt.

Moderatorin: Murat, was wollen die damit erreichen? Was ist das Ziel?

Reporter: Ziel ist es, einmal in die Haut eines Arbeitslosen zu schlüpfen und mit diesem Status zu probieren, in der Öffentlichkeit Kontakt zu Passanten aufzubauen und deren Reaktionen zu beobachten, sagt der Projektleiter Frank Kugelmeier.

Kugelmeier [O-Ton]: Also, einer zum Beispiel hat jetzt gerade abgebrochen, weil ihm ein Passant offenbar das Schild zerrissen hat. Er sollte aufstehen und etwas aus seinem Leben machen und nicht nur irgendwo sitzen. Das hat ihm dann erst mal gereicht als Reaktion. Der war dann ziemlich beeindruckt davon. Und für andere ist es eben interessant zu sehen, ob sie "Erfolg" haben (in Anführungszeichen) - oder nicht - mit ihrem Auftreten.

Reporter: Dabei versuchen die anderen Schüler aus dem Team, die Situation zu filmen und zu fotografieren. Manche sind auch mit Aufnahmegeräten unterwegs und versuchen, Interviews mit richtigen Bettlern und Passanten zu ihren Reaktionen zu machen. Das alles wird dann später dokumentiert und dann als Abschlussarbeit quasi demnächst in der Schule gezeigt.

Moderatorin: Murat, aber noch mal zu den Reaktionen der Passanten: Wie sprechen die darauf an?

Reporter: Ja, die Reaktionen waren unterschiedlich. Es gab Leute, die den Schülern tatsächlich Arbeitsangebote gemacht haben. Und die waren dann echt sauer, als sie herausgefunden [sic!] hatten, dass das Ganze nur ein Projekt war. Einer von ihnen war beispielsweise der Bernd, der einer Schülerin Hoffnung machen wollte und ihr eine Stelle im Pflegebereich angeboten hatte. Da war dann natürlich alles zerstört.

"Bernd" [O-Ton]: Ich hab mir gedacht irgendwo vorhin, dass es Verarscherei ist. Das war wieder so ein Stück Hoffnung, die ich mal grade hatte! Und jetzt hab ich nämlich wieder das Problem, dass ich so viel Hoffnung hatte und ihr mir die wieder zerstört habt!

Moderatorin: Das ist natürlich so ein Risiko... - Wie haben sich die Schüler das an dieser Stelle dann gedacht?

Reporter: Für die Schüler kam das natürlich sehr, sehr überraschend. Sie haben gar nicht damit gerechnet, dass sie mit ihrem Projekt Leute enttäuschen könnten - sowohl Leute, die Hilfe anbieten, als auch Leute, die die Hilfe benötigen.

Moderatorin: Ah so. Sehr gut. Die Schüler des Sowi-Kurses des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn schlüpfen heute in die Rolle Bedürftiger und betteln auf der Straße in Köln in der Innenstadt. EinsLive-Reporter Murat K. war dabei.

WDR-Hörfunk (EinsLive) vom 28.10.2006, ca. 16.45 Uhr.


WDR-Hörfunk vom 30.10.2006

Bettel-Experiment in Köln

WDR-Hörfunk-Regionalnachrichten (WDR 2) vom 30.10.2006. Die Meldung fasst kurz die Aktivitäten der Attendorner Schüler zusammen.


©  Katrin Boers (WDR), Siegen/Köln, Murat K. (WDR), Köln und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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