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Medienreaktionen

Pro Sieben vom 7.11.2006

Der Bettel-Test

[Anmoderation im Studio:] Wie muss sich wohl ein Mensch fühlen, der mit einem Pappschild um den Hals auf der Straße um Geld und einen Job bettelt? Eine Schulklasse hat in einer spektakulären Aktion die Spendierfreudigkeit der Passanten getestet, und dabei haben die jungen Bettelagenten auch erschreckende Erfahrungen gemacht.

[Filmsequenz: Daniel bettelnd vor einem Mülleimer. Die Schüler während der Vorbereitungen in der Fußgängerzone. Vanessa mit Pappschild. Groß die Aufschrift: "Suche Arbeit jeder Art. Bitte sprechen Sie mich an!"]

[Kommentar:] Hier wird nicht gebettelt, sondern gelernt. Insgesamt 35 Schüler haben heute praktischen Unterricht: Wie lebt man auf der Straße? Wie ist es, mit Pappplakaten auf Jobsuche zu gehen? Dabei müssen sich die Abiturienten manch harten Spruch gefallen lassen.

[Passant im Gespräch mit Vanessa, teils aus der Perspektive der versteckten Kamera.]

Vanessa: Ich brauche nur irgendeine Arbeit.

Passant: Wo denn so?

Vanessa: Ist total egal.

Passant: Anschaffen?

[Schüler während der Vorbereitungen auf der Schildergasse. Diverse Einstellungen.]

[Kommentar:] Letzte Vorbereitungen für den Erlebnisunterricht des Attendorner Gymnasiums. Einen Tag lang erfahren die Abiturienten am eigenen Leib: Wie fühlt man sich als Bettler? Oder: Gibt es Arbeitsangebote, wenn man bereit ist, jeden Job zu machen? Lehrer Frank Kugelmeier gibt Anweisungen für das Experiment.

[Im Off:]

Kugelmeier: Die Schüler kommen aus relativ behüteten Verhältnissen, würde ich jetzt mal behaupten, auch wenn die vielleicht Gegenteiliges sagen.

[Kugelmeier im Bild, im Hintergrund Bettelagent Christian am Straßenrand.]

Kugelmeier: Es hat für die Schüler natürlich auch in gewisser Hinsicht einen Event-Charakter, das kann man nicht bestreiten. Aber dieser Event besteht eben auch darin, dass man sich mal in einer anderen Umgebung testet, mal testet, wie das so ist, wenn man zum Outcast wird.

  Daniel
Daniel im Pro-Sieben-Interview.
[Daniel an seinem Bettelplatz; erst Zeitrafferaufnahme, danach Blick in die Fußgängerzone. Schließlich Daniel halbnah vor dem Mülleimer.]

[Kommentar:] Daniel ist einer von drei Schülern, die freiwillig in der Kölner Einkaufsstraße betteln. Zwei Stunden lang versucht es der Achtzehnjährige mit dem Spruch "Ich bin wie du". Doch die Reaktionen der Passanten sind beklemmend...

Daniel: ... je nachdem, was für Leute vorbeikommen und was für Kommentare kamen. Zum Beispiel zu dem Schild jetzt, was ja nun relativ provokativ war, dass die Leute sagen: Nein, wir sind überhaupt nicht gleich; ich arbeite, und du sitzt hier auf der Straße. Sie haben im Prinzip darüber gemotzt und überhaupt nicht verstanden, was eigentlich die Botschaft vielleicht sein sollte.

[Dajana mit Plakat, stehend auf der Hohe Straße.]

[Kommentar:] Dajana hat eine andere Botschaft: "Haben Sie eine Arbeit für mich?" lautet der Hilferuf, den sie sich für ihre angebliche Jobsuche um den Hals gehängt hat.

[Nah:]

Dajana: Es ist irgendwie ganz, ganz anders als im normalen Leben. Also, ich fühle mich nur total unwohl. Und wenn ich jetzt [tatsächlich] in der Situation wäre - ich wollte da nur rauskommen. Also, es ist wirklich nicht schön. Und man kann eigentlich nur als Arbeitsloser dann hoffen, dass man angesprochen wird und dass die Leute auch Verständnis für jemanden zeigen.

[Dajana wird mit der versteckten Kamera verkabelt.]

[Kommentar:] Mit einer Brillenkamera beobachten wir, ob Dajana von Passanten angesprochen wird.

[Die folgenden Aufnahmen teils von fern, teils aus der Perspektive der Brillenkamera.]

Passantin: Hallo...

Dajana: Hallo!

Passantin: Bei Expo stand vorne ein Zettel...

Dajana: Ja...?

Passantin: "Suchen ab sofort jemanden für den Verkauf." Einfach mal fragen...

Dajana: Ja, dankeschön.

[Vanessa mit Plakat auf der Schildergasse.]

[Kommentar:] So hilfsbereit ist nicht jeder. "Suche Arbeit jeder Art. Bitte sprechen Sie mich an!" fordert Abiturientin Vanessa, und manche nehmen das zu wörtlich.

[Die folgenden Aufnahmen teils von fern, teils mit versteckter Kamera. Sie sind zum Teil mit der Eingangssequenz des Filmbeitrags identisch.]

Passant: Was für Arbeit suchst du?

Vanessa: Ich..., ich brauche nur irgendeine Arbeit.

Passant: Wo denn so?

Vanessa: Ist total egal.

Passant: Anschaffen?

Vanessa: Nee...

Passant: Auch Geld!

Vanessa: Aber sowas nicht. Danke.

[Das Fernsehteam folgt dem Passanten und "stellt" ihn.]

[Kommentar:] Als wir nachfragen, wird das unmoralische Angebot schnell umgemünzt in seriöse Arbeit.

Reporter: Habt ihr nur geflirtet, oder...? Ich bin von Pro Sieben.

[Nah:]

Passant: Nee, ich hab vorher gefragt und habe gesagt, ob die Arbeit braucht. Die braucht auch, und wir haben so einen Laden; da hat die nein gesagt - als Kassiererin, keine Ahnung, so Regale aufräumen und so.

[Die Schülergruppe und der Lehrer während der Vorbesprechung in der Fußgängerzone. Danach Bilder von den "Bettlern" Christian und Daniel. Lehrerstimme im Off.]

[Kommentar:] Lehrer Frank Kugelmeier ist überzeugt davon, dass seine Schüler heute viel fürs Leben lernen.

Kugelmeier: Es ist vielleicht auch eine Erfahrung von Hoffnung in unserem Fall jetzt hier, wenn sich also Leute tatsächlich dann kümmern. Es kann aber natürlich auch ein Warnhinweis sein, zu sagen: Ich mach jetzt mal lieber in der Schule weiter, bevor ich da vielleicht dann wirklich ende.

[Bilder von Vanessa und Dajana während des Experiments. Danach Dajana, die von einem Mann angesprochen wird.]

  Ein Angebot
Dajana erhält ein Angebot.
[Kommentar:] Daniel und Vanessa möchten nach ihrem Abi studieren, ihre Klassenkameradin will Polizistin werden. Sie alle haben die Hoffnung, später einen Arbeitsplatz zu finden. Und für Dajana hat sich ihr Plakataufruf heute schon bezahlt gemacht. Sie bekommt ein echtes Arbeitsangebot als Promoterin für einen DSL-Anbieter.

[Halbnah:]

Hartmut L.: Wir suchen einfach immer junge Mitarbeiter, die dann auch ein bisschen motiviert sind. Und wenn man schon den Mut hat, mit so einem Plakat rumzulaufen, dann sind das genau die richtigen Leute, weil: Die haben auch den Mut, die Leute anzusprechen.

[Daniel an seinem Bettelplatz. Ein Passant wirft ihm eine Spende in den Becher. Danach zählt der Schüler das eingenommene Geld.]

[Kommentar:] Daniels Schicht ist zu Ende. Innerhalb zweier Stunden hat er 17 Euro eingenommen. Die Erfahrung als Aushilfsbettler hat ihn nachdenklich gemacht.

[Halbnah:]

Daniel: So eine konkrete Angst vielleicht eher nicht, aber schon so die Angst, dass man später die Arbeit nicht machen kann, wo man heute darüber denkt, dass sie einem Spaß machen könnte - und dann einfach irgendwo reingerät, weil man eben nicht ins Berufsleben so einsteigen kann, wie man sich das gerne vorstellt. Das ist so eine Angst, die man eigentlich täglich hat, wenn man in die Schule geht.

[Daniel packt seine Sachen zusammen und "verschwindet" in der Fußgängerzone.]

[Kommentar:] Alle Experimentteilnehmer sind froh, dass es ihnen nicht so geht wie den Hunderttausenden, für die diese Schulübung bittere Realität ist.

[Abmoderation im Studio:] Die Betteleinnahmen spendet die Klasse übrigens einer gemeinnützigen Organisation.

Pro Sieben Fernsehen, "SAM" ("Sylvia am Mittag") vom 7.11.2006, ca. 13.10 Uhr.


©  Oliver Fliesgen (Pro Sieben), Köln und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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