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Medienreaktionen

WDR Wissen online vom 9.9.2008

Schüler schweigen fünf Tage lang

Experiment "Sprachlos" in Attendorn

Kein Handy, keine Briefchen - und Sprechen war sowieso nicht erlaubt. Beim Experiment "Sprachlos" haben Schüler aus Attendorn bis Dienstagmorgen (09.09.08) fünf Tage eisern geschwiegen. Die Lehrer unterrichteten trotzdem weiter.

Als die 30 Schüler am Donnerstag (04.09.08) nach dem Unterricht in die Aula einziehen, sind alle unglaublich neugierig. Wie werden sie dieses Experiment durchstehen - oder eher, schaffen sie es überhaupt? Die meisten Schüler der 10a des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn machen mit, weil sie ihre Grenzen austesten wollen. Einige haben sich vorher noch einmal alles von der Seele geredet. Andere, wie die 15-jährige Helena Gies, haben schon im Vorfeld versucht, wenig zu sprechen, und sich Handzeichen überlegt.

Zeichensprache ist in den fünf Tagen erlaubt - Sprechen nicht. Genauso tabu sind MP3-Player, Handy, Fernsehen und Briefchen schreiben. Fünf Tage werden die Schüler gemeinsam in der Aula campieren, schlafen, kochen und Unterricht haben. Auch dabei werden sie schweigen - nur der Lehrer spricht.

Ist der Mensch ohne Sprache gesellschaftsfähig?

  Unterricht der stummen Schüler - Foto: (c) K. Boers
Unterricht mit stummen Schülern.
Damit sich alle an die Schweige-Regeln halten, gehören auch 40 Beobachter zu dem Experiment. Die Oberstufenschüler zeichnen das Verhalten der Schweigenden auf. Die Ergebnisse sollen den Sozialwissenschaftsunterricht bereichern. Die Schüler wollen herausfinden, ob der Mensch ohne Sprache überhaupt gesellschaftsfähig ist und wie sich eine Gruppe in so einer Extremsituation verhält. Damit keine Stunden ausfallen, wird Freitag und Montag in der Aula unterrichtet. Deutschlehrer Frank Kugelmeier leitet in der 6. Stunde eine Diskussion über Mohammed-Karikaturen. Er redet. Die Schüler schreiben ihre Argumente an die Tafel. In der letzten Bank plaudert Lukas Sinzig mit seinem Banknachbarn über ganz andere Dinge. Es fällt nicht auf, da sie sich mit ihren Fingern verständigen. Es wird wild gebärdet und buchstabiert. Während der Stunde sind nur Husten, Dielenknarren und Schreibgeräusche zu hören.

An der Langeweile gescheitert

Am Wochenende steigen dann vier Schüler freiwillig aus. "Der Verzicht auf die Sprache war nicht der Grund", berichtet Lehrer Kugelmeier. Sie seien an der Langeweile verzweifelt und deshalb gegangen. Abwechslung bringt am Sonntag die Fantasiesprache. 40 extra entwickelte Vokabeln dürfen die Schüler nun benutzen. Das Experiment soll zeigen, ob Menschen eine neue Sprache annehmen. Die stummen Schüler haben sich so an die Zeichensprache gewöhnt, dass kaum einer die neuen Vokabeln benutzt.

Mädchen sprudeln los, Jungen klingen heiser

Um 7 Uhr am Dienstagmorgen (09.09.08) ist das Experiment zu Ende. Die Beobachter zählen rückwärts. Bei Null darf wieder gesprochen werden und es geht sofort los. Verloren hat seine Stimme keiner. Die Mädchen sprudeln direkt los, die Jungs klingen etwas heiser. Fazit: Man kann ohne Sprache leben, aber mehr Spaß macht es mit. Worauf freuen sich die Schüler nach fünf stillen Tagen am meisten? "Mein Handy!"

WDR Wissen online (9.9.2008).
URL: http://www.wdr.de/themen/wissen/1/attendorn_schweigen/index.jhtml?rubrikenstyle=wissen


©  Katrin Boers (WDR), Siegen und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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