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Medienreaktionen

Westfalenpost vom 10.9.2008

So sprachlos wie die Tiere im Zoo

St.-Ursula-Experiment gestern beendet

Attendorn. "Geschafft", war das erste Wort, das Dominik Schröder nach fünf Tagen gestern Morgen um 7 Uhr sagte. Zusammen mit 25 anderen Schülern seiner Klasse hatte er das Experiment "Sprachlos" geschafft.

  Endlich reden! - Foto: (c) B. Sander-Graetz
Endlich reden! Dajana Bock erzählt Dominik Schröder und Laura Rosenbaum (v.l.), wie sie die Tage erlebt hat.
Sie alle durften seit Donnerstag nicht sprechen. Eine Verständigung war nur mit Hilfe von Mimik und Gestik erlaubt. Vier Mitschüler gaben am Samstag und Sonntag auf. "Ihnen war es zu langweilig und zu eng mit den anderen", erklärte Lehrer Frank Kugelmeier, der das Projekt mit seiner 10a am St.-Ursula-Gymnasium organisiert hatte. Doch was macht man fünf Tage auf engstem Raum, ohne zu reden? "Duschen war das Beste", so Katharina Feldmann. "Die Dusche war der einzige Ort, an dem man wirklich unbeobachtet war."

Beobachtet wurden die Schüler ständig. Zum einen, damit sie die Regeln einhielten und nicht redeten, aber auch aus Neugier. "Immer war irgendwer hier und hat gefilmt, entweder für die Schule oder vom Fernsehen. Letzteres war besonders nervig. Da war es gut, dass man am Sonntag 40 Fantasievokabeln benutzen konnte. Wir haben meistens nur troll gesagt. Das hieß: Verschwinde", lacht Nadine Deimel.

Als besonders schwierig erwies sich, Absprachen zu treffen. Wer kocht, wer räumt auf, wer macht sauber, und wer spült? "Wenn der andere sich umdreht und geht, kann man nichts hinterherrufen", erzählte Dajana Bock. "Wir Mädchen haben uns oft mit dem Zeichensprachenalphabet verständigt. Während die Mädchen das schnell konnten, haben es einige Jungen bis heute nicht verstanden."

Neben Duschen waren Essen und Lesen angesagt. Dominik Schröder hat über 600 Seiten "Krieg der Zwerge" gelesen: "Außerdem haben wir uns die Zeit mit Fußball und Kartenspiel vertrieben." Schlafprobleme hatten die meisten Schüler. "Da man tagsüber nicht ausgelastet war und auch immer mal wieder gedöst hat, war man abends nicht müde", erzählt Dajana Bock. "Und wenn dann der Nachbar auch noch schnarchte, hat das schon ordentlich an den Nerven gezerrt." Einmalig hingegen war der Unterricht ohne Sprache. "So leise ist es sonst nie im Klassenzimmer", schmunzelt Nadine Deimel. "Wir haben Arbeitsblätter ausgefüllt und durften auch etwas an die Tafel schreiben. Aber auch hier wurden wir von Zuschauern beobachtet. So müssen sich die Tiere im Zoo fühlen."


Kommentar

Die Eingepferchten

Mit Motivation gegen den Lagerkoller

Als Experiment zur gesellschaftlichen Funktion von Sprache hatte Frank Kugelmeier die Zeit der Sprachlosigkeit in der zehnten Klasse ausgeflaggt. Fünf Tage lang blieben die Schüler in der Aula eingepfercht, mussten auf engstem Raum (möglichst friedlich) miteinander auskommen, durften aber kein Wort miteinander wechseln. Kein Wunder, dass die meisten von einer Art Lagerkoller befallen wurden. Ein Wunder schon eher, dass nur vier Schüler aufgaben, die meisten aber bis zum Ende durchhielten.

Das spricht natürlich für die große Motivation, mit der die Zehntklässler sich an ihr Experiment herangewagt haben. Für Jugendliche ist heutzutage alles leichter, als tagelang ohne Handy, Computer oder MP3-Player auskommen zu müssen. Offenbar weiß Lehrer Kugelmeier ganz genau, wie man junge Leute für eine Sache begeistern kann. Er hat das Ursula-Gymnasium mit seinen ausgefallenen Ideen bundesweit bekannt gemacht und es dabei immer vermieden, sich selbst in den Vordergrund zu schieben.

Ja, so: Wir sind natürlich gespannt auf die Ergebnisse des Experiments, die leider erst im Frühjahr vorliegen sollen. Inwiefern brauchen wir Menschen Sprache überhaupt zum Zusammenleben? Ändern wir unser Verhalten, wenn wir ausschließlich auf Gestik und Mimik angewiesen sind?

Wahrscheinlich war es eher ein Segen für die Schüler, dass sie nicht sprechen durften. Die Vorstellung, fünf Tage lang solch einem erbärmlichen, dummen Gestotter ausgesetzt zu sein, wie man es von den Big-Brother-Sendungen her kennt, ist doch der reinste Horror.

Westfalenpost, Nr.212 (10.9.2008), S.POEK1 und POEK2.


©  Barbara Sander-Graetz (Bericht) und Hubertus Heuel (Kommentar) (Westfalenpost), Hagen/Attendorn und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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