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Medienreaktionen

Homepage des NRW-Schulministeriums vom 10.9.2008

Die stummen Schüler aus Attendorn

Fünf Tage lang schweigen, rund um die Uhr, sowohl in der Schule als auch in der Freizeit - geht das überhaupt? Die Klasse 10a des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn hat es ausprobiert, als sozialwissenschaftliches Experiment. Immerhin 26 der 30 Jugendlichen hielten bei dem Versuch mit dem Titel "Sprachlos" die ganze Zeit durch. Für alle Schüler war es auf jeden Fall eine spannende Erfahrung.

Schüler aus Attendorn waren fünf Tage lang "sprachlos"

Miteinander leben, ohne zu reden: Darum ging es bei "Sprachlos", einem sozialwissenschaftlichen Experiment am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn. Die Klasse 10a wollte damit die Bedeutung von Sprache in der Gesellschaft erforschen - und ihre eigenen Grenzen kennen lernen. Fünf Tage lang lebten die 30 Jugendlichen gemeinsam in der Aula der Schule. Sie aßen und schliefen dort, spielten Spiele und hatten sogar Unterricht - alles, ohne sich zu unterhalten. Ein Team von 40 Oberstufenschülern passte abwechselnd auf, dass keiner schummelte. 26 Zehntklässler hielten die volle Zeit durch. "Es war gar nicht so schwer, wie ich gedacht hatte", sagt Irmgard von Spee (15). "Nur der erste Tag war ziemlich anstrengend." Doch gerade die Mädchen verständigten sich schnell mit Hilfe eines Finger-Alphabets. "Das konnte ich vorher schon", erzählt Irmgard. Früher hatte sie es manchmal im Unterricht benutzt, um mit den Freundinnen heimlich Nachrichten auszutauschen. Jetzt wurde das Zeichen-Alphabet, bei dem die einzelnen Buchstaben mit den Fingern nachgebildet werden, zum Haupt-Kommunikationsmittel. Allerdings nur zwischen den Mädchen. "Bei den Jungs hatten das die meisten nicht so gut drauf, da war die Verständigung dann zum Teil schon schwierig", berichtet Dominik Schröder (15). Wirklich schlimm sei das allerdings nicht gewesen. "Wir haben eigentlich die meiste Zeit Fußball gespielt." Elektronik-Spiele, MP3-Player oder Handys waren verboten. "Das war am Anfang ganz schön ungewohnt, so unerreichbar zu sein", sagt Dajana Bock. So musste man eben auf andere Freizeitaktivitäten ausweichen. "Ich habe 500 Seiten Harry Potter auf Englisch gelesen", erzählt Lukas Sinzig. "Normalerweise würde ich dafür mindestens zwei Wochen brauchen." Aber nicht allen fiel es leicht, sich alternative Beschäftigungen zu suchen. Zwar hatte die Klasse stapelweise Gesellschaftsspiele dabei, auch die Tischtennisplatte auf dem Hof konnte genutzt werden. Doch manchen reichte das nicht: Vier Jugendliche brachen das Experiment vorzeitig ab, unter anderem, weil sie die Langeweile nicht aushielten.

Völlige Stille auch während des Unterrichts

Da war der Schulunterricht an zwei Tagen eine willkommene Abwechslung. Während dieser Zeit durften die Schüler Stifte benutzen oder etwas an die Tafel schreiben. Die Lehrer stellten sich auf die ungewohnte Situation ein. So wurde im Musikunterricht mit Klanghölzern musiziert, in Politik fand eine Diskussion über die Mohammed-Karikaturen eben in schriftlicher Form an der Tafel statt. "Die Schüler haben auf jeden Fall sehr aufmerksam und konzentriert gearbeitet", berichtet Sozialwissenschaftslehrer Frank Kugelmeier, der das Experiment initiiert und begleitet hatte. Nicht zum ersten Mal übrigens: Sozialwissenschaftliche Experimente haben am St.-Ursula-Gymnasium schon eine jahrelange Tradition. 2003 startete Kugelmeier einen ersten Versuch zum Thema Sprachlosigkeit, allerdings nur drei Tage lang und in abgeschwächter Form. Andere Experimente folgten: Jugendliche ließen sich in einem Käfig in der Fußgängerzone an den Pranger stellen, andere hausten tagelang ohne Uhren und Sonnenlicht im Keller. Ein weiteres Mal setzten sich Schüler als Bettler und Straßenmusiker in die Kölner Innenstadt. "Inzwischen ist das ein Selbstläufer", sagt Frank Kugelmeier. Die Jugendlichen würden regelrecht darauf brennen, in solch einer ungewöhnlichen Situation eigene Grenzen zu erfahren. "Auch diesmal kamen wieder Neuntklässler auf mich zu und fragten, was sie denn im nächsten Jahr machen dürften." Durch die Erfahrung der früheren Jahrgänge seien auch die Eltern schon von vorn herein informiert. "Deshalb gibt es auch von der Seite keinerlei Schwierigkeiten." In jedem Jahr nutzen Oberstufenschüler die Experimente, um ihre Facharbeit darüber zu schreiben. Auch diesmal ist das geplant: Alle Beteiligten am "Sprachlos"-Versuch haben Fragebögen ausgefüllt, die für die Facharbeiten ausgewertet werden können, außerdem haben die Oberstufenschüler, die das Experiment als Beobachter begleiteten, über die einzelnen Tage Verlaufsprotokolle geschrieben.

Ein Ergebnis ist auf jeden Fall jetzt schon klar: Die 40 vorher festgelegten Worte einer Phantasiesprache, die die Schüler ab dem dritten Tag hätten benutzen dürfen, fanden in der Praxis nicht allzu viel Verwendung, berichten die Schüler aus der 10a. Von wenigen, wirklich wichtigen Begriffen abgesehen. "Fulful hieß zum Beispiel kochen, wolwol war duschen", erzählt Dominik. "Aber am meisten benutzt haben wir troll, das hieß Hau ab!" Nach fünf Tagen des Zusammenlebens sind die meisten froh, wieder nach Hause zu kommen. Und doch: "Es war die Erfahrung wert", sagt Dajana. "Ich würde so etwas sofort noch einmal machen."

Schulministerium NRW - Online (10.9.2008).
URL: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/index.html bzw.
URL: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Aktuelles/Sprachlos/index.html


Derselbe Bericht findet sich gekürzt auch an folgendem Ort:

"Gar nicht so schwer wie gedacht". In: Westfälische Rundschau, Nr.214 (12.9.2008).


©  Christina Lüdeke, Düsseldorf und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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