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Medienreaktionen

Lüdenscheider Nachrichten vom 11.9.2008

Die stummen Tage

Ungewöhnliches Experiment am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn: 30 Schüler leben sechs Tage in der Aula und schweigen sich an

Attendorn. Jungen grunzen - Mädchen nicht. Mädchen können das Finger-Alphabet, Jungen nicht. Und: Alle haben sich gut vertragen.

  Sprechen war tabu
Psssst. Sprechen war bei den Schülern der Klasse 10a ein paar Tage tabu.
Das sind die ersten Ergebnisse eines ungewöhnlichen Experimentes: 30 Mädchen und Jungen der Klasse 10a des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn haben fünf Tage nonstop in der Schulaula miteinander verbracht und ... dabei geschwiegen. Das Szenario trug den Titel "Sprachlos". Einzige und wichtigste Regel: Von Donnerstag bis Samstag war das Sprechen absolut tabu. Ab Sonntag durften zur Kommunikation 40 Fantasiewörter verwendet werden. Und: Unterricht gab es auch. So wurde zum Beispiel stumm über die Mohammed-Karikaturen diskutiert oder in Musik per Klanghölzern abgestimmt, welche Stimmung der eine oder andere Klang erzeugte.

Pinnwand sprach mit Versuchsleiter und Sowi-Lehrer Frank Kugelmeier, der übrigens auch während des Experiments sprechen durfte.

Von den 35 Schülern der Klasse waren 30 bereit, den Versuch mitzumachen. Vier brachen das Experiment ab, konnten es irgendwann nicht mehr ertragen. Dabei waren die "Aufgeber" von der totalen Beobachtung - Oberstufenschüler überwachten das Experiment und dokumentierte es - und der "gemeinsamen Enge" irritiert. Das Schweigen sei nicht das Problem gewesen.

"Sprachlos" wollte klären: Inwiefern macht Sprache gesellschaftsfähig? Wie verhalten sich die Schüler in der Gruppe, wenn sie ausschließlich per Gestik und Mimik kommunizieren können? Und so werden in den nächsten Tagen und Wochen viele Auswertungen anstehen. Haben sich die jungen Leute verändert? Wie haben sie sich gefühlt? Gab es stumme Zeiten der Ausgrenzung? Fragebögen, die die jungen Leute während des Experimentes ausfüllten, und 50 Protokolle der Beobachter werden jetzt unter die Lupe genommen.

Mädchen, so viel ist klar, sind auch beim Nichtsprechen sehr unterhaltsam und kommunikativ. "Den Jugen reicht es, zusammen zu sein. Und der Fußball war wichtig", so Kugelmeier. Mikado, Dame und Halli-Galli waren die Lieblingsspiele in den fünf Tagen. Dass Computer, Fernsehen und Handys verboten waren, versteht sich von selbst. Und so mussten einige heftig gegen die Langeweile kämpfen.

Übrigens: Experimente sind am St.-Ursula-Gymnasium nichts Ungewöhnliches und bei Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen beliebt. Unter dem Titel "Mars Mission" wollten 19 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 vor vier Jahren zum Beispiel testen, wie Menschen eine Situation bewältigen, in der sie über eine längere Zeitspanne hinweg unter Ausschaltung des gewohnten Wechsels von Tag und Nacht miteinander auskommen müssen. Zu diesem Zweck ließen sie sich im zuvor entsprechend hergerichteten Aulakeller der Schule einschließen.

Lüdenscheider Nachrichten vom 11.9.2008, "Pinnwand - die junge Seite".


©  Susanne Fischer-Bolz (Lüdenscheider Nachrichten), Lüdenscheid und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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