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Medienreaktionen

WDR-Hörfunk vom 7.9.2008

Stubsen, Gestikulieren und eine Fantasiesprache

Moderator: Guten Tag! Das Experiment würde ich auch gerne mal machen. Fünf Tage nicht sprechen - so wie die Schüler am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn. Noch bis Dienstag haben die totales Redeverbot. Warum die das Experiment machen und wie die sich jetzt die Zeit vertreiben - das gleich in EinsLive!

[Musik.]

Moderator: Ihr kennt das aus der Schule: Wer ungefragt redet, der fliegt raus. Oder bei mir war das damals so: der musste von außen die Türklinke der Klassentür nach unten drücken. Also lieber nichts sagen im Unterricht. - Am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn im Sauerland dürfen die Schüler auch nicht reden, aber gar nicht. Die machen nämlich gerade ein Experiment, bei dem sie seit letztem Donnerstag bis kommenden Dienstag gar nicht sprechen. Mit dem Experiment wollen sie herausfinden, wie wichtig ihnen Sprache ist und ob sie eventuell mit einer Zeichensprache auskommen. EinsLive-Reporterin Katrin Boers, du stehst daneben, darfst aber sprechen. Wie ist die Stimmung in der Aula?

Reporterin: Eigentlich gut. 27 von 30 sind noch dabei, drei sind gestern Nachmittag ausgestiegen. Die Sprache hat ihnen wohl nicht gefehlt, aber die Langeweile war einfach zu stark. Die anderen Schüler sitzen in der Aula, in der sie auch schlafen und essen, einige lesen, andere werfen sich Bälle zu, die Mädchen haben gestern Abend getanzt, ohne Musik. Handys, MP3-Player und Fernsehen sind nämlich genauso verboten wie Briefchen-Schreiben.

Moderator: Und die halten das jetzt tatsächlich durch, kein Wort zu sprechen?

Reporterin: Es ist schon witzig: Die unterhalten sich eigentlich die ganze Zeit. Die stubsen sich an und gestikulieren völlig wild mit Zeichen oder Fingeralphabet. Spannend ist das auch im Unterricht; den gibt's auch in dieser Aula. Es redet nur der Lehrer, und die Schüler schreiben ihre Antworten an die Tafel. Und nach Schulschluss fingen sofort alle an, sich gegenseitig Zeichen zu machen. Außerdem ist es auch nicht totenstill; man hört die ganze Zeit das: [Kichern, Brummen, Schleifgeräusche, Dielenknarren]. Ja, es ist so ein bisschen, als wären sie geknebelt. Geräusche sind keine Sprache, deshalb ist das okay. Ansonsten kommen die Schüler ohne Sprache erstaunlich gut klar.

Moderator: Wir haben ja, als das Experiment angefangen hat, schon miteinander gesprochen, und da hast du versprochen, die dürfen ab heute eine Fantasiesprache benutzen.

Reporterin: Ja, ab heute darf sprechen, wer will. Er muss aber vierzig speziell erfundene Wörter benutzen, die sich Lehrer Frank Kugelmeier ausgedacht hat - inklusive Grammatik.

Kugelmeier [O-Ton]: Verben in die Vergangenheit würde zum Beispiel bedeuten, dass ich sage: Korsch (das wäre das Wort für "ich") wolwol - das heißt: ich dusche. Und korsch ganggang wolwol würde dann heißen: ich habe geduscht. Wenn nicht nur ich geduscht habe, sondern es mehrere sind, dann kann ich mich sozusagen in den Plural setzen; dann würde das heißen: Meermeer korsch ganggang wolwol - wir haben geduscht.

Reporterin: Vierzig Wörter sind allerdings nicht wirklich viel. Ausprobiert haben die Schüler sie trotzdem heute Morgen sofort.

Annika [O-Ton]: Korsch ganggang fulful.

Claire [O-Ton]: Meermeer Kèrinox ki faaas galalaga.

Katharina [O-Ton]: Meermeer ik kelkel Sidakanáa.

Reporterin: Als Letztes hat Katharina gesagt: Ihr macht das Klo sauber. Was man halt so braucht an Vokabeln in diesem Experiment. Es soll ja untersucht werden, ob der Mensch ohne Sprache gesellschaftsfähig ist und ob wir eine neue Sprache annehmen, wenn wir eine geboten kriegen. Ich glaube aber, die bleiben bei der Zeichensprache. Da können die viel mehr sagen.

Moderator: Ja, meermeer Kèrinox ki faaas - das hört sich ein bisschen an nach "Herr der Ringe". EinsLive-Reporterin Katrin Boers ist in Attendorn im Sauerland. Am St.-Ursula-Gymnasium machen Schüler nämlich ein Experiment und reden fünf Tage nicht. Gute Idee! [Pause.] Ja, aber Musik machen wir, oder? Ja...

WDR EinsLive, 7.9.2008, 13.05 bzw. ca. 13.15.


©  Katrin Boers (WDR), Siegen und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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