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Medienreaktionen

WDR-Hörfunk vom 9.9.2008

Der Traum vieler Lehrer

Moderatorin: Das ist garantiert der Traum von ganz vielen Lehrern: Schüler, die einfach nur still sind. Und stellen Sie sich vor, dieser Traum ist in Attendorn in Erfüllung gegangen. 30 Schüler der Klasse 10a haben fünf Tage lang bis heute Morgen um 7 Uhr einfach - geschwiegen! Kein Streik; ein Experiment. Sie wollten herausfinden, ob der Mensch ohne Sprache leben kann und wie sich eine Gruppe in Extremsituationen verhält. WDR2-Reporterin Katrin Boers war dabei, guckte - und vor allen Dingen: sie lauschte. Wirklich kein Mucks?

Reporterin: Seit Donnerstag leben die dreißig Schüler nicht nur schweigend, sondern auch gemeinsam in der Schulaula, inklusive Schlafen, Kochen und Unterricht. Lukas Sinzig über seine Gründe, bei dem Experiment "Sprachlos" mitzumachen.

Lukas [O-Ton]: Um halt meine eigenen Grenzen mal auszutesten, mal [zu] gucken, was man machen kann, wie man so ohne Sprechen auskommt, so als Stummer, wie ein Mensch mit Behinderung.

Reporterin: Sprechen ist verboten; erlaubt ist nur Zeichensprache. Für Dominik Schröder kein Problem; außerdem muss er dann nicht mehr gegen seine Schulkameraden anschreien.

Dominik [O-Ton]: Mit Händen und Füßen wird dann eben versucht zu kommunizieren. Ich hab ja bisher auch schon einmal bei unserem Frankreich-Austausch mitgemacht. Da hat es eben von der Sprache [her] auch nicht immer gut gepasst, und da mussten wir auch auf diese Hände-und-Füße-Technik zurückgreifen.

Reporterin: Die Schüler sind neugierig und machen freiwillig mit. Dafür verzichten sie auch fünf Tage lang auf Berieselung durch MP3-Player, Fernsehen und Handy. Auch Briefchenschreiben ist verboten.

[Dielenknarren, später Kreidequietschen auf der Tafel.]

Reporterin: Dielenknarren, Husten, Lachen - das ist alles, was man hört. Das ändert sich auch Freitagmorgen im Unterricht nicht. Auch den gibt es schweigend in der Aula. Die Schüler schreiben ihre Antworten einfach an die Tafel. - Die Langeweile entpuppt sich als weit größerer Feind als die fehlende Sprache. Deshalb steigen vier Schüler am Wochenende aus. Abwechslung bringt der Sonntag. Die Schüler dürfen jetzt vierzig extra entwickelte Vokabeln einer Fantasiesprache benutzen. Annika, Claire und Katharina probieren sie aus.

Annika [O-Ton]: Korsch ganggang fulful.

Claire [O-Ton]: Meermeer Kèrinox ki faaas galalaga.

Katharina [O-Ton]: Meermeer ik kelkel Sidakanáa.

Reporterin: Das heißt übersetzt: Ich habe gekocht. Die Hausaufgaben sind nicht fertig. Ihr macht das Klo sauber. - Doch mittlerweile ist die Zeichensprache recht bequem. Auch das ist ein Ergebnis des Experiments: Die Schüler wollten herausfinden, ob Menschen eine neue Sprache annehmen, wenn sie angeboten wird. - Um 7 Uhr heute Morgen begann dann der Countdown zum Wiedereintritt in die Sprache.

Beobachter [O-Ton]: ... drei, zwei, eins, null! [Allgemeiner Jubel und Trubel.]

Reporterin: Heiser ist keiner.

Schülerstimmen [O-Ton]: Ich bin froh, dass ich nicht mehr leise sein muss. - Wenn wir einen Konflikt hatten, wegen Putzen oder so, dann konnten wir uns nicht verständigen und dann wurde es schon hektisch mit den Zeichen. Aber jetzt sind wir alle, glaube ich, ziemlich froh, dass wir wieder sprechen können.

Reporterin: Insgesamt hat sich die Gruppe sehr harmonisch verhalten. Die Fantasiesprache hat sie nicht wirklich angenommen, und für Lehrer Kugelmeier hat sich eins bestätigt.

Kugelmeier [O-Ton]: Mädchen sind wesentlich kommunikativer, auch wenn sie stumm sein sollen - kommunikativer [in dem Sinne], dass sie mehr die Zeichensprache benutzen, auch das Fingeralphabet. Den Jungen reichten eigentlich bis zum Schluss ein paar - ja, ich sage mal: - Grunzlaute, ein, zwei Wörter, die sie ja dann in ihrer Fantasiesprache benutzen durften. Und der Rest wurde irgendwie mit sehr einfachen Gesten abgehandelt.

Reporterin: Nach dem langen Schweigen freuen sich die Schüler jetzt auf einfache Dinge.

Claire [O-Ton]: Auf meinen Freund und [darauf], dass ich nicht mehr selber Essen kochen muss - und dass das Essen wieder schmeckt! [Lachen.]

Dominik [O-Ton]: Auf mein Handy, auf Zuhause und auf mein eigenes Bett.

WDR 2 - Zwischen Rhein und Weser, 9.9.2008.


©  Katrin Boers (WDR), Siegen und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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