Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht

Medienreaktionen

WDR-Hörfunk online vom 9.9.2008

Das Schweigen der Schüler

Ungewöhnliches Projekt am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn

Am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn haben 30 Schüler fünf Tage lang gemeinsam in der Schule verbracht und geschwiegen - Tag und Nacht. Am Ende haben sie dabei eine Phantasiesprache angewendet Das Projekt ist heute zu Ende gegangen. Die Schüler wollten herausfinden, wie man eine andere Sprache entwickeln kann und wie eine Gruppe auf so eine Situation reagiert.

WDR - Westblick online, 9.9.2008.
URL: http://www.wdr5.de/sendungen/westblick/sendungsdetailseite.html
   ?tx_wdr5ppfe_pi1%5BshowUid%5D=1234193&cHash=249dfb0dfd#beitrag10102


WDR-Hörfunk vom 9.9.2008

Fünf Tage Schweigen

Moderator: Schweigen - das fällt ja Moderatoren ziemlich schwer, und im Radio wäre es ja auch eigentlich Unsinn. Ich meine: Dann hören Sie ja nichts. Trotzdem: Wir werden jetzt hier im "Westblick" genau darüber reden; denn schweigen über's Schweigen, das wäre ja albern. Also: Fünf Tage lang schweigen, darum ging es am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn. 30 Schüler der 10. Klasse haben von Donnerstag bis heute Morgen in der Schulaula gewohnt und - nichts gesagt! Katrin Boers war für den "Westblick" dabei.

[Poltern, ein Schrei, Zurufe.]

Reporterin: So klang es, bevor das Experiment begann. Hier werden sie nun fünf Tage lang kochen, schlafen, Schule haben und ihre Freizeit verbringen. Dabei verzichten die Schüler nicht nur auf's Reden, sondern auch auf MP3-Player, Fernsehen und Handy. Lukas Sinzig macht trotzdem mit.

Lukas [O-Ton]: Um halt meine eigenen Grenzen mal auszutesten, mal [zu] gucken, was man machen kann, wie man so ohne Sprechen auskommt, so als Stummer, wie ein Mensch mit Behinderung.

Reporterin: Im ersten Moment klingt es komisch - fünf Tage schweigen -, doch die Schüler wollen herausfinden, ob der Mensch ohne Sprache überhaupt gesellschaftsfähig ist und wie sich die Gruppe in einer Extremsituation verhält. Gibt es Anführer? Gibt es Streit? Oder bleibt es harmonisch? - Dann ist es so weit. Die letzten Worte sind gesagt. Bis Dienstag ist jetzt Ruhe.

[Knacksen, Dielenknarren.]

Reporterin: Dielenknarren, Husten, Lachen ist alles, was man hört. Das ändert sich auch am Freitagmorgen im Unterricht nicht. Der findet ebenfalls schweigend in der Aula statt. Experimentsleiter und Deutschlehrer Frank Kugelmeier versucht es in der 6. Stunde mit einer Argumentation über Mohammed-Karikaturen. [Kreidequietschen auf der Tafel.] Er spricht, die Schüler schreiben.

[Brummen eines Schülers.]

Reporterin: Völlig verstummen die Schüler dann doch nicht. Frank Kugelmeier findet dieses Hintertürchen aber okay.

Kugelmeier [O-Ton]: Sie reden beinahe so, als hätte man ihnen den Mund zugenäht, also die Stimme ist noch da, aber sie artikulieren eben keine Sprache mehr. Es ist mir schon aufgefallen bei früheren Experimenten, wenn wir irgendwelche Regeln hatten: Die Leute versuchen natürlich, die Regeln bis zum Exzess auszureizen.

Reporterin: Als größerer Feind als die fehlende Sprache entpuppt sich die Langeweile. Deshalb steigen auch vier Schüler am Wochenende aus.

Kugelmeier [O-Ton]: Interessanterweise - als ich sie dann gefragt habe, was der Grund dafür ist, dass sie aufhören wollen - war es nicht die Sprache (dass sie also nicht auf's Reden verzichten wollten), sondern ihnen fiel die Decke auf den Kopf.

Reporterin: Am Sonntag gibt es für die anderen eine Abwechslung. Die Schüler dürfen jetzt vierzig extra entwickelte Vokabeln einer Fantasiesprache benutzen. Eine Kostprobe inklusive Grammatik.

Kugelmeier [O-Ton]: Verben sind in der Regel zweisilbig. Also zum Beispiel "duschen" wäre dann wolwol oder "geben" zikzik. Verben in die Vergangenheit würde zum Beispiel bedeuten, dass ich sage: Korsch (das wäre das Wort für "ich") wolwol - das heißt: ich dusche. Und korsch ganggang wolwol würde dann heißen: ich habe geduscht. Wenn nicht nur ich geduscht habe, sondern es mehrere sind, dann kann ich mich sozusagen in den Plural setzen; dann würde das heißen: Meermeer korsch ganggang wolwol - wir haben geduscht.

Reporterin: Annika, Claire und Katharina probieren sie aus.

Annika [O-Ton]: Korsch ganggang fulful.

Claire [O-Ton]: Meermeer Kèrinox ki faaas galalaga.

Katharina [O-Ton]: Meermeer ik kelkel Sidakanáa.

Reporterin: Das heißt übersetzt: Ich habe gekocht. Die Hausaufgaben sind nicht fertig. Ihr macht das Klo sauber. - Doch die Zeichensprache ist mittlerweile so bequem, dass sie dabei bleiben. Auch das ist ein Ergebnis des Experiments: Die Schüler wollten nämlich herausfinden, ob Menschen eine neue Sprache annehmen, wenn sie angeboten wird. - Um 7 Uhr heute Morgen begann dann der Countdown zum Wiedereintritt in die Sprache.

Beobachter [O-Ton]: ... drei, zwei, eins, null! [Allgemeiner Jubel und Trubel.]

Schülerstimmen [O-Ton]: Ich bin froh, dass ich nicht mehr leise sein muss. - Wenn wir einen Konflikt hatten, wegen Putzen oder so, dann konnten wir uns nicht verständigen und dann wurde es schon hektisch mit den Zeichen. Aber jetzt sind wir alle, glaube ich, ziemlich froh, dass wir wieder sprechen können.

Reporterin: Insgesamt hat sich die Gruppe sehr harmonisch verhalten. Die Fantasiesprache hat sie nicht wirklich angenommen, und für Lehrer Kugelmeier hat sich eins bestätigt.

Kugelmeier [O-Ton]: Mädchen sind wesentlich kommunikativer, auch wenn sie stumm sein sollen - kommunikativer [in dem Sinne], dass sie mehr die Zeichensprache benutzen, auch das Fingeralphabet. Den Jungen reichten eigentlich bis zum Schluss ein paar - ja, ich sage mal: - Grunzlaute. Und der Rest wurde irgendwie mit sehr einfachen Gesten abgehandelt.

Reporterin: Nach dem langen Schweigen freuen sich die Schüler jetzt auf einfache Dinge.

Claire [O-Ton]: Auf meinen Freund und [darauf], dass ich nicht mehr selber Essen kochen muss - und dass das Essen wieder schmeckt! [Lachen.]

Dominik [O-Ton]: Auf mein Handy, auf Zuhause und auf mein eigenes Bett.

Moderator: Genau fünf Tage Schweigen am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn. Und ich bin so froh, dass ich nicht schweigen muss hier im Radio, in Ihrem "Westblick".

WDR 5 - Westblick, 9.9.2008.


©  Katrin Boers (WDR), Siegen und
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter