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Interview

Sigrid Beer, MdL   Sigrid Beer,
Jahrgang 1956,
Mitglied des NRW-Landtags (Bündnis 90/Die Grünen),
bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion

Persönlichkeitsmerkmale

Frau Beer, welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Er - oder sie - muss glaubwürdig sein. Er muss aufrichtig sein. Er muss wirklich er selbst, also authentisch sein. Das sind für mich die wichtigsten Eigenschaften.

Darf ich Ihnen einige Begriffe nennen, und Sie sagen mir dann, ob man sie für eine erfolgreiche Politik braucht?

Ja.

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Der gehört auch dazu.

Altruismus?

Altruismus heißt ja: sehr viel für andere bewegen wollen. Ich finde, das ist wichtig. Man muss auch anwaltschaftlich tätig sein.

Populismus?

Das ist keine gute Eigenschaft. Wenn man nur auf der populistischen Ebene arbeitet, steckt nicht viel dahinter.

Kompromissbereitschaft?

Auf jeden Fall!

Taktisches Geschick?

Ja. Man muss auch manchmal überlegen, was man wem sagt.

Wille zur Macht?

Statt "Wille zur Macht" würde ich lieber sagen: Gestaltungswillen - nämlich Gestaltungsmöglichkeiten übernehmen und ergreifen können. "Macht" ist mir zu kalt. Möglichkeiten zur Gestaltung nutzen - das muss auf jeden Fall da sein.

Charisma?

Politiker sollten auch eine positive Ausstrahlung haben, ja.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Eine positive Ausstrahlung ist wichtiger, als Kategorien von Heidi Klum oder dem nächsten Model-Wettbewerb zu erfüllen.

Medienwirksamkeit?

Man muss, glaube ich, schon mit Medien umgehen können und sich der Wirkung von Medien bewusst sein.

Unverwechselbarkeit?

Wenn man eigenes Profil hat und authentisch ist, dann ist man auch unverwechselbar. Dann ist man man selbst - eine individuelle Person.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker bzw. eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Er oder sie sollte nie Versprechungen machen, die man nicht einhalten kann.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Auf manche Dinge bin ich anfangs zu optimistisch zugegangen. Im Laufe meiner politischen Tätigkeit habe ich aber gelernt, dass man die einzelnen Schritte sehr genau beschreiben muss. Man darf sich, besonders beim Einstieg in die Politik, nicht zu viele Hoffnungen machen, dass man das, was man will, von heute auf morgen alles umgesetzt bekommt. Also, man muss lernen, einen langen Atem zu haben. Dabei darf man aber den Optimismus nicht verlieren - das ist ganz wichtig; und das habe ich inzwischen gelernt.

Freuen Sie sich, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Nehmen wir das Beispiel Schulpolitik: Da kann es mich nicht freuen, wenn die Gegner Fehler machen, weil es auf Kosten derjenigen geht, die in der Schule leben und arbeiten. Von daher kann ich mich darüber nicht freuen, sondern das ärgert mich!

"Volksvertretung"

Ist (bzw. war) "Politikerin" Ihr Traumberuf?

Ich bin fünfzig Jahre alt und bin seit 1999 bei den Grünen Parteimitglied. Das zeigt vielleicht, dass es nicht mein Karrierewunsch war, schon als Zwanzigjährige Berufspolitikerin zu werden. Ich habe drei Kinder, die sind jetzt 20 bis 27 Jahre alt. Ich habe in der offenen Kinder- und Jugendarbeit gearbeitet, war Jugendreferentin beim evangelischen Kirchenkreis, habe ein Haus der offenen Tür geleitet, hab an der Universität gearbeitet; und dann kam irgendwann für mich der Punkt zu sagen: Jetzt setz ich auch noch mal was ganz Neues an.
   Politik ist für mich eine Option, die ich gut mit meiner jetzigen Lebensphase, mit der Situation meiner Familie vereinbaren kann. Das ist für mich wichtig.
   Ich hab den Einstieg in die Politik durch mein Engagement in einer Elterninitiative bekommen, als ich mit anderen Eltern eine Gesamtschule gegründet habe. Die Motive, in die Politik zu gehen und dort gerade bei den Grünen zu landen, waren einmal die Bildungspolitik und dann das Umweltengagement, die Bewahrung der Schöpfung und der Umweltschutz. Das habe ich bei den Grünen sehr konzentriert wiedergefunden, und deswegen habe ich mich dann dazu entschlossen, in die Partei einzutreten. Es war also kein Ziel von "Geburt" oder von ganz früh an, sondern das hat sich mit den Jahren entwickelt, bis ich dann gesagt habe: Jetzt möchte ich auch gestalten und etwas positiv bewegen. Diese Möglichkeit habe ich in der Partei gesehen, und das hab ich dann auch gemacht.

Sie sind erst letztes Jahr in den Landtag gekommen. Was war für Sie die größte Umstellung gegenüber früher?

Die Woche ist jetzt ganz anders rhythmisiert. Wie gesagt: Das geht nur, weil die Kinder in dem entsprechenden Alter sind und wir das familiär so ganz gut regeln können. Ich komme aus Paderborn, das bedeutet für mich, dass ich jetzt montags erst mal Wahlkreisbüroarbeit und dann meine Dienstbesprechung habe. Dann habe ich Termine in Ostwestfalen, zusätzlich meist noch auf dem Weg nach Düsseldorf einen Termin - wie heute - oder auch ein Fachgespräch, ein Informationsgespräch. Ich komme dann spät abends in Düsseldorf an und bin anschließend Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und manchmal auch Freitagvormittag in Düsseldorf. Ich habe da ein Zimmer gemietet, weil die Fahrerei - ich brauche immerhin drei Stunden, bis ich wieder zu Hause bin - natürlich an einem Tag so überhaupt nicht zu bewältigen ist. Dann komme ich also erst am Wochenende nach Hause und hab dann meist freitags noch Termine in ganz Ostwestfalen, und Samstag oder Sonntag kommt auch noch mal was vor.
   Das ist natürlich ein ganz anderer Rhythmus; und das bedeutet natürlich auch, dass sich unser Familienleben ganz anders gestaltet. Die Kinder sind jetzt zwar aus dem Haus, aber trotzdem bekommt der Sonntag inzwischen als Familienkernzeit eine ganz besondere Bedeutung. Früher hat man sich eher mal am Tag gesehen. Auch wenn alle berufstätig waren, was zu tun hatten, war das natürlich ein ganz anderer Familienzuschnitt. Aber es mir sehr wichtig, solch eine Kernzeit in der Familie zu behalten.

Bildungspolitik

Sie sind bildungspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion. Wir würden Ihnen gern ein paar Begriffe aus der Schulpolitik nennen - mit der Bitte um eine kurze Stellungnahme...

Gerne.

Zeugnisnoten...

Da müssen wir dringend etwas dran tun; denn die ganze Benotung halte ich in der jetzigen Form für nicht belastbar. Zeugnisnoten als Ziffernnoten sagen viel zu wenig aus. Ich würde mir wünschen, dass wir zu anderen Bewertungsformen kommen, in die Schüler und Schülerinnen viel stärker eingebunden sind, in denen sie selbst ihre Leistungsentwicklung mit beschreiben und dadurch ganz anders wahrnehmen.
   Ich würde mir wünschen, dass wir davon wegkommen, dass man sich untereinander vergleicht, sondern dass man viel mehr daran arbeitet, aus sich persönlich das Beste herauszuholen. Das geht mit Entwicklungsberichten viel besser. Das zeigen uns zum Beispiel die Schweden oder die Finnen, die so genannte Logbücher führen. Die Schüler und Schülerinnen tragen da immer ein, was sie in der Woche machen; sie kommentieren das auch, reflektieren das, sind ganz anders in der Lage, ihre Leistungsentwicklung zu beurteilen, und motivieren sich dadurch auch ganz anders.

Sitzenbleiben...

Das halte ich für überflüssig, für absolut überflüssig. Das Sitzenbleiben von Schülern und Schülerinnen kostet uns hier in Nordrhein-Westfalen 330 Millionen Euro im Jahr. Das Geld kann man besser in Fördermaßnahmen stecken. Das "Sitzen-Lassen" ist zwar international etwas, worin wir Weltmeister sind; aber das müssen wir dringend umsteuern.

Einheitsschule...

Das ist das Schimpfwort für ein gemeinsames Leben und Lernen in der Schule. Vollkommen zu Unrecht: Wir haben im Augenblick mindestens drei Einheitsschulen, nämlich die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium, weil hier vermeintlich in Töpfe begabungsgerecht sortiert wird und dadurch dann mit einem Einheitsblick auf Schüler und Schülerinnen geguckt wird. Wenn in der Schule wirklich individuell gefördert wird, dann brauchen wir keine Grenzen, die durch Schulformen beschrieben werden, sondern dann kann dieses gemeinsame Leben und Lernen auch im sozialen Zusammenhalt passieren. Wir brauchen das individuelle Fördern auf der einen Seite, aber auch den sozialen Zusammenhalt aller; und das schaffen wir nur, wenn wir integrativ beschulen.

Kopfnoten...

Die Kopfnoten, die jetzt wieder eingeführt worden sind, werden hoffentlich nicht bewirken, dass wieder nach den Köpfen und nach subjektiven Vorstellungen von Lehrern bewertet wird. Diese Gefahr sehe ich deutlich. Arbeits- und Sozialverhalten in der Schule zu entwickeln ist wertvoll, aber dazu braucht man einen ganz anderen Ansatz. Dazu müssen Schüler und Schülerinnen die Chance haben, Arbeits- und Sozialverhalten in der Schule tatsächlich auch zu lernen, und es darf nicht nur das bewertet werden, was das Elternhaus an Erziehung vermittelt. Letzteres ist ein Ansatz, der, wie ich finde, überholt ist und der uns in der Qualitätsentwicklung von Schule so nicht weiterhilft.

Mitwirkung...

Qualität von Schule heißt für mich auch, dass Mitwirkung in der Schule tatsächlich praktiziert wird, dass Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen und Eltern in ihren Rollen ernst genommen werden und dass es da eine Verantwortungsgemeinschaft für den Lernerfolg, für den Bildungserfolg gibt. Dazu gehört Beteiligung. Das ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Schule, und das wird interessanterweise auch in allen Schuluntersuchungen so beschrieben. Es ist schade, dass wir jetzt durch das neue Schulgesetz von CDU und FDP einen Verlust von Mitwirkung in der Schule haben.

Bußgelder für Schulschwänzer...

Die werden keine große Wirkung erzielen. Da muss ein ganz anderer Ansatz gefunden werden. Erstens finde ich es fatal, dass Schülern und Schülerinnen die Kompetenz abgesprochen wird, in der Schule mitzuwirken - in der Schulkonferenz oder auf anderen Ebenen -, dass sie aber mit vierzehn Jahren Bußgeld zahlen sollen, wenn sie die Schule schwänzen. Das passt nicht zusammen.
   Zweitens muss man beim Schule-Schwänzen sehr genau hinschauen: Diejenigen, die notorisch die Schule schwänzen, wird man auch durch Bußgelder und Sozialstunden nicht dazu kriegen, anschließend gerne in die Schule zu gehen. Die Ursachen von Schulfrust und Schulmüdigkeit müssen ganz anders angegangen werden.

Neue Medien...

Neue Medien halte ich in der Schule für unverzichtbar. Allerdings muss sichergestellt sein, dass es gute Konzepte gibt, damit die Schule wirklich fruchtbar damit arbeiten kann. Wir brauchen noch eine weitere Ausstattung; es darf allerdings nicht zu Lasten anderer Bereiche gehen. Vor allem dürfen neue Medien nicht gegen künstlerisch-musische Aktivitäten ausgespielt werden. Konkret wird das ja in den Ausstattungskämpfen an den Schulen immer sehr deutlich: Wofür wird Geld ausgegeben?
   Es ist außerdem wichtig, dass Lehrer entsprechend fortgebildet werden und dass man Zugang zu neuen Medien nicht nur im Fachunterricht hat, sondern dass es in allen Fächern eine Selbstverständlichkeit wird, mit der Textverarbeitung und allen möglichen anderen Programmen umgehen zu können.

Rechtschreibreform...

Das ist ein leidiges Thema. Wie viel Energie von den verschiedensten Seiten darauf verwendet worden ist, das finde ich schon erstaunlich. Als ob wir keine anderen Probleme im deutschen Schulsystem gehabt hätten und noch haben!
   Die lebendige Sprache entwickelt sich weiter; das kann auch die Diskussion über die Rechtschreibreform nicht verhindern. Ich hätte mir von Anfang an einen viel radikaleren Ansatz gewünscht, der beispielsweise das Thema Groß- und Kleinschreibung ganz anders angeht; aber ich würde an dieser Stelle nicht noch weitere Energien auf dieses Thema verwenden.
   Wir haben im Augenblick ja eine - sagen wir mal: - wohltuende Vielfalt. Ich glaube, man kann momentan in der Rechtschreibung fast gar nichts mehr falsch machen, so viel Nebeneinander gibt es. So würde ich das mal mit einem Schmunzeln kommentieren. Böser könnte man sagen: Es ist eine Energieverschwendung gewesen. Und eine Rechtschreibreform ist auch nicht der Garant für den Hort der deutschen Bildung.

Visionen

Wie sieht Ihre Lieblingsschule aus?

Meine Lieblingsschule ist eine, in der sich alle wohl fühlen, vor allem die Schüler und Schülerinnen, die das als Lebens- und Lernort begreifen, wo man gerne hingeht, - die dort ihre Möglichkeiten finden, ihre Potenziale wirklich auszuschöpfen. Diese Schule ist auch eine Schule, die die Eltern willkommen heißt. Sie ist eine Schule, in der Lehrer selbstverständlich gerne ihren Arbeitsplatz einnehmen, eine Schule, die ein gutes Lernklima stiftet. Ein gutes Schulklima ist die Voraussetzung dafür, dass es zu einer guten Leistungsentwicklung kommt. Von daher müssen wir dem Thema des Klimas und des "Wohlfühlens" in Zukunft noch große Aufmerksamkeit widmen. Das Klima ist ein wesentlicher Faktor für die Leistungsentwicklung und sollte nicht unterschätzt werden.

Hat diese Schule jemals eine Chance auf Verwirklichung?

Es gibt sie schon! Interessanterweise gibt es Schulen, die es geschafft haben, das in Teilbereichen zu entwickeln. Es gibt Schulen, die das in großen Zügen zu ihrer Leitlinie gemacht haben, die hervorragende Leistungsergebnisse haben. Es gibt Schulen im Ausland, insbesondere die PISA-Sieger in Schweden und Finnland, die so arbeiten. Es sind Schulen, in denen man sich viel wohler fühlt, in denen manche Fragen gar nicht mehr gestellt werden, wie zum Beispiel die, ob Schüler und Schülerinnen in bestimmte Bildungsgänge aussortiert werden müssen, ob sie mehr oder weniger bildungsfähig sind, sondern wo man von vorneherein sagt: Wir haben Bildungsoptimismus und wir trauen das allen Schülern und Schülerinnen zu; wir wollen sie ermutigen, das Beste aus sich herauszuholen. - Das gibt's schon; das muss man nicht erst machen. Von daher ist das nicht nur eine Utopie, die ganz weit weg ist, die man vom Mond holen muss, sondern das wird hier schon umgesetzt. Und ich kenne viele Schulen, die auf dem Weg dahin sind und die das auch machen wollen - trotz aller rückwärtsgewandten Bewegung, die wir jetzt gerade mit dem neuen NRW-Schulgesetz haben.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde mir wünschen, dass die unfruchtbaren parteipolitischen Streitereien und die sehr einseitig ideologiebewehrten Debatten, wie es mit der Schule weitergehen soll, aufhören - dass man stattdessen den Blick auf das richtet, was für die Entwicklung von Bildungsqualität wichtig ist und was für Schüler und Schülerinnen richtig und gut ist. Wenn wir das schaffen könnten, so einen gemeinsamen Weg zu entwickeln, wenn die Gegensätze zwischen Schülern, Schülerinnen, Lehrern, Lehrerinnen und Eltern weg wären und auch die parteipolitischen Grenzen nicht mehr so eine große Rolle spielen würden, dann wäre das schon toll.

Das Interview wurde am 22.8.2006 in Olpe geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Lea Brohsonn und Kim Heuel.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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