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Interview

Willi Brase, MdB   Willi Brase,
Jahrgang 1951,
Mitglied des Bundestags (SPD),
Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Siegen-Wittgenstein,
DGB-Vorsitzender der Region Siegen-Wittgenstein-Olpe

Politische Arbeit

Herr Brase, Sie sind als Mitglied des Bundestags in einer problematischen Situation. Einerseits sollen Sie als Parlamentarier - im Zuge der Gewaltenteilung - die Arbeit der Regierung kontrollieren, andererseits sind Sie aber auch Angehöriger einer der Regierungsparteien und so zu einer gewissen Solidarität verpflichtet. Wie gehen Sie mit dieser "Doppelbelastung" um?

In den meisten Fällen spielt das keine Rolle, weil das, was die Fraktion, die Regierung, die Partei will, auch meiner Interessenslage entspricht und ich deshalb mit allen Kräften versuche, dieses umzusetzen. Es gibt aber Themen, bei denen ich glaube, dass man die Fraktionsdisziplin - so nennt sich das - verlassen muss, zum Beispiel bei Fragen der embryonalen Stammzellenforschung oder ähnlichen Themen, und dort nehme ich mir das Recht heraus, eine eigene Position, eine eigene Meinung zu entwickeln.

Wie hoch werten Sie diese so genannte "Fraktions-" bzw. "Parteidisziplin"?

Bezogen auf den Bundestag glaube ich, dass man ohne eine vernünftige Geschäftsordnung - und damit ist auch Disziplin gemeint - die gesetzgeberische Kompetenz, die gesetzgeberische Gestaltung nicht nach vorne bringen kann. Eine Regierung hat einen Anspruch darauf, dass sie von den Fraktionen, die sie gewählt haben, getragen wird. Aber eine Regierung muss auch akzeptieren, dass die Fraktion oder einzelne Mitglieder zu einzelnen Punkten unterschiedliche Auffassungen vertreten; und das ist immer ein Problem, das man nicht statisch lösen kann, sondern das auch sehr stark davon abhängt, wie die Rahmenbedingungen sind, wie die politische Auseinandersetzung sich gestaltet - und natürlich auch davon, wo man selber herkommt, welche persönlichen Schwerpunkte man hat.

Gibt es in Ihrer Partei mitunter Vorstellungen bzw. Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Wie verhalten Sie sich dann?

Die schwierigste Entscheidung war für mich in der ersten Amtsperiode, den Einsatzbefehl für die Bundeswehr im Kosovo-Krieg zu geben. Ich selber habe 1972 verweigert, nachdem ich ein halbes Jahr bei der Bundeswehr war, und habe sehr lange mit mir gerungen, ob ich diesen Beschluss unterstützen oder nicht unterstützen kann. Das war eine - auch persönlich - sehr schwierige Entscheidung. - In der jetzigen Amtsperiode haben mir einige Punkte der Hartz-Gesetzgebung schon schwer zu schaffen gemacht, weil ich neben der Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter auch gewählter DGB-Vorsitzender der Region Siegen-Wittgenstein und Olpe bin. Wir haben als Gewerkschaften ein paar andere Auffassungen und Forderungen gehabt als das, was die rot-grüne Regierung in Berlin umgesetzt und später zusammen mit dem Bundesrat auf den Weg gebracht hat. Daran hatte ich teilweise schon schwer zu knapsen.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Das verantworte ich trotz aller Parteidisziplin nicht!

Wenn man es theoretisch beantworten will (und den Versuch will ich starten): Wenn ich überzeugt davon bin, dass die vorgesehenen Maßnahmen, die vorgesehenen Gesetze zu stark in Gestaltungsmöglichkeiten von Menschen eingreifen, dann würde ich die Notbremse ziehen. Das hätte natürlich weiterführende Konsequenzen. Danach so zu tun, als hätte man mit der Fraktion keinen Streit gehabt, das geht nicht. Dann muss man wahrscheinlich sagen: Ich kann nicht mehr Mitglied der SPD-Fraktion sein, weil mir der Kurs nicht gefällt, weil mir die Positionen nicht gefallen. Und wenn man ehrlich ist, müsste man dann eigentlich, je nach Lage, das Mandat zurückgeben. Nun bin ich direkt gewählt worden und kann es eigentlich nur sozusagen über die Wähler zurückgeben; ich bin nicht über die Liste in den Bundestag gekommen. Das ist jetzt eine theoretische Diskussion, aber im Falle eines Falles wäre ich auch zu diesen Konsequenzen bereit. So etwas geht allerdings nicht von heute auf morgen; dahinter steckt ja dann eine längere Debatte und Auseinandersetzung.

Muss politische Arbeit immer in einer Partei stattfinden?

Nein. Wir haben sehr viele Initiativen in unserem Land - Umweltinitiativen, soziale Initiativen, Bürgerrechtsinitiativen, auch Aktivitäten in Sportvereinen, in Feuerwehrverbänden und sonstigen Organisationen. Dort macht man sicherlich eine interessensbezogene Arbeit, aber durch das Engagement entwickelt man auch gleichzeitig die Gesellschaft weiter, beteiligt Menschen, setzt sich für andere Menschen ein; und von daher sage ich: Politische Arbeit ist nicht nur parteipolitische Arbeit, ist nicht nur Parlamentsarbeit, sondern ist genauso gut auch Arbeit in Bürgerinitiativen, in Kirchen und anderswo.

Wenn Sie auf Ihre bisherige politische Arbeit zurückblicken: Haben Sie mehr erreicht - oder mehr nicht erreicht?

Das ist schwierig zu beantworten; denn man müsste definieren: Was ist "erreicht", was ist "nicht erreicht"? - Ich bin in der SPD-Fraktion zuständig für den Bereich "Berufliche Bildung"; dort haben wir vor wenigen Tagen sowohl im Bundestag als auch im Bundesrat die Novellierung des Gesetzes auf den Weg gebracht. Ich konnte und durfte bis zum Schluss an der Gestaltung mitwirken; da kann ich sagen: Ich habe etwas erreicht. Ich habe in anderen Fällen Eingaben gemacht, habe für Positionen gekämpft; da würde ich sagen: Ich habe auch da durchaus etwas erreicht. - Was ich nicht erreicht habe, was eigentlich mein elementares Ziel war und ist, ist, dass die Arbeitslosigkeit sinkt, statt weiter zu steigen. Da muss ich sagen: Da waren die Ansätze, die auch ich vertreten habe, die ich mit der Regierung, mit dem Parlament auf den Weg gebracht habe, bisher nicht erfolgreich.

Volks-Vertreter

Ist (bzw. war) "Politiker" Ihr Traumberuf?

Nein. Wenn es mein Traumberuf gewesen wäre, hätte ich wesentlich früher damit angefangen. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und bin seit 1998 im Parlament - da hätte ich früher anfangen müssen. Ich bin aber seit Jahrzehnten aktiv als Gewerkschafter; das kommt einem Traum oder einer Tätigkeit, die mich befriedigt, schon sehr nahe.

Wie sind Sie zur SPD gekommen?

Eigentlich zu Endzeiten der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Dort hat es härtere Auseinandersetzungen über den zukünftigen Kurs dieser Gesellschaft gegeben; dort habe ich mich inhaltlich, thematisch eingebracht; und irgendwann war für mich klar: Wenn du Chancen haben willst neben der gewerkschaftlichen Tätigkeit als Gewerkschaftssekretär - ehrenamtlich, vor allen Dingen auch hauptamtlich -, brauchst du Verbindungen zu einer politischen Partei. Denn die Gesetzgebungskompetenzen liegen bei den Parteien in den jeweiligen Parlamenten. Und da war für mich, da ich Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerinteressen als wichtig ansehe, auch klar, zur SPD zu gehen.

Sie sind Mitglied des Bundestags, Volksvertreter. "Repräsentieren" Sie das Volk? Woraus schließen Sie das?

Ich glaube nicht, dass ich den Anspruch erheben könnte, das Volk insgesamt zu repräsentieren. Was ich versuche, ist, die Interessen verschiedenster Teile unseres Volkes mit ins Boot zu nehmen, zu überlegen, wie ich sie unterstützen kann, wo ich auch gegebenenfalls nein sagen muss. Als direkt gewählter Abgeordneter sehe ich mein Interesse auch darin, die Perspektiven und Formen und Ziele der Region mit zu vertreten und deutlich zu machen. Konkret: Wenn es um den Verkehrswegeplan geht - wo sollen neue Autobahnen und Straßen gebaut oder wo sollen sie verbessert werden -, dann überlege ich natürlich: Was ist günstig und notwendig für unsere Region? und bringe das ein.

Es gibt in Deutschland kein imperatives Mandat. Jeder Abgeordnete ist nur seinem Gewissen verantwortlich. Angenommen, Ihr Gewissen steht in einer bestimmten politischen Entscheidung erkennbar dem Gewissen derer entgegen, die Sie repräsentieren: Wie verhalten Sie sich?

Letztendlich genauso wie im Parlament auch. Dann muss ich mit den Menschen reden und sagen: Diese Position kann ich nicht tragen, die unterstütze ich nicht. Und das findet ja auch statt. Und die Menschen haben das Recht und nach Möglichkeit auch die Pflicht, bei der nächsten Wahl zu überlegen, ob sie mich noch haben wollen oder nicht haben wollen. Sie haben also dann eine Entscheidungsgrundlage, mir ihre Stimme zu geben oder auch nicht. Aber ich würde es allemal diskutieren. Deutlich gesagt: Ich bin nicht dafür, dass wir weiterhin Atomkraftwerke betreiben, sondern ich bin für den Ausstieg. Und wenn eine Mehrheit der Auffassung ist, meine Politik ist dort falsch, dann wird sie mich nicht mehr wiederwählen. Insofern gibt es dort auch eine Offenheit der Diskussion, das ist völlig klar. - Und noch ein Beispiel: Wenn eine Mehrheit hier sagt: Wir brauchen die Todesstrafe, dann sage ich: Nein, ich will die Todesstrafe nicht, weil ich als Mensch kein Recht habe, eine solches Urteil zu vollführen. Das hat etwas zu tun mit dem Hintergrund meines Glaubens. Also, das muss man schon aushalten und diskutieren.

Ein beliebter Vorwurf lautet ja, den Volksvertretern fehle es an "Bodenhaftung", sprich: an Kontakt zum "Volk". Wie ist Ihre Antwort?

Ich glaube, dass dieser Vorwurf in Teilbereichen richtig ist. Ich selber habe das Glück, dass ich als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes hier in der Region wirken kann; ich habe immer noch einen Arbeitsvertrag über 5,31 Stunden in der Woche, kriege noch ein kleines monatliches Salär dafür. Und diese Tätigkeit als Gewerkschafter führt mich immer wieder dahin, wo die Menschen hauptsächlich arbeiten und leben. Da fühle ich mich schon sehr stark verbunden mit der Bevölkerung, mit der Gesellschaft - nicht nur mit den Wählerinnen und Wählern - und kriege natürlich auch mit, was bei den Menschen gedanklich eine Rolle spielt, wo sie ihre Sorgen und Nöte haben. Deshalb bin ich für die Einbeziehung von Abgeordneten mit Nebentätigkeiten, allerdings in einem vertretbaren Ausmaß; und ich bin auch für die Veröffentlichung der Gehälter, die man dafür erhält.

Abhängigkeiten

Haben Politiker eigentlich Freunde - also Bezugspersonen jenseits der "Parteifreundschaften"?

Ich glaube schon, dass man generell sagen kann, dass auch Politiker Freunde haben; gar keine Frage. Bei mir ist das insofern etwas anders, weil ich das, was ich dann noch an Zeit habe, mit der Familie verbringen will. Denn wenn man als MdBler gewählt ist und seine Aufgabe in Berlin und im Wahlkreis wahrnimmt, dann ist das Zeitbudget sehr eng. Natürlich habe ich auch den einen oder anderen Freund, aber den Rest der Zeit, der mir verbleibt, verbringe ich am liebsten mit meiner Frau. Das halte ich für völlig normal, und deshalb kann man nach meinem Dafürhalten ein solches Mandat auch nur zeitlich begrenzt ausüben. Ansonsten verlieren Sie zu viel. Das Geld hilft Ihnen da überhaupt nicht. Sie verlieren sonst etwas an Mitmenschlichkeit, was Sie später nicht wiederholen können. Zum Beispiel was die Erziehung Ihrer Kinder angeht: Sie können später noch so viel Zeit haben - Sie haben die Anfangsjahre der Kinder, während derer Sie politisch tätig, im Parlament tätig waren, nicht mitbekommen und haben sie verloren. Das möchte ich nicht.

Kürzlich lief im Fernsehen ein schöner Film mit dem Titel "Im Rausch der Macht - Süße Droge Politik", in dem Politiker ihre Abhängigkeit vom politischen Geschäft schilderten. Deshalb auch unsere Frage: Macht Politik süchtig?

Hmm. Ich weiß es nicht genau. Das kann sein. Aber ich versuche das für mich nicht gelten zu lassen. Ich kann auch wochenlang auf Presse und auf politische Ereignisse verzichten. Mein Interesse ist eigentlich stärker, Dinge sachorientiert zu bewegen, zu sagen: Die Rationalität der Argumente sollte zählen - und nicht mögliche machtpolitische Konstellationen oder noch besser irgendwelche Fernsehauftritte in den berühmten "Sabbel-Shows", damit meine ich Christiansen, Maybrit Illner und was es da nicht noch alles gibt, also die berühmt-berüchtigten Talk-Shows. Es gibt ja Leute, die sagen, dass das Wichtigste ist, dass man Sonntag abends bei Christiansen ist; das sei wichtiger, als im Bundestag eine Entscheidung zu treffen. Das halte ich für völlig verkehrt. Entscheidungen müssen demokratisch legitimiert sein, deshalb sollte man genau überlegen, dass man mit Macht, die man ja sowieso nur auf Zeit und begrenzt hat, vernünftig umgeht.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: "Ich höre als Politiker auf"?

Wenn ich feststellen würde, dass ich im Deutschen Bundestag nicht mehr vernünftig mitgestalten kann. Damit höre ich dann aber nur als MdBler, nicht als Politiker auf. Ich würde mich dann stattdessen verstärkt vor Ort, in meiner Heimat einbringen. Ob das dann allerdings im Kreistag oder im Rat der Stadt Kreuztal, wo ich wohne, sein muss, ist ein völlig anderer Punkt. Man kann sich eigentlich in fast allen - nein: in allen - Lebenslagen politisch engagieren.

Ist dieses Festhalten am politischen Engagement aber nicht letztlich doch eine Art von Sucht?

Das weiß ich nicht. Dass ich mir vorstellen kann, in welchem Alter ich aufhöre - davon können Sie ausgehen. Nur engagieren werde ich mich weiter, aber das ist keine Frage von "Sucht". Ob es dann direkt die knallharten politischen Themen sein werden, das weiß ich nicht. Es kann sein, dass ich mich wieder mehr umweltpolitisch engagiere, wie auch immer. - Was ich kann, auch wenn ich nächstes Jahr noch einmal für vier Jahre wiedergewählt werden sollte, das ist, rechtzeitig zu sagen: Jetzt ist Schluss, für diese Lebensphase. Und dann suche ich mir etwas anderes. Was ich nicht machen werde, wenn ich irgendwann mal in Pension gehe und noch rüstig bin, das ist, mich zurückzulehnen - nein. Vielleicht arbeite ich auch stärker - oder überhaupt wieder - in meiner Kirchengemeinde mit.

Engagement ist für Sie also etwas ganz Natürliches, nichts Aufgesetztes...

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Ich habe einen Kinder-Förderverein zu Hause in Burbach mitgegründet. Diese Einrichtung "Kinder zu Hause" betreut mehrfach schwerstbehinderte Kinder. Das wäre so ein Feld, wo ich, wenn mein Zeitbudget anders und besser aussähe, etwas machen würde, ganz praktisch - nicht in der direkten Pflege; da bin ich kein Fachmann. Aber ansonsten in der Gartenpflege oder in dem Feld, das Projekt überhaupt bekannt zu machen. Wenn man etwas verändern und gestalten will, dann kann man das auch auf diesem Gebiet machen.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Ich glaube, man muss lernen zuzuhören. Man sollte seine Ehrlichkeit behalten. Und wovon ich auch sehr viel halte, ist Disziplin - die Bereitschaft, sich in die Arbeit hineinzuknien. Ohne das geht es nicht.

Dürfen wir Ihnen einige Begriffe nennen, und Sie sagen uns dann, ob sie für erfolgreiche Politik erforderlich sind?

Gern.

 

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Lass ich mal offen.

Populismus?

Ach, das muss nicht sein...

Kompromissbereitschaft?

Ohne die können Sie keine Politik gestalten.

Taktisches Geschick?

Wäre von großem Vorteil.

Wille zur Macht?

Allgemein sagt man, Politiker müssten den haben. Ich persönlich bin da sehr zurückhaltend.

Charisma?

Wäre gut.

Skrupellosigkeit?

Würde ich ablehnen.

Unverwechselbarkeit?

Das macht eine Persönlichkeit aus. Das ist kein Wert, den man anstreben sollte. Eigentlich ist jeder Mensch unverwechselbar.

Muss ein guter Politiker immer mehrheitsfähig sein? Will heißen: Gibt es Ihrer Einschätzung nach Politiker, die nur in der Opposition wirklich gut sind?

Nein; man kann in der Opposition genauso Politik gestalten wie in der Regierung. Beim Regieren kann man mehr umsetzen als in der Opposition, das ist richtig; aber ein guter Politiker muss in allen Situationen die Dinge beim Namen nennen, sie nach vorne bringen und nach Möglichkeit erkennbar für die Menschen agieren können.

Ihr Parteivorsitzender ist ein Mann. Ist das Zufall oder ein Indiz dafür, dass Frauen in der Politik - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle spielen? Wie erklären Sie sich das?

Es ist richtig, dass nach wie vor zu wenig Frauen in den Parteien, vor allen Dingen auch in den Führungsbereichen, tätig sind. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig; sie haben etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Ich finde es bedauerlich für die SPD, dass es uns in all den Jahrzehnten - wir sind ja über 140 Jahre alt - nicht gelungen ist, eine Frau an die Spitze zu stellen, die die Geschicke lenkt und leitet; aber das entwickelt sich. Wir haben nur eine Ministerpräsidentin, und die wird erkennbar nicht mehr so lange im Amt sein. Es wäre gut, wenn wir noch die eine oder andere in der SPD hätten, die in diese Aufgaben hineinwachsen könnte. Eine Partei zu führen und auch mit Impulsen zu versehen ist nicht einfach, egal ob als Mann oder Frau. Wenn Sie mal nach England schauen, da haben wir Maggie Thatcher gehabt. Frau Merkel strebt an, Kanzlerin zu werden. Hillary Clinton wird derzeit als mögliche Kandidatin für die US-Präsidentschaftswahlen gehandelt. Da tut sich also einiges. Auch in der SPD. Wir haben eine junge Frau, die Vize-Parteivorsitzende ist, die Genossin Vogt. Wir haben in der Regierung sehr viele Frauen. Noch nie hatte eine Bundesregierung so viele Frauen. Einen kleinen Weg nach vorne haben wir also gemacht. Aber es dürfte jederzeit mehr sein.

Müssen Frauen in der Politik die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Manchmal kann man den Eindruck haben. Leider. Ich finde es Quatsch, aber es ist offensichtlich so.

Denken Sie an Ihre eigene politische Laufbahn zurück: Wären Sie heute dort, wo Sie sind, wenn Sie eine Frau wären?

Das habe ich erwartet, dass diese Frage kommt. Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, denn wenn eine Frau die Familie hat, möglicherweise Kinder erzieht und gleichzeitig noch ein politisches Mandat hat, dann ist das schon ein Riesenpacken, den wir ihr da aufbürden. Wenn mehr Männer Familienarbeit, Erziehungszeit wahrnehmen würden und das nicht überwiegend den Frauen aufgebürdet würde, würde sich dieses anders darstellen und würde auch die Entwicklung anders laufen. Ich glaube, von meinen persönlichen Interessenslagen her wäre ich nicht so weit, wenn ich als Frau meine jetzige Tätigkeit angestrebt hätte und gleichzeitig hätte gucken müssen, dass der Haushalt klappt. Ich kann nur sagen: Dass ich politisch so viel machen kann, hängt zum Großteil auch an der Unterstützung meiner Frau, die nämlich zu Hause ist. Wir haben erst sehr spät noch mal ein Kind zusammen bekommen, und da ist es schon sehr viel, wenn einem da der Rücken frei gehalten wird.

Jugend und Politik

Das Ansehen der Politik und der Politiker scheint lädiert zu sein. Bei einer Umfrage, die wir kürzlich an unserer Schule gemacht haben, gaben 23 Prozent der Befragten an, dass Politik ein "schmutziges Geschäft" sei, etwa die Hälfte befand diese Aussage immerhin für teilweise richtig. Gerade mal 8 Prozent konnten bzw. können sich vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen, bei den weiblichen Befragten waren es gar nur 2,5 Prozent. In einer politischen Partei oder Jugendorganisation ist nur einer der etwa 130 Oberstufler, die wir befragt haben. Wie erklären Sie sich einen solchen Befund?

Ich glaube schon, dass die Wirkungen, die das derzeitige politische Handeln mit sich bringt, eine Menge Menschen davon abhalten, sich parteipolitisch zu engagieren. Da haben die - da will ich mich gerne mit einnehmen -, die derzeitig die Gestaltungsaufgaben wahrnehmen, ein Stück weit auch eine Bringeschuld, das zu verändern. Was ich den jungen Leuten sagen würde: Wenn ich nicht will, dass andere über meinen eigenen Kopf bestimmen, dann muss ich selber aktiv werden. Oder andersherum formuliert: Wenn du nicht willst, dass andere für dich entscheiden, was für dich gut ist, dann musst du dich selber bewegen und etwas tun. Und es wäre gut, wenn man in der Politik, also in den politischen Parteien und Verbänden, wenn Interessen da sind, diese einfach ein Stück einbringt, damit Entscheidungen, die für das Zusammenleben von Bedeutung sind, nicht an einem vorbeigehen.

Kennen Sie die Gegenargumente der Jugendlichen?

Also, ich kriege es ja in vielen Gesprächen mit Jugendgruppen mit. Ich habe in Berlin häufig Jugendgruppen, Schülerinnen und Schüler; in diesen Tagen war wieder eine Gruppe da und ich habe mit ihr diskutiert. Häufig geht es da genau um diese Fragestellung: Warum gehen wir nicht in die Politik? Warum engagieren wir uns nicht? Und wenn ja: Wo engagieren wir uns? Aber alle, mit denen ich diskutiert habe und denen ich gesagt habe: Möchtest du, dass andere entscheiden, was für dich gut ist?, haben mir irgendwann gesagt: Nee, das will ich eigentlich nicht. - Tja, dann muss ich mich selber bemühen... - Und dann muss man die Argumente, dass manches am Verhalten der Politiker zu kritisieren ist, dass sie nicht vertrauenswürdig sind, dass sie zu populistisch sind, dass sie immer nur die Macht sehen, ein Stück wegdrücken und sagen: Ich möchte aber mitgestalten, damit das, was ich im Kopf habe, auch umgesetzt wird und nicht andere mir vorschreiben, was ich zu tun, zu lassen und wie ich zu leben habe. Das versuche ich in meinen Gesprächen als Gegenargument den Schülerinnen und Schülern, auch anderen Jugendlichen deutlich zu machen.

Wie werden die "Jungen" in Ihrer Partei Ihrer Erfahrung nach von den "Älteren" betrachtet: eher mit Hoffnung oder eher mit Argwohn?

Da ich selber Parteivorsitzender in Siegen-Wittgenstein bin, rennen die jungen Leute bei mir offene Türen ein. Ich bin froh, wenn wir jüngere Leute kriegen, weil wir wie viele andere Organisationen auch unter Nachwuchsmangel leiden. Wir brauchen jüngere Leute, damit sie sich mit ihren Ideen einbringen.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Helmut Schmidt hat einmal gesagt, wer Visionen hat, der soll zum Psychologen oder Psychiater gehen. Nein, jetzt mal ganz im Ernst: Ich glaube schon, dass man einige Ziele haben muss, um zu sehen, wo man hinwill. Ob das dann Visionen sind oder klare Konzepte, darüber will ich hier nicht streiten. Aber so ein bisschen zu sagen, die Gesellschaft soll sich in diese oder jene Richtung entwickeln, das fände ich schon ganz sinnvoll.

Frisst der politische Alltag Visionen auf?

Ja.

Können Sie das näher ausführen?

Das will ich gerne machen. Wir haben ja Entscheidungsebenen mittlerweile nicht nur in Berlin im Bundestag und/oder im Bundesrat, sondern wir haben Entscheidungskompetenzen bei den Bundesländern und natürlich vor Ort, auf der Ebene der kommunalen Selbstverwaltung. Hinzugekommen ist seit zwanzig, dreißig Jahren die europäische Entwicklung. Und da wird häufig mit dem Faktum des Praktischen argumentiert, dass die Dinge so sind, wie sie sind, also nicht veränderbar sind, und deshalb müsse man sie politisch nachvollziehen. Das ist nicht immer einfach zu verstehen und zu akzeptieren. Wir haben in Berlin häufig Entscheidungen, die über Europa kommen, wo wir gar nicht mehr viel bewegen können.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Dass alle Menschen in der Bundesrepublik Deutschland Arbeit hätten - zu vernünftigen Bedingungen, und dass sie mit dieser Arbeit auch ihr eigenes Leben gestalten könnten. Arbeit: daran hängt alles andere. Wirtschaftliche Not schafft Unfrieden und macht anfällig für radikale Strömungen.

Das Interview wurde am 28.2.2005 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Julia-Kristin Klein, Kerstin Rüenauver, Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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