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Interview

Jasmine Chansri, MdL   Jasmine Chansri,
Jahrgang 1980,
Mitglied des oberösterreichischen Landtags (SPÖ)

Politische Arbeit

Frau Chansri, ist (bzw. war) Politikerin Ihr Traumberuf?

Nein, bestimmt nicht!

Wie sind Sie dann Politikerin geworden?

Ich bin derzeit in Oberösterreich die jüngste Abgeordnete. Ich bin jetzt 25. Vor zwei Jahren, mit 23, bin ich in den Landtag gekommen. Das hatte mit meiner Herkunft zu tun. Ich komme aus sozial schwachem Hause, habe Migrationshintergrund, bin halb Thailänderin, halb Österreicherin. Mit gesellschaftlichen Themen habe ich mich immer beschäftigt. Und wenn irgendwo ein gesellschaftlicher Missstand war, habe ich den immer kritisiert. Ich habe also immer viel gesprochen und hab mich dann irgendwann entschieden: Man muss nicht nur reden, man muss auch handeln. Daraufhin haben sie mich gefragt, ob ich kandidiere.

Haben Frauen es in der Politik schwerer als Männer?

Mittlerweile, würde ich sagen, nicht mehr so wie vielleicht vor zwanzig Jahren, auf Österreich bezogen. Aber wahr ist, dass es immer noch einige Bereiche gibt, wo es Frauen schwerer haben.

Wenn Sie ein Mann wären, wären Sie dann - trotz ihres jungen Alters - politisch schon weiter?

Nein, ganz im Gegenteil. In meiner Partei, der SPÖ, gibt es sehr viele junge Frauen, die wir hineingeholt haben, auch in bestimmte Funktionen, die gefördert werden. Im Vergleich zu den anderen Parteien stehen wir da vom Alter und Geschlecht her ganz gut da. Bei den andern ist das nicht so.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Er muss authentisch und ehrlich sein.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Bitte sehr!

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Jein.

Populismus?

Nein.

Kompromissbereitschaft?

Ja.

Taktisches Geschick?

Ja.

Wille zur Macht?

Jein.

Charisma?

Ja.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Hm. Jein.

Medienwirksamkeit?

Ja.

Unverwechselbarkeit?

Ja.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja, unbedingt.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Zum Teil ja.

Angenommen, es gäbe die berühmte gute Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde mir wünschen, dass Politik gar nicht mehr nötig wäre. Dass es allen gut geht und man keine politischen Instrumentarien mehr braucht, um sich zu streiten, sondern dass jeder die Möglichkeit hat, dorthin zu kommen, wo er hinwill.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre auf!

Wenn ich mir im Spiegel - politisch - nicht mehr in die Augen schauen könnte. Man muss, wie ich schon gesagt habe, authentisch bleiben. Mitunter muss ich - das haben wir hier in Österreich eigentlich ganz fair aufgeteilt - Sitzungen leiten, wo ich die einzige Frau unter Männern bin, die alle meine Väter sein könnten, die alle zwischen 40 und 60 sind. Und da hoffe ich einfach, dass ich trotzdem so bleibe, wie ich bin. Dass ich mich nicht anpasse.

Noch eine ganz "staatsmännische" Frage: Wir haben jetzt in Deutschland eine große Koalition. Damit haben Sie ja in Österreich reichlich Erfahrung. Was würden Sie den Deutschen raten?

Es ist schwierig darauf zu antworten. Deutschland und Österreich sind in vielen Bereichen vielleicht ähnlich, aber was das betrifft, ist der Vergleich ganz besonders schwierig. Ich habe gerade eben erst einen Kommentar gelesen, in dem der Verfasser auch bei uns hier in Österreich wieder eine große Koalition befürchtet. Andererseits machen wir hier zurzeit andere Experimente, die auch nicht sehr erfolgreich sind - nämlich die Koalition einer großen mit einer kleinen Partei. Bei Umfragen ist herausgekommen, dass zwei Drittel der Österreicher bei der nächsten Nationalratswahl, die nächstes Jahr sein wird, wieder eine große Koalition haben wollen. Vor fünf Jahren wollte niemand eine große Koalition, oder jedenfalls nur eine marginale Anzahl von Leuten. In der Demokratie ändern sich also diese Stimmungen sehr schnell.
   Raten würde ich vor diesem Hintergrund einfach, dass man die Probleme, die jetzt anstehen, über alle Flügelkämpfe hinweg zu lösen probiert. Die Betonung liegt hierbei auf probiert. Es wäre eine Illusion anzunehmen, man könnte alle Probleme in einem einzigen Koalitionsakt lösen.
   Die Medien, die leider sehr viel Einfluss auf die Gesellschaft haben, stehen großen Koalitionen meist sehr kritisch gegenüber; sie sollten sie aber nicht so vorschnell verurteilen.

Das Interview wurde am 25.11.2005 während des YOUKI-Jugendmedienfestivals in Wels/Oberösterreich geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Kerstin Rüenauver und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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