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Interview

Horst Ellinghaus, MdL   Horst Ellinghaus,
Jahrgang 1948,
Mitglied des NRW-Landtags (CDU),
Mitglied im Schul-, Rechts- und Hauptausschuss,
stv. Vorsitzender der Enquete-Kommission "Chancen für Kinder"

Traumberuf

Herr Ellinghaus, ist Politiker Ihr Traumberuf?

Interview im Landtagsgebäude Das kann man so sagen. In meinem ersten Leben (wir Politiker sagen das so: das erste Leben war das vor der Politik) - in diesem ersten Leben war ich zwar dreißig Jahre lang selbstständiger Handwerksunternehmer, aber ich habe schon in jungen Jahren, mit 23, 24, angefangen, mich für Politik zu interessieren.
   Ich habe dann erst einmal auf kommunaler Ebene viele Jahre lang Politik gemacht, habe dabei allerdings immer im Hinterkopf gehabt, gerne auch in ein offizielles Parlament einzuziehen. Deshalb habe ich, aus Wuppertal kommend, 2005 für die Landtagswahl kandidiert. Und das hat geklappt; ich habe meinen Wahlkreis direkt gewonnen.
   Mein Handwerksunternehmen habe ich dann nach 30 Jahren abgeschlossen und bin heute Berufspolitiker, womit ich sehr, sehr glücklich bin.

Wie sind Sie zur CDU gekommen?

Wenn ich eben gesagt habe, dass ich selbstständiger Handwerksunternehmer war, dann ist das in gewisser Hinsicht schon eine Vorgabe in die politische Richtung, weil Handwerk, Mittelstand, Dienstleister politisch eher in der CDU beheimatet sind. So bin ich über meinen Beruf zu dieser Partei gekommen.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Er muss als Erstes gut zuhören können. Er muss sehr oft und sehr viel aufnehmen können, was die Menschen bewegt, was für Probleme sie haben, was im Gemeinwesen, in einer Kommune, im Land an Sorgen und Nöten vorhanden ist.
   Er muss - im Falle eines Landtagsabgeordneten - innerhalb seiner Fraktion eine gewisse Durchsetzungskraft haben.
   Er muss eine lange Ausdauer haben für Dinge, die er durchsetzen will. Das erfordert manchmal viel Zeit und viele Gespräche.
   Und ich füge mal mit einem Schmunzeln hinzu: Er muss auch ein bisschen gut reden können.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, was Sie davon halten?

Tun Sie das.

 


Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Nicht unbedingt.

Populismus?

Hin und wieder.

Kompromissbereitschaft?

Ja.

Taktisches Geschick?

Auch.

Wille zur Macht?

Wille zur Macht..., na gut, aber nicht unbedingt an allervorderster Front.

Charisma?

Ja.

Skrupellosigkeit?

Nein, die muss man nicht haben. Meine Intention ist sie jedenfalls nicht.

Gutes Aussehen?

Ist nicht unbedingt erforderlich, kann aber nicht schaden.

Medienwirksamkeit?

Ja.

Unverwechselbarkeit?

Ja, die sollte man haben.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Ein Politiker sollte nicht die Unwahrheit sagen. Wenn Dinge sich schwierig entwickeln, dann sollte man nicht irgendetwas versprechen, von dem man unter Umständen schon im Vorhinein weiß, dass man es nicht einhalten kann. Man sollte offen und ehrlich sein und den Leuten reinen Wein einschenken, was auf politischer Ebene geht und was nicht.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Es wäre vermessen zu sagen: keine. Sicherlich habe ich im Laufe meines politischen Lebens auch einige Fehler gemacht. Spontan kann ich Ihnen allerdings keinen sagen. Das ergibt sich hin und wieder im politischen Alltagsgeschäft, dass man hinterher, wenn man etwas gesagt oder getan hat, denkt: Das hättest du vielleicht etwas anders machen sollen.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Ja.

Auch wenn es Fehler sind, die der Allgemeinheit schaden?

Dann hat man ja, wenn man, wie in unserem Fall, Regierungspartei und in der Regierungskoalition ist, die Möglichkeit, dieses zu korrigieren.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Ich würde es weder als Segen noch als Fluch ansehen, aber ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, zuweilen ist es ein bisschen viel. Mitunter werden die Fernsehkonsumenten aus meiner Sicht mit solchen Formaten geradezu überhäuft. Nach meinem Dafürhalten könnte diese Art Sendungen etwas seltener stattfinden.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Nicht unbedingt als vierte Macht, wenngleich ich einräume, dass sie schon eine gewisse Macht haben. Aber sie sind eben nicht die vierte Macht im Staat - wenn sie auch sehr häufig versuchen, Einfluss zu nehmen. In ihrer Darstellung, in einem Zeitungsartikel zum Beispiel, geben sie oftmals das, was der Politiker eigentlich transportieren wollte, nicht ganz korrekt wieder. Sehr leicht entsteht ein anderer Sinn daraus.

Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Ich bin nicht jeden Morgen sauer, an dem ich nicht in der Zeitung bin. Dann wäre ich übrigens an vielen Tagen sauer, weil das so häufig nicht vorkommt.
   Aber es stimmt: Politik macht irgendwo auch süchtig. Für mich wie für die meisten von uns, die das dermaßen mit Herzblut betreiben, für den ist Politik wirklich wie eine Droge. Ich für mich nehme diese Formulierung insoweit in Anspruch, ja. Politik macht süchtig. Ich bin jetzt 37 Jahre Mitglied der CDU und mache seit 37 Jahren Politik. Daran sehen Sie, dass es in meinem Fall irgendwie süchtig gemacht hat.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Ja, natürlich - wenn ich die aktive Politik verlassen habe. Hoffentlich erst in langer, langer Zukunft, aber dann gibt es natürlich ein Leben nach der Politik.
   Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es zunächst einmal schwer wird, dass man sie vermisst, sich danach sehnt und denkt: "War doch 'ne schöne Zeit; man hat etwas bewegen können!" - Ein Ausstieg nach so vielen Jahren ist also, glaube ich, nicht ganz einfach. Aber selbstverständlich gibt es ein Leben nach der Politik; man hat ja auch noch Ehefrau, Kinder, Enkelkinder.

Kirche und Politik

Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Kirche und Politik passen schon irgendwie zusammen, wenngleich das zwei völlig unterschiedliche Ausgangspunkte sind. Aber Sie sehen an unserem Parteinamen, dass unsere Politik auf Wertvorstellungen basiert, die aus dem christlichen Glauben resultieren. Im Übrigen haben wir in unserer Politik eine hohe Wertedarstellung und sind selbstverständlich in diesem christlichen Glauben verhaftet. Das gilt auch für mich persönlich.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Nehmen wir die aktuellen Fälle Krippenpolitik oder Stammzellenforschung.

Das sind natürlich Themen, die in gewisser Hinsicht mit dem Christentum kollidieren. Stammzellenforschung ist nicht unbedingt mein Fachgebiet, aber ich habe ein gewisses Verständnis dafür, wenn kirchliche Vertreter diesem Thema mit großer Skepsis gegenüberstehen, weil man vielleicht fürchtet, damit werde in irgendeiner Form in die Schöpfung eingegriffen.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja. Ich kann Ihnen nicht sagen wie, aber ich glaube daran, dass es eine Weiterexistenz nach dem Tod gibt.

Sie sagten eben, auch Sie persönlich seien im christlichen Glauben verankert. Dann ziehen Sie also auch persönliche Konsequenzen aus Ihrem Glauben für Ihr konkretes politisches Handeln.

Zuweilen ja.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja.

Frisst der politische Alltag die Visionen auf?

Man sollte als umsichtiger Politiker dafür sorgen, dass man diese Visionen behält, wenngleich, das gebe ich Ihnen zu, der politische Alltag sehr anstrengend, sehr zeitaufwendig und stressig ist. Und es droht manchmal, dass man die eine oder andere Vision aus dem Auge verliert. Aber man sollte sich dann irgendwann wieder daran erinnern und diese Vision beibehalten und in die Tat umzusetzen versuchen.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Die berühmte Fee?! Also, auf mich persönlich bezogen würde ich mir natürlich schon wünschen, in der nächsten Legislaturperiode hier noch einmal Abgeordneter im Landtag sein zu dürfen, das heißt, ich würde mir wünschen, meinen Wahlkreis in Wuppertal wieder direkt zu gewinnen.
   Von diesem kleinen, persönlichen Wunsch abgesehen, würde ich mir für das Land NRW und die Bundesrepublik Deutschland, für die Welt Frieden wünschen - dass die Menschen vernünftig und sorgfältig miteinander umgehen.

Das Interview wurde am 20.9.2008 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Sebastian Rabe und Lea Brohsonn.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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