Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Bärbel Höhn, MdL   Bärbel Höhn,
Jahrgang 1952,
Mitglied des NRW-Landtags (Bündnis 90/Die Grünen),
Ministerin für Umwelt und Naturschutz,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz
des Landes Nordrhein-Westfalen

Persönlichkeitsmerkmale

Frau Höhn, welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Ganz wichtig ist, dass er für die soziale Frage offen ist, dass es jemand ist, der denjenigen Menschen hilft, die nicht so gut dran sind. Die Starken in der Gesellschaft können das von selber. Ich finde, die Schwachen in der Gesellschaft brauchen mehr Unterstützung. Es wäre ganz toll, wenn mehr von denen, die die Schwachen in der Gesellschaft stärken wollen, in die Politik gingen.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man die benötigt?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Ja, die benötigt man auf jeden Fall.

Idealismus?

Auf jeden Fall. Idealismus ist extrem wichtig.

Altruismus?

Nja... - Also, die beiden anderen finde ich wichtiger.

Populismus?

Eher nein.

Kompromissbereitschaft?

Ja. Kompromissbereitschaft auf jeden Fall.

Taktisches Geschick?

Ja, das braucht man auch manchmal.

Wille zur Macht?

"Wille zur Macht" würde ich nicht sagen, aber den Willen, etwas verändern zu wollen, schon.

Charisma?

Kann nicht schaden, aber muss nicht sein.

Skrupellosigkeit?

Nein, die sollte nicht sein.

Gutes Aussehen?

Ist hilfreich, muss aber nicht unbedingt sein.

Medienwirksamkeit?

Man muss durchaus bereit sein, mit Medien umgehen zu wollen.

Unverwechselbarkeit?

Die ist sehr hilfreich. Aber die meisten haben sie nicht.

Jugend und Politik

Brauchen Politiker Visionen?

Auf jeden Fall.

Frisst der politische Alltag diese Visionen bisweilen auf?

Oft ist das der Fall, aber das darf nicht passieren.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Dass wir nachhaltig Politik machen und dass wir die Erde unseren Kindern so überlassen, wie wir selbst sie von unseren Eltern bekommen haben.

Bärbel Höhn mit Jonas Warns (Kamera), Kerstin Rüenauver und Anna Carla Kugelmeier Wie sollten sich Jugendliche und junge Erwachsene engagieren, um diesen Wunsch, falls die Fee ausfällt, zu realisieren?

Ich wäre schon dafür, dass junge Leute erst einmal einen Beruf erlernen und eine Zeit lang auch im Beruf tätig sind. Denn ich glaube, dass es gut ist, dass man wirtschaftlich unabhängig ist, wenn man in die Politik geht. Wenn man sozusagen von der Schule direkt in die Politik wechselt, dann hat man wenig Lebenserfahrung und ist ganz schnell abhängig von der Politik und vor allem dem Einkommen in der Politik. Deshalb sollte man lieber erst mal eine Weile außerhalb der Politik beruflich tätig sein. - Natürlich ist es wichtig, dass auch einige junge Leute mitmachen, damit die die Interessen ihrer Altersgruppe vertreten. Aber zwischendurch mal auszusetzen, einen Beruf auszuüben und den Alltag kennenzulernen, das ist sehr hilfreich.

Allerdings ist die Politik ja gerade bei jungen Leuten ein bisschen in Verruf geraten. Viele sind der Ansicht, Politik sei ein schmutziges Geschäft.

Ich sag mal so: Politik ist ja nicht einfach. Die Politiker machen ja nicht bewusst etwas falsch. Sie versuchen schon das Beste zu machen. Sie sind auch sehr fleißig; in dieser Hinsicht kann man ihnen nichts vorwerfen. Und selbst wenn jemand von der Seite her einsteigt, macht er es nicht zwangsläufig besser. Politik ist also offensichtlich sehr schwierig, weil die Verhältnisse so komplex sind. Und deshalb ist es einerseits durchaus gut, wenn wir ein Stück mehr Verständnis für dieses Geschäft aufbringen. - Wenn es auf der anderen Seite aber um die Bereicherung der Politiker geht, dann muss man diese in der Tat deutlich anprangern, weil solches Verhalten natürlich dazu führt, dass die Politik insgesamt unglaubwürdig wird.

Frauen in der Politik

Frauen spielen in der Politik - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle. Wie erklären Sie sich das?

Wir Frauen müssen einfach mehr tun. Wir müssen mehr Netzwerke bilden. Die Jungs haben "old boys' network", und der eine zieht den anderen hoch. - Wir Frauen sind ja genauso gut. Wir sind nicht unbedingt besser, aber wir sind anders, und deshalb ist es auch gut, wenn viele von uns dabei sind, weil wir die Probleme mit anderen Augen sehen und die Lösungen auch anders erarbeiten. - Das heißt konkret, dass wir Frauen einfach mehr zueinander stehen müssen; und wir sollten vielleicht auch etwas mutiger sein. Wenn gefragt wird: Wer kann das mal machen?, dann sagen die Mädchen erst mal nichts und sind viel zu schüchtern. In der Zwischenzeit haben sich die Jungs schon alle gemeldet. Da müssen die Mädchen einfach ein bisschen frecher werden.

Müssen Frauen also die "besseren Männer" sein, um in der Politik bestehen zu können?

Nein, das sollte nicht der Fall sein. Frauen sollten schon anders sein und dieses Anderssein eben auch einbringen. Wenn wir lediglich versuchen, die Männer zu kopieren, ist das nicht sehr hilfreich. Gerade unsere "andere Sicht" ist ja das Wertvolle.

Ist (bzw. war) Politikerin Ihr Traumberuf?

Nein, überhaupt nicht. Ich wollte überhaupt nicht Politikerin werden. Klar: Ich hab natürlich an Demonstrationen teilgenommen und mich auch politisch engagiert, aber im Grunde genommen habe ich studiert und dann einen Beruf gemacht und bin dann eigentlich erst über meine Kinder in die Politik gegangen. Da gab es schlechte Verhältnisse im Kindergarten, und da haben wir eine Bürgerinitiative gegen diese Missstände im Kindergarten gegründet. Auf diese Weise habe ich angefangen, Politik zu machen, und irgendwann haben die Leute gesagt: Geh doch mal in den Stadtrat, da kannst du das ja alles umsetzen, was du willst. So bin ich dann in den Stadtrat gekommen, hab Umweltpolitik gemacht, mich für ein anderes Müllkonzept und gegen eine Müllverbrennungsanlage engagiert, und - schwupps - war ich im Landtag. Und so bin ich jetzt zur Umwelt- und Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin geworden.

Und wieso sind Sie gerade bei den Grünen gelandet?

Das war für mich ganz eindeutig und klar. Da gab es für mich nie ernsthaft etwas anderes, und zwar deshalb nicht, weil ich finde, dass die Grünen das langfristigste und das glaubwürdigste Konzept haben, weil wir die soziale und die ökologische Frage zusammenbringen und weil wir dieses Prinzip, das ich eben bei meinem "Feenwunsch" genannt habe, zu verwirklichen versuchen: Eine Generation darf nicht auf Kosten nachfolgender leben. Wenn wir die Erde ausplündern und sagen: Nach uns die Sintflut! Wir sind dann tot, und lass die andern mal gucken, wie sie klarkommen!, dann ist das nicht richtig. Wir dürfen nicht auf Kosten anderer leben. Das ist ganz entscheidend, und es sind halt die Grünen, die versuchen, das umzusetzen.

Politische Arbeit

Was halten Sie von der so genannten Partei- bzw. Fraktionsdisziplin?

Eigentlich könnte man sagen, die ist nicht in Ordnung. Ich finde sie aber vom Grundsatz her schon richtig, und zwar aus folgendem Grund: Wenn wir uns als Grüne, als Partei zur Wahl stellen, dann werden die Leute uns wählen, weil das Programm, der Inhalt, den wir zur Wahl stellen, ihnen gefällt. Deshalb müssen wir uns danach dann aber auch daran halten. Wenn es so wäre, dass man gewählt würde und dann machen könnte, was man wollte, dann wäre das ein Betrug an den Wählerinnen und Wählern. Deshalb ist es schon richtig, dass man zu den ursprünglichen Inhalten auch steht. Aus diesem Grund bin ich auch für eine "Programmpartei" und weniger für ein so genanntes Personenwahlrecht. Denn Personen können jederzeit sagen: Jetzt hab ich gerade mal meine Meinung geändert. Dann sagen natürlich die Leute, die diese Politiker gewählt haben: Einen Moment, hoppla, das passt mir aber nun gar nicht. - Von daher finde ich, dass sich die Parteien und ihre Vertreterinnen und Vertreter, wenn sie gewählt sind, tatsächlich an das halten müssen, was sie vorher versprochen haben. Dazu gehört dann notfalls auch, dass man dieses Verhalten von dem Einzelnen tatsächlich einfordert.

Bärbel Höhn mit Außenminister Joschka Fischer in Siegen Oft wird den Politikern ja vorgeworfen, es fehle ihnen an "Bodenhaftung", an Kontakt zum Volk. Wie ist Ihre Antwort?

Deshalb mache ich gerne Wahlkampf. Wahlkampf ist für mich eine Zeit, wo ich stärker als sonst mit - ich sag mal: - "Normalos" zusammenkomme. Ich bin zwar ganz oft unterwegs, dann aber eher mit Funktionären. Hier im Straßenwahlkampf trifft man dagegen auf die Leute, die zufällig gerade vorbeikommen. Und das finde ich eigentlich ganz gut. - Ich versuche zum Beispiel auch viel mit dem Zug zu fahren, in Berlin fahre ich immer S-Bahn und U-Bahn, weil mich da ganz viele Leute ansprechen können und weil ich da mehr Kontakt zu ganz normalen Menschen habe. Das finde ich schon sehr wichtig für die Politik.

Apropos Wahlkampf. Sie sind jetzt gerade hier in Siegen mit Joschka Fischer zusammen in einer Großveranstaltung gewesen. Meinen Sie nicht, dass letztlich das Fernsehen die Wahl entscheidet? Inwiefern haben Sie das Gefühl, dass solch eine Wahlkampfveranstaltung wie heute die Leute mobilisiert?

Die Leute mobilisiert das, glaube ich, schon. Weil: Es war eine gut besuchte Veranstaltung, und so eine Live-Veranstaltung ist etwas vollkommen anderes als irgendetwas, was man im Fernsehen sieht. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass alle, die hier waren, grün wählen. Aber sie werden darüber nachdenken, und es wird diejenigen, die Interesse daran haben, grün zu wählen, schon motiviert haben. Solche großen Veranstaltungen sind absolut wichtig.

Bei allem politischen Engagement: Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre als Politikerin auf?

Ein Grund wäre, wenn ich gegen meine eigene Überzeugung handeln müsste. Wenn zum Beispiel eine Entscheidung in der Koalition anfällt, ein Kompromiss, den man vielleicht eingehen muss, um in der Koalition zu bleiben, den ich aber keinesfalls will, dann muss man auch sagen: Nein, das kann ich nicht mittragen, dann verlasse ich das hier lieber.

Das Interview wurde am 20.5.2005 in Siegen am Rande einer Wahlkampfveranstaltung geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Kerstin Rüenauver und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter