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Projektbeschreibung

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Ziele

Die Fachschaft "Sozialwissenschaften" des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn setzt sich zum Ziel, über das übliche Unterrichtsangebot hinaus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Verständnis für die "Volksvertreter" bzw. für den Berufsstand der "Politiker" zu wecken sowie den konkreten Dialog zwischen der Jugend und den Politikern zu fördern. Zu diesem Zweck hat sie das Projekt "Traumjob Politiker?" ins Leben gerufen. Dieses ist mehrdimensional angelegt.

Franz Müntefering im Interview (1) Erstens initiiert die Fachschaft im Rahmen des Projekts Gespräche zwischen Jugendlichen und Politikern aus Bund und Land. Hierbei setzt die Fachschaft bewusst auf einer hohen Ebene an. Gesprächspartner sind in der Regel Bundes- und Landtagsabgeordnete der verschiedenen Parteien, Regierungschefs und Minister ebenso wie Oppositionsführer.

Themen der Gespräche sind - neben allgemeinen Fragen zum Selbstverständnis der jeweiligen Politiker - Problemstellungen wie "Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Entscheidungen", "Jugend und Politikverdrossenheit", "Frauen in der Politik", "Medien und Politik", "Basisarbeit" oder "Europapolitik". Hierbei arbeitet die Fachschaft eng mit den zuständigen Behörden und Organisationen (NRW-Landtag, Parteizentralen usw.) zusammen.

(2) Zweitens erarbeitet die Fachschaft - in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen - aus diesen Gesprächen, die multimedial aufgezeichnet werden, sowie aus weiterem Recherchematerial Unterrichtssoftware (sowohl eigenständige Programme als auch Internet-Dokumentationen), die von pädagogischen Multiplikatoren im Rahmen des Politik- bzw. Sozialwissenschaften-Unterrichts eingesetzt werden kann.

Zielgruppe

Zwei Zielgruppen sind im vorliegenden Projekt zu unterscheiden: zum einen die Personen, die mit den Politikern direkt ins Gespräch kommen, zum andern die (späteren) Nutzer der Unterrichtssoftware.

Als Interviewpartner für die von der Fachschaft initiierten Gespräche kommen in der Regel interessierte Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 20 Jahren in Frage. Im Einzelfall können auch Jüngere an dem Projekt teilnehmen. So waren an einigen Gesprächen, da sie großes Interesse für politische Fragen zeigten, auch zwei Zwölfjährige beteiligt. Insgesamt nahmen im Jahr 2005 an dem Projekt im "inneren Zirkel" 11 Jugendliche teil; einige Gespräche waren aber auch für größere Personengruppen (bis zu 70 Teilnehmer) offen.

Die Zielgruppe für unsere Unterrichtssoftware ist etwas weiter gefächert. Da die Software "von Jugendlichen für Jugendliche" erstellt wird, hat die Fachschaft natürlich vor allem Personen im Alter von 15 bis 25 Jahren im Blick. Angesichts der behandelten Themen ist die Software aber ebenso in der Erwachsenenbildung einsetzbar. Im Grunde genommen können als Zielgruppe der Computer-Präsentation alle Menschen gelten, die mit dem Gedanken spielen, in die Politik zu gehen, oder solche, die zumindest ihre "Volksvertreter" einmal näher kennen lernen wollen.

Fragestellungen

"Volksvertreter" - kaum ein Berufsstand ist in der Öffentlichkeit so bekannt, so umstritten und zugleich so unklar definiert. Auch die gängigen Schulbücher erschöpfen sich meist in Institutionenkunde oder bieten allenfalls die schematische Darstellung des Tagesablaufs eines Abgeordneten. Gleich mehrere Gründe also, sich in einer alternativen Form mit diesem Thema zu beschäftigen.

NRW-Landtag Das vorliegende Projekt versucht sich dem Gegenstand seiner Untersuchung anhand folgender Fragen zu nähern:

Ergebnisse

Bisher führte die Fachschaft Sozialwissenschaften im Rahmen des Projekts über vierzig Gespräche durch, davon mehr als zwanzig mit so genannten "Spitzenpolitikern". Viele der Gespräche fanden im "Studio" (d.h. in der Schule, in Parteizentralen oder im NRW-Landtag) statt, einige auch am Rande von Wahlkampfveranstaltungen oder an Parteiständen in Fußgängerzonen.

Erfreulich war das positive Echo, das das Projekt bei den Betroffenen fand. Für zum Teil mehrstündige Gespräche stellten sich uns u.a. folgende Politikerinnen und Politiker zur Verfügung:

Hauptseite der Multimedia-Präsentation Zur Illustration: SPD-Chef Franz Müntefering kam eigens für das Projekt für anderthalb Stunden in das St.-Ursula-Gymnasium; Willi Brase (SPD), Helga Daub (FDP) und Theo Kruse (CDU) nahmen sich zwei, Hartmut Schauerte (CDU) sogar über drei Stunden Zeit.

Die im Anschluss an die Gespräche entstandene Multimedia-Präsentation namens "Demokratie, repräsentativ" kann zwar keine konkrete Arbeitsplatzbeschreibung bieten, versucht jedoch ein "Anforderungsprofil" für Politiker zu erstellen und berücksichtigt auch die Probleme der Repräsentanten. Die Gespräche unseres Teams mit den Spitzenpolitikern, Impressionen von der "Basisarbeit" im Straßenwahlkampf und andere multimedial aufbereitete Informationen kreisen die Tätigkeiten der Volksvertreter zumindest ein.

Als Benutzeroberfläche bietet die Präsentation ein "Intro", ein "Extro", ein Hauptmenü und darin - neben einer Hilfeseite - sechs so genannte "Module".

Modul 1 ("Spitzengespräche") enthält in zwölf etwa fünfminütigen Interview-Ausschnitten Stellungnahmen der prominenten Politiker/-innen zu Themen wie "Visionen und Ziele", "Fraktionsdisziplin", "Ohnmacht der Politik", "Frauen", "Jugend und Politikverdrossenheit", "Medien" und "politische Bodenhaftung".

Modul 2 ("Idealtypen") zeigt in einer achtminütigen Video-Collage die Antworten der Volksvertreterinnen und -vertreter auf die Frage, welche Eigenschaften ein erfolgreicher Politiker haben müsse.

Modul 3 ("Basisarbeit") liefert - in gewollter "Diktafon-Ästhetik" - Eindrücke von der politischen Arbeit im Straßenwahlkampf. Außer Interviews mit den Angehörigen der etablierten Parteien sind hier auch Gespräche mit Parteigängern der neu gegründeten WASG und den Veranstaltern der Siegener Montagsdemos zu finden. Außerdem enthält das Modul die Aufzeichnung einer Straßendiskussion, die die Schüler im Rahmen eines viel beachteten "Bettel-Experiments" mit einer Kölner Lokalpolitikerin führten.

Modul 4 ("Imagefragen") zeigt die Ergebnisse einer Umfrage unseres Teams zum Thema "Jugend und Politik". Im Februar/März 2005 befragten wir 279 Attendorner Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 20 Jahren nach ihrem Verhältnis zu Politikern und zur Politik. Die Daten sind (wahlweise) nach Alter und Geschlecht ausgewiesen.

Modul 5 ("Rundblicke") bietet, sozusagen zur Illustration des Politiker-Arbeitsplatzes, Rundum-Bilder des NRW-Landtagsplenums, eines Sitzungssaals sowie der Düsseldorfer CDU-Wahlkampfzentrale.

Modul 6 ("Einblicke") arbeitet den Alltag der Abgeordneten in Text und Bild auf. Die Ausführungen sind hier bewusst kurz gehalten. Eine erheblich ausführlichere, textorientierte Dokumentation findet sich hingegen im Internet auf der Homepage der Fachschaft. Dort werden zum Beispiel sämtliche Interviews in vollem Wortlaut präsentiert. Die Internetadressen lauten:

Teamarbeit

Die Fachschaft "Sozialwissenschaften" legt großen Wert auf die Feststellung, dass das gesamte Projekt zwar von zwei erwachsenen Betreuern begleitet wurde, vor allem jedoch auf die Eigeninitiative der beteiligten Jugendlichen zielte. Dies gilt sowohl für die Vorbereitung und Durchführung der Interviews, für die technische Aufzeichnung der Gespräche (Video, Audio, Foto) als auch für die anschließende Erstellung der Multimedia-Software.

Die Recherchen der Jugendlichen umfassten konkret folgende Tätigkeiten:

Darüber hinaus wurde die aus den Interviews hervorgegangene Unterrichtssoftware "Demokratie, repräsentativ" komplett von den Jugendlichen konzipiert und in Flash 7.0TM programmiert.

Kooperationen

Aus der bisherigen Beschreibung geht bereits hervor, dass die Fachschaft "Sozialwissenschaften" des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn im Rahmen des Projekts eng mit einigen politischen Institutionen und Organisationen zusammengearbeitet hat.

Volker Kauder im Interview An erster Stelle ist hier die Pressestelle des NRW-Landtags zu nennen. Sie ermöglichte uns, alternativ zu den üblichen Besucherführungen, einen unseren Bedürfnissen angepassten Gang durch das Landtagsgebäude. Völlig unproblematisch gestalteten sich hier auch die Interviews mit Ministern und Abgeordneten, die wir in diversen Sitzungsräumen durchführen durften.

Eine wichtige Rolle spielten ferner die Düsseldorfer Parteizentralen von CDU und FDP, in denen wir uns im Rahmen unserer Recherchen ebenfalls frei bewegen durften.

Wichtig waren zudem die Kontakte zu verschiedenen Wahlkreisbüros (etwa zum Kölner Büro von Bündnis 90/Die Grünen oder zum SPD-Büro Olpe) sowie zu einigen Ministerien (Auswärtiges Amt, Berlin, Staatskanzlei, Düsseldorf, Schulministerium, Düsseldorf).

Zu nennen sind schließlich die Büros der Bundestagsabgeordneten (Brase, Daub, Müntefering, Pinkwart, Schauerte), über die wir problemlos Terminabsprachen treffen konnten.

Festzuhalten ist, dass alle genannten Institutionen und Organisationen ausgesprochen kooperativ waren. In keinem Fall erlebten wir Zurückweisung, im Gegenteil: Fast immer wurde uns - über das Verlangte hinaus - zusätzliche Hilfe angeboten, gelegentlich vermittelte man uns hier sogar weitere Gespräche mit anderen prominenten Politikern.

Auch wenn man berücksichtigt, dass während unserer Recherchen gerade zwei Wahlkämpfe stattfanden (der zur NRW-Landtagswahl im Mai sowie der zur Bundestagswahl im September) und deshalb zumindest die Parteiorganisationen ein verständliches Interesse an unserer "Aufmerksamkeit" hatten, lässt sich das Engagement der Institutionen doch nicht nur damit erklären. - Möglicherweise, so unser Eindruck, ist die Kooperationsbereitschaft schlicht darauf zurückzuführen, dass die angesprochenen Institutionen und Organisationen dankbar dafür waren, dass sich überhaupt jemand ernsthaft für ihre politischen Anliegen zu interessieren schien. - Wie uns immer wieder mitgeteilt wurde, war - trotz des Stellenwerts der Politik, den die Medien suggerieren - das Anliegen unserer Projektgruppe singulär. Vielleicht erklärt sich so auch, dass einige Politiker, etwa Ministerpräsident Peer Steinbrück oder WASG-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine, bei Interviewwünschen unserer Gruppe gegenüber den "professionellen" Journalisten den Vorzug gaben.

Lernerfolge

Im Lauf des Projekts haben die beteiligten Jugendlichen Folgendes gelernt:

  1. Sie haben Erfahrungen im Umgang mit von den Massenmedien beachteten "Polit-Stars" gesammelt und in diesem Zusammenhang ihren "medialen" Eindruck mit dem realen vergleichen können.
  2. Sie haben politische Informationen aus erster Hand erhalten und diese Informationen parteiübergreifend miteinander vergleichen können.
  3. Sie haben Einblicke in den Tagesablauf politischer Institutionen und Organisationen (Parlament, Parteiarbeit) erhalten.
  4. Sie konnten feststellen, dass die angesprochenen Institutionen und Organisationen durchaus "bürgernah" arbeiten und für Gespräche offen sind.
  5. Sie haben hierbei die Attraktivität politischer Tätigkeit, nämlich etwas verändern zu können, kennen gelernt, wurden zugleich allerdings auch mit der Tristesse des politischen Alltags konfrontiert (schlecht besuchte Wahlkampfveranstaltungen, Informationsstände der Parteien in verregneten Fußgängerzonen, zähe Parlamentsdebatten über Gesetzesnovellierungen).
  6. Sie haben als Medienvertreter agiert und dabei gelernt, sich in Konkurrenzsituationen (Pressekonferenzen, Wahlkampfauftritte usw.) im Team gegenüber anderen Medienvertretern zu behaupten.
  7. Niklas Bein im Fraktionssaal der GrünenSie haben in diesem Zusammenhang das Dilemma "Informationsgehalt vs. Sendezeit" durchlebt, d. h., sie mussten geeignete Auswahlkriterien entwickeln, um für ihre abschließende Präsentation das Übermaß an gesammelten politischen Informationen in ein adäquates multimediales Format zu bringen.
  8. Sie sind sich dabei, zumindest in "spielerischen" Zwischenphasen, bewusst geworden, wie man mit Bildern und/oder entsprechend zurechtgestutzten Interviewausschnitten wirkungsvoll manipulieren kann (bzw. könnte).
  9. Sie haben, mehr als ihnen anfänglich bewusst war, mit ihren Aktivitäten "Wirkung erzielt" - bei den Politikerinnen und Politikern selbst, bei ihren Altersgenossen, besonders aber bei ihren unmittelbaren "Konkurrenten", den Massenmedien, die in Fernseh- und Hörfunkberichten und inzwischen etwa siebzig Zeitungsartikeln über das Projekt informiert haben.
  10. Nebenbei bemerkt haben natürlich auch die kooperierenden Institutionen und Organisationen einiges aus unserem Projekt gelernt - vor allem, dass es, trotz gegenteiliger Medienberichte, immer noch Jugendliche gibt, die sich für politische Fragestellungen öffnen und den Dialog und die Auseinandersetzung mit den Angehörigen der "Politiker-Kaste" nicht scheuen.

Ausblick

Die wichtigste Erkenntnis unseres Projekts ist, dass die (scheinbar) distanzierten Volksvertreter uns viel näher stehen und uns viel ernster nehmen, als wir es vielleicht gemeinhin denken. Der Bundestagsabgeordnete Hartmut Schauerte brachte es uns gegenüber auf den Punkt: "Mauern der Distanz werden häufig nicht von denen, die oben sind, aufgebaut, sondern die werden von denen ‚gedacht', die vermeintlich unten sind. Zu mir kann jeder kommen!"

In diesem Sinne ermutigen wir alle, es uns gleichzutun und ebenfalls die örtlichen Politiker zu kontaktieren. Wichtig ist dabei allerdings, die Gespräche anschließend reflektiert aufzuarbeiten. Dies kann, wie in unserem Fall, in Form einer Internet-Präsentation oder Unterrichts-Software geschehen; denkbar sind aber beispielsweise auch Video-, Foto- oder Audio-Collagen.

Stand: November 2005


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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