Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Reinhard Jung, MdL   Reinhard Jung,
Jahrgang 1952,
Mitglied des NRW-Landtags (SPD),
dort Schriftführer im Präsidium,
Mitglied im Ausschuss Bauen/Verkehr
und im Petitionsausschuss

Jugend und Politik

Herr Jung, in Deutschland scheint das Ansehen der Politik und der Politiker lädiert zu sein. Wir haben vor einiger Zeit bei uns in der Schule unter 280 Oberstufenschülern eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: Ungefähr ein Viertel hält Politik für ein "schmutziges Geschäft". Und die Hälfte erklärt, dass sie sich diesem Satz zumindest halbwegs anschließt. In einer Partei sind gerade mal drei Prozent. Sich vorstellen, später mal in die Politik zu gehen, können von den Jungen lediglich 16 Prozent, von den Mädchen keine fünf Prozent. Wie stehen Sie zu diesem Befund?

Im Interview Die so genannte Politikverdrossenheit unter den Jugendlichen gibt es tatsächlich. Sie ist sehr bedauerlich, und wir Erwachsenen, insbesondere wir Politiker, haben daran ein gerüttelt Maß Mitschuld. Diese Distanz zur Politik gab es allerdings auch schon früher. Ich erinnere mich: Als ich in Ihrem Alter war, waren Politiker für mich die da oben drüber, die Herren in den Nadelstreifenanzügen, mit den Krawatten, die Crème de la Crème - ganz weit weg.
   Ein heutiger Politiker sollte allerdings anders sein. Er sollte bei den Menschen sein; denn die haben ihn ja schließlich gewählt. Wenn er es nicht ist, entsteht diese Verdrossenheit.

Mit welchen Argumenten würden Sie denn für das politische Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener werben?

Wenn man politisch gestalten will, wenn man die Zukunft mitgestalten will, dann geht es nur über die Politik.
   Da kommen wir gleich zum ersten Problem. Wenn ich Jugendliche frage, welche Berichte sie in der Tageszeitung interessieren, dann kommt man sehr schnell zu dem Ergebnis, dass die Jungen, falls überhaupt, vielleicht montags, dienstags den Sportteil lesen und die Mädchen am Freitag oder Samstag die Rubriken Kultur und Mode. Mehr leider nicht. Ich greife mal wahllos ein paar Artikel aus den heutigen Tageszeitungen heraus; ich habe sie hier vor mir liegen. Da haben wir hier zum Beispiel einen Bericht über die Studiengebühren. Dann haben wir hier den Titel "Unis lassen Studiengebühren ungenutzt". Da haben wir "Studentengeld für Hochschulbau". Dann habe ich hier noch liegen: "Land pumpt Milliarden in Hochschulbau". Das sind alles Schulthemen. Die betreffen Sie alle! Wenn man sich mit diesen Themen nicht auseinandersetzen will, dann ändert man an bestimmten Dingen leider gar nichts. Also muss man sich mit diesen Thematiken beschäftigen und sollte deshalb auch hin und wieder mal die Zeitung lesen (und zwar die erste und die zweite Seite - und vielleicht auch noch den Lokalteil). Dann, sage ich Ihnen, wird Politik interessant, hochinteressant. Je früher man dazu kommt, desto interessanter wird das Geschäft. Es muss ja nicht gleich immer die große Politik sein. Auch die Kommunalparlamente sind in dieser Hinsicht offen für die Gestaltung auch durch junge Menschen.
   Im Übrigen hatten wir in diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen zum ersten Mal den so genannten Jugend-Landtag. Das ist eine tolle Möglichkeit für Jugendliche, mal in die Politik hineinzuschnuppern. Sie werden es wissen; Sie waren selbst dabei. Da erlebt man, dass Politik gar nicht so trocken ist, wie manche sich das vorstellen. Ich für meinen Teil habe jedenfalls in den dreieinhalb Jahren, die ich jetzt im Landtag bin, nichts an Lebenslust verloren; im Gegenteil.

Parteiarbeit

Apropos Lebenslust: Ist "Politiker" Ihr Traumberuf?

Nie gewesen.

Wie sind Sie denn dann in die Politik und zur SPD gekommen?

Reinhard Jung mit Peer Steinbrück im Wahlkampf 2005 Da muss ich etwas weiter ausholen. Ich bin in die Volksschule gegangen, hab danach eine Lehre als Schlosser gemacht, bin dann in einen anderen Berufszweig gewechselt, weil mir die Arbeit mit Menschen mehr Spaß machte als mit Maschinen, bin Betriebssanitäter geworden und bin dann als "Kümmerer" über diese Schiene in den Betriebsrat gekommen. Da habe ich die ersten politischen Kontakte bekommen und erkannt, dass man etwas verändern kann.
   Etwas später habe ich dann angefangen zu bauen und mich dabei wahnsinnig geärgert, und zwar über die blöden Baubestimmungen, die die Gemeinde Wenden erlassen hat. Wir Einheimischen in Wenden-Schönau mussten auf der sonnenabgewandten Seite unsere Häuser bauen; und genau auf der gegenüberliegenden Sonnenseite durfte eine holländische Firma Ferienhäuser erstellen. Der Bebauungsplan wies das so aus, aber ich hatte Wut im Bauch. Das hat sich so über ein paar Jahre aufgestaut, und wenn immer mal wieder irgendein politisches Thema anstand, habe ich gemeckert und gesagt, dass die so genannten Verantwortlichen doch keine Ahnung hätten.
   Daraufhin kamen irgendwann mal ein paar von den Sozialdemokraten an (das hätten aber auch Christdemokraten oder wer auch immer sein können) und sagten: Du moserst hier permanent rum, zum Beispiel wegen dieses Baugebiets. Komm zu uns und ändere das!
   Das habe ich zuerst nicht ernst genommen. Nein, habe ich gesagt, ich bin kein Stimmvieh für euch. Damit war das Thema für mich zunächst mal gegessen. Aber ein halbes oder Dreivierteljahr später kamen sie wieder an und sagten: Wir geben dir eine ernsthafte Chance. Du kriegst im Kommunalwahlkampf eine sicheren Listenplatz. Dann bist du im Rat drin und kannst die Dinge ändern.
   Das war für mich eine Herausforderung. Dabei hatte ich damals allerdings nur ein Ziel: Ich wollte den Bebauungsplan ändern. Mehr wollte ich nicht. Danach wollte ich wieder aufhören.
   Neun Jahre habe ich dafür gebraucht, dass der Plan tatsächlich geändert wurde. Seitdem dürfen die Einheimischen auch auf der Sonnenseite bauen. Ich selbst hatte da gar nichts davon; denn mein Haus stand inzwischen ja auf der anderen Seite. Aber wenn ich hinter meinem Haus hochging und sah, drüben auf der gegenüberliegenden Seite waren neue Häuser entstanden, dann sagte ich manchmal zu mir: Alter, das hast du gut gemacht!
   Das war meine Politik, das war meine Gestaltung in der Politik, und das waren die Ergebnisse. Und da begann mir Politik auf einmal Spaß zu machen. Dann wurde es beinahe doch so etwas wie ein "Traumjob".
   Und wenn man dann noch irgendwann ein Angebot kriegt, dass ein Landtagskandidat gesucht wird und ob man da nicht Lust hat zu kandidieren, dann macht man das natürlich schon aus dem Parteiinteresse heraus, dass man den andern Parteien das Feld ja nicht allein überlassen kann. Hinzu kam, dass ich das "Riesenglück" hatte, dass meine Partei die Wahl verloren hat. Dann zogen nämlich die Listenplätze, und schwuppdiwupp war ich drin.

Jetzt, wo Sie drin sind: Wie hoch werten Sie da die so genannte Fraktions- bzw. Parteidisziplin?

Das kommt immer auf die Situation an. Sie spielen wahrscheinlich auf die Hessenwahl an, auf die Fraktionskollegen, die nicht für ihre Ministerpräsidentenkandidatin stimmen wollten, aber diesen Fall würde ich gerne gleich getrennt behandeln.
   Vor Plenarsitzungen hat man ja immer Fraktionssitzungen. Das heißt, die Fraktionskolleginnen und -kollegen treffen sich und besprechen die Themen, die später im Plenarsaal anstehen. Da wird dann durchaus kontrovers diskutiert. Aber irgendwann muss man ja mal fertig werden und sagen: Wenn wir gleich raus ins Plenum gehen, wollen wir die oder die gemeinsame Richtung haben! Deshalb ist, so glaube ich, in allen Fraktionen der meiste Krach in den Fraktionssitzungen; denn da geht es ans Eingemachte, ans Für und Wider. Aber dann gibt es ein ganz und gar demokratisches Verfahren, das da lautet: Wir stimmen jetzt darüber ab! Und wenn dann die Mehrheit dafür oder dagegen ist, dann ist meine persönliche Ansicht, dass man sich, so schwer das auch manchmal fällt, der Partei unterzuordnen hat. Denn in den Plenarsaal zu gehen und dort öffentlich gegen die eigene Partei zu stimmen - das fände ich kontraproduktiv. Und es ist mehr als das: Es ist schädlich. Dafür hat man ja vorher im Fraktionssaal die Gelegenheit, sich so aufzustellen, dass man eigene Mehrheiten gewinnt. Dafür muss man vorher kämpfen. Und wenn man dabei unterliegt, sollte man so weit Demokrat sein, dass man das andere Ergebnis akzeptiert.
   Auf der anderen Seite kann ich für unsere Landtagsfraktion sagen, dass in den dreieinhalb Jahren, in denen ich dabei bin, noch nie ein "Kraft-Wort" von unserer Fraktionsvorsitzenden Hannelore Kraft gefallen ist, dass wir in eine bestimmte Richtung hätten abstimmen müssen.

Im Wahlkampf Kommen wir aber jetzt doch mal zurück auf die "hessischen Verhältnisse": Wie sehen Sie das Verhalten der vier hessischen SPD-Abgeordneten, die Andrea Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin wählen wollten?

Die haben nach ihrem Gewissen entschieden. Die Frau Metzger hat das ganz früh getan; der kann man überhaupt keinen Vorwurf machen. Warum sie das getan hat, ist eine andere Geschichte. Sie hätte sich vielleicht vorher ein bisschen mit Frau Ypsilanti unterhalten sollen. Im Zeitalter von Laptop und Handy kann man das durchaus auch während der Urlaubszeit. Dann hätte man vielleicht vieles im Vorfeld schon verhindern können.
   Und was die anderen drei so genannten Abweichler angeht: Ich bin froh, dass sie ihre Entscheidung letztlich vor der eigentlichen Wahl getroffen haben und - anders als seinerzeit die Kollegen im Falle von Heide Simonis in Schleswig-Holstein - Frau Ypsilanti nicht hinterher in den Rücken gefallen sind. Sie haben nach ihrem Gewissen entschieden, und fertig!
   Frau Ypsilanti hätte im Übrigen gut daran getan, im Vorfeld selbst zu erkennen, dass sie auf einem toten Pferd sitzt. Wenn man klug ist, erkennt man, wann man keine Chance hat, und akzeptiert das. Natürlich war es auch unklug, im Vorfeld der Wahl jedes Gespräch und jede Zusammenarbeit mit der Linken abzulehnen.

Darf man "Abweichler" wie die in Hessen parteiintern maßregeln, zum Beispiel ihren Parteiausschluss betreiben?

Überhaupt nicht! Wenn das bei uns in Nordrhein-Westfalen so wäre, dann ginge ich freiwillig. Da brauchte mich überhaupt niemand auszuschließen. Ich werde doch wohl noch meine Meinung sagen dürfen! Und ich werde sie doch wohl auch vertreten dürfen! Wenn ich das nicht dürfte, wäre ich in dieser Partei am falschen Platz.

Was sagen Sie denn dann dazu, dass - immerhin in Nordrhein-Westfalen - ein Parteiausschlussverfahren sogar gegen einen ehemaligen Bundesminister, nämlich Wolfgang Clement, betrieben worden ist? Durfte der seine Meinung in der SPD nicht sagen?

Wolfgang Clement war immer ein unbequemer Mann. Der hat nie Dinge auf einem einfachen Weg gesucht. Aber ich muss Sie da etwas korrigieren: Zu einem Parteiausschlussverfahren ist es ja schlussendlich gar nicht gekommen. Unsere "Oberste Heeresleitung" hat ihm lediglich einen Rüffel ausgesprochen, weil er zur Unzeit, nämlich direkt vor der Hessenwahl, öffentlich eine parteischädliche Aussage gemacht hat. Daraufhin ist er selber gegangen.

Tatsächlich von selbst? Tatsächlich freiwillig?

Ja. Dazu muss man Clement kennen. Er ist ein kantiger Kopf. Er hat gesagt, was er sagen wollte, und ist dann ausgetreten. Zugleich hat er allerdings erklärt, er sei weiterhin mit dem Herzen SPD-Mitglied. Ob allerdings das funktioniert, bezweifle ich.

Persönlichkeitsmerkmale

Damit sind wir schon gleich beim nächsten Thema: Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Lassen wir das Wort "erfolgreich" mal weg. Sagen wir: Der in der Politik arbeiten will. - Die Grundeigenschaft ist Ehrlichkeit. Man muss mit Menschen umgehen können, sprechen können und, das ist ein ganz wichtiger Punkt, man muss ihnen zuhören können. Wenn man das nicht kann, kann man alle anderen Dinge nicht umsetzen. Dann weiß man nämlich nicht, was Sache ist. Politik geht immer nur mit den Menschen. Die Politik wird von den Menschen gemacht, und die Politiker werden von den Menschen gewählt - abgeordnet!
   Ehrlichkeit und Zuhören-Können, das sind für mich die wichtigsten Eigenschaften.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man die ebenfalls braucht?

Bitte!

Zielgerichtetheit?

Kommt automatisch, ja.

Idealismus?

Immer.

Altruismus?

In Teilen.

Populismus?

Zwangsläufig.

Kompromissbereitschaft?

Ständig.

Taktisches Geschick?

Wenn man das nicht hat, braucht man erst gar nicht anzufangen.

Wille zur Macht?

Ja.

Charisma?

Ich denke schon. Ich weiß es aber nicht.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Dann sollte man lieber Schauspieler werden. Nein; es kommt auf den Inhalt an.

Medienwirksamkeit?

Ja.

Unverwechselbarkeit?

Ja.

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Die Unwahrheit sagen. Schlicht und ergreifend: sich vergaloppieren.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Sehr viele Fehler. Aber dass ich irgendwo bewusst die Unwahrheit gesagt hätte, ist mir noch nicht aufgefallen. - Da, wo man arbeitet, macht man Fehler. Man muss die Fehlerquote nur gering halten.

Freuen Sie sich, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Nein. Ich freue mich nicht, aber ich nutze sie.

Medien

Eben haben Sie ja schon die Zeitungen angesprochen. Kommen wir deshalb mal auf das Thema "Medien" zurück. Politik spielt sich heutzutage ja vielfach über diese Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Das ist in der heutigen Zeit eine Notwendigkeit. Das gilt sowohl für die schreibenden Medien als auch für das neue Medium Internet. Man muss, um seinen Bekanntheitsgrad auf Dauer zu halten, versuchen, mit guter Arbeit präsent zu sein. Präsent sein kann man zwar auch auf dem Weihnachtsmarkt in Attendorn oder dem Markt in Drolshagen. Aber das sieht nur ein kleiner Teil der Menschen. Präsent ist man hier, in der Zeitung; denn das wird sehr häufig gelesen. Allerdings leider nicht immer von Jugendlichen.

Reinhard Jungs Wahlkampf-Wohnmobil Also sind die Massenmedien sozusagen die "vierte Macht" im Staat.

Das sind sie. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Es gibt nicht nur eine vierte, sondern auch noch eine fünfte Macht, und dann kann man sich streiten, welche von beiden weiter vorn ist: Das ist zum einen die Wirtschaft, sprich: das Kapital, und das sind zum anderen die Medien. Beide sollte man nutzen, aber nicht von ihnen abhängig sein.

Horst Seehofer, bisher Landwirtschaftsminister, jetzt bayerischer Ministerpräsident, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei.

Das glaube ich ihm sogar! Er braucht das vielleicht. Ich brauche es nicht. Manchmal ärgere ich mich sogar über mich selber, dass ich schon wieder irgendwo in der Presse auftauche. Am Anfang hat mir das zugegebenermaßen viel Freude gemacht, denn man sah ja, dass da Interesse von Seiten der Medien war. Ich bin prinzipiell auch heute noch froh darüber, nur wiederholen sich manchmal die Dinge. Nicht auf jedem Schützenfest muss der Abgeordnete präsent sein. Wenn man drei Bier trinkt, möchte man nicht immer einen hinter sich stehen haben, der das fotografiert, einen auffordert, das vierte zu trinken, und dann anfängt zu zählen.

Macht Politik Sie also nicht mediensüchtig?

Nein. Aber Politik kann süchtig machen, und wenn man sich dort stark engagiert, dann sind auch meistens die Medien sofort da, und dann wird vielleicht auch der eine oder andere mediensüchtig.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Momentan nein. Denn ich will noch so viel erreichen! Ich weiß nicht, wie alt ich werden muss, um davon genug zu haben. Im Moment habe ich noch so viel auf der Schippe, dass ich es mir nicht vorstellen kann.
   Ich weiß: Meine Zeit ist begrenzt, auf fünf Jahre. Dann muss ich wieder sehr viel Glück haben, in den Landtag zu kommen. Ansonsten gehe ich zurück in meinen alten Beruf. Ich habe meine alte Firma in all diesen Jahren überhaupt nicht vergessen. Ich bin jeden Monat einmal da, begrüße meine Kolleginnen und Kollegen, trinke mit denen Kaffee, frage: Was ist los?, weil ich weiß: Du kommst irgendwann wieder hierhin!
   Ich arbeite natürlich auf allen Ebenen daran, dass ich noch mal fünf Jahre in Düsseldorf dranhängen kann. Aber das hängt ja von den Wählerinnen und Wählern ab. Wenn die entscheiden, dass ich nicht mehr dahin soll, dann ist es halt so. Für einen SPD-Kandidaten sind die Chancen im Wahlkreis Olpe ohnehin nicht gerade riesig; aber ich arbeite wie verrückt daran.

Kirche und Politik

Themenwechsel: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

In Attendorn Überhaupt nicht.

Können Sie das näher erläutern?

Ich sage es mal auf meine Art. Wenn der Pastor in Schönau, meinem Heimatort, zuließe, dass ich auf die Kanzel steigen und in der heiligen Messe zwanzig Minuten über Politik, über Parteipolitik sprechen dürfte, dann ließe ich auch die Kirche in der Politik zu.

Inwieweit dürfen sich denn dann Kirchenvertreter überhaupt in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel an die Kinderkrippenpolitik oder die Stammzellenforschung.

Sie müssen sich grundsätzlich einmischen dürfen. Sie mischen sich dann allerdings als Menschen ein und klären in ihrem Sinne auf. Aber von der Kanzel herunter zu predigen, politische Richtungen vorzugeben - das finde ich fatal. Das darf nicht sein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kirche und Politik getrennt sind. Das ist so, und das ist auch gut so.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Eher nein. Manchmal denke ich mir, wenn ich ein zweites Mal auf die Welt kommen würde, würde ich gerne als Hund wiederkommen - weil die es bei uns Menschen ziemlich gut haben. Aber mal im Ernst: Ich glaube eher nicht daran.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrem Nicht-Glauben für Ihre konkrete politische Arbeit?

Vorsicht! Ich glaube. Ich bin kein Ungläubiger. Ich glaube sehr stark. Ich bin römisch-katholisch getauft und erzogen worden. Ich bin auch in der katholischen Kirche. Ich glaube nur wahrscheinlich ein bisschen anders.
   Ich muss nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen; ich muss auch nicht jede Woche zur Beichte gehen. Sondern es gibt Dinge, die man mit dem Herrgott oder wem auch immer auch an anderen Stellen ausmachen kann. Ich gehe zum Beispiel sehr gerne spazieren, gehe sehr gerne unterwegs in die Kapellen hinein und mache mir da meine Gedanken. Und die Gedanken, die man sich bei solchen Gängen macht, die kreisen nicht nur um Politik.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja.

Welche?

Das kommt darauf an, wo man gestalten will.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Hin und wieder ja. Das ist dann schade.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre als Politiker auf! ?

Den einen Grund habe ich vorhin schon genannt: Wenn die Fraktionsdisziplin so streng wäre, dass sich alle immer danach zu richten hätten. Und ich würde aufhören, wenn meine Gesundheit nicht mehr mitmachen und meine Familie darunter leiden würde.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Frieden. Das hört sich pathetisch an, aber es ist so. Ich bin vor einigen Tagen in Israel gewesen. Das hat mich sehr bewegt. Ich kenne noch die alte DDR-Grenze mit all den Problemen, die wir an der innerdeutschen Grenze hatten. Und ich dachte, dieses Thema wäre eigentlich gegessen. Und dann komme ich nach Israel, und da steht da auch eine Grenzmauer - wesentlich höher, technisch wesentlich versierter und die Bewachung wesentlich stärker.
   Wenn man dann darüber nachdenkt, welche politischen und religiösen Gefahrenpotenziale sich aus dieser Situation ergeben, dann kann man sich nur wünschen, dass möglichst lange Frieden auf der Welt herrscht.

Das Interview wurde am 11.12.2008 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten David Jansen, Sebastian Rabe, Anna Carla Kugelmeier und Lea Brohsonn.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter