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Interview

Marie-Theres Kastner, MdL   Marie-Theres Kastner,
Jahrgang 1950,
Mitglied des NRW-Landtags (CDU),
Beauftragte der Partei für das Ehrenamt

Politische Arbeit

Frau Kastner, Sie sind zwar Mitglied des Landtags, doch Angehörige einer Oppositionspartei. Das heißt, Sie können Ihren politischen Willen nicht wirklich durchsetzen, sondern sozusagen nur so tun als ob. Ist das nicht hin und wieder schmerzlich?

Ja, es ist besonders dann schmerzlich, wenn man selbst von den Regierungsparteien gesagt bekommt, eigentlich haben Sie Recht, aber wir übernehmen es nicht, weil CDU draufsteht, weil es von einer Oppositionspartei kommt. Das ist mir bei zwei Anträgen so gegangen. Ich habe Anträge zum Thema Ehrenamt eingebracht - das kann jeder, das machen Grüne, das machen Rote, das machen Schwarze und auch Gelbe -, und da war die deutliche Aussage: Das, was in dem Antrag steht, ist richtig, aber wir wollen es nicht. Das tut dann schon weh.

Gelegentlich gibt es ja auch Opposition innerhalb der eigenen Partei. Die wird bekanntlich nicht gern gesehen. Was halten Sie von der so genannten "Parteidisziplin"?

Da muss man sehr genau unterscheiden. Es gibt Entscheidungen, da ist das Gewissen gefordert, da gibt es für einen selber dann auch nur eine Marschrichtung. Das sind zum Beispiel Fragen, die religiös begründet sind; das sind Themen wie Abtreibung. Dazu hat man eine eigene Einstellung, und da gibt es auch keine Fraktionsdisziplin. Ansonsten gilt einfach der Grundsatz: In der Fraktion wird diskutiert, und dann wird abgestimmt. In einer demokratischen Ordnung gibt es Mehrheiten und Nichtmehrheiten. Und da sollte man sich eigentlich schon an die Mehrheitsbeschlüsse der Fraktion halten, es sei denn, es gäbe Gewissensgründe. Die sollte man dann aber vorher anzeigen.

Gibt es, abgesehen von solchen Gewissensfragen, in Ihrer Partei mitunter Vorstellungen bzw. Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Wie verhalten Sie sich dann?

Also, ich habe das in meiner politischen Tätigkeit, die mittlerweile über 20 Jahre umfasst, offen gestanden noch nicht erlebt, dass wir uns so auseinander dividiert hätten, dass ich Entscheidungen nicht hätte mittragen können.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Das verantworte ich trotz aller Parteidisziplin nicht!

Wenn mein Gewissen so berührt wäre, dass ich damit nicht klar käme. Wenn man von mir etwas verlangen würde, was für mich aus schwerwiegenden Gründen nicht machbar wäre.

Muss politische Arbeit immer in einer Partei stattfinden?

Nicht immer, aber wenn man sie wirkungsvoll gestalten will, ist das, glaube ich, ganz sinnvoll.

Wenn Sie auf Ihre bisherige politische Arbeit zurückblicken: Haben Sie mehr erreicht - oder mehr nicht erreicht?

Ich habe ja sehr lange Kommunalpolitik gemacht. Da habe ich, so denke ich, eine ganze Menge erreicht. Das merkt man gerade in der Kommunalpolitik sehr deutlich, weil die Ergebnisse schneller sichtbar sind als in größeren politischen Zusammenhängen. Natürlich habe ich auch Niederlagen erlebt. Aber wenn ich von bestimmten Zielen wirklich begeistert und überzeugt war, dann habe ich halt noch einmal von vorne angefangen. Dann muss man eben mehrere Anläufe machen.

Volks-Vertreter

Ist (bzw. war) "Politikerin" Ihr Traumberuf?

Nein. Darüber habe ich in früheren Zeiten nie nachgedacht.

Und wie sind Sie dann zur CDU gekommen?

Ich erweitere die Frage mal dahingehend, wie ich überhaupt zur Politik gekommen bin. Ich habe schon von meinem Elternhaus her immer eine gewisse politische Offenheit gehabt, das heißt, wir haben Vorgänge, die in der Politik, in der Gesellschaft passierten, beobachtet, wir haben darüber diskutiert. Dann kommt natürlich irgendwann die Frage, ob man sich da auch selbst mit einbringen will, und dann überlegt man sich wo. Und von meinem ganzen Werdegang und von meiner ganzen Geschichte her war es halt so, dass das Parteiprogramm der CDU mir am nächsten stand.

Sie sind Mitglied des Landtags, Volksvertreterin. "Repräsentieren" Sie das Volk? Woraus schließen Sie das?

Ich wirke als Volksvertreterin, indem ich immer wieder mit dem "Volk", also mit den Bürgerinnen und Bürgern meiner Stadt, in Kontakt trete und auch diskutiere, und zwar nicht nur mit denen, von denen ich weiß, dass sie meiner Meinung sind. Man ist nur dann wirklicher "Volksvertreter", wenn man sich auch häufiger mit Leuten unterhält, die nicht die eigene Meinung haben.

Repräsentiert ein Abgeordneter bzw. eine Abgeordnete überhaupt das "Volk" (also zum Beispiel seinen/ihren Wahlkreis) oder letztlich nicht doch nur seine/ihre Wähler?

Nein, ich glaube schon, wenn man direkt gewählt ist, dass man dann den ganzen Wahlkreis vertritt. Das deutete sich ja schon in der vorigen Frage an, dass ein Abgeordneter, der direkt gewählt ist, schon dazu verpflichtet ist, sich mit allen Strömungen in seinem Wahlkreis auseinander zu setzen, alle Argumente und alle Wünsche zu hören. Da spielt die Parteizugehörigkeit weniger eine Rolle.

Ein beliebter Vorwurf lautet ja, den Volksvertretern fehle es an "Bodenhaftung", sprich: an Kontakt zum "Volk". Wie ist Ihre Antwort?

Einem Politiker, der es ernst meint, dürfte das eigentlich nicht nachgesagt werden. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Ich bin im Ausschuss für Schule und Weiterbildung und habe in diesem Zusammenhang den Grundsatz, mindestens einmal im Monat mit Schule direkt in Kontakt zu treten. Das heißt konkret, ich gehe in eine Schule oder ich diskutiere mit Lehrern, mit Schülern, mit Schülervertretungen über Belange vor Ort. Das macht zum Beispiel, glaube ich, eine gewisse Nähe aus.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Sie oder er sollte zuhören können, sollte ehrlich sein und den Bürgern nicht vormachen, etwas erreichen oder nicht erreichen zu können. Sie oder er sollte natürlich auch fleißig sein und das umsetzen, was die Leute erwarten. Und sie bzw. er sollte häufig vor Ort sein.

Darf ich Ihnen einige Begriffe nennen, und Sie sagen mir dann, ob man Sie für eine erfolgreiche Politik braucht?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Die braucht man, klar.

 


Idealismus?

Den braucht man, glaube ich, ebenfalls.

Altruismus?

Altruismus ist nicht gut, nein. Man muss sich nicht selber aufgeben, das wäre falsch.

Populismus?

Nein.

Kompromissbereitschaft?

Ja.

Taktisches Geschick?

Ja, in gewisser Weise schon.

Wille zur Macht?

Ja.

Charisma?

Das muss nicht unbedingt vorhanden sein. Es ist aber schön, wenn es da ist.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Unverwechselbarkeit?

Ja.

Gutes Aussehen?

Das spielt keine Rolle.

Medienwirksamkeit?

Ein Politiker sollte durch sein Handeln für die Medien interessant sein, nicht durch populistische Äußerungen oder Ähnliches. Aber Medienwirksamkeit insgesamt ist heutzutage sicher nicht unwichtig.

Muss ein guter Politiker/eine gute Politikerin immer mehrheitsfähig sein? Will heißen: Gibt es Ihrer Einschätzung nach Politiker, die nur in der Opposition wirklich gut sind?

Das glaube ich nicht. Das wäre auch verfehlt. Ein Politiker, der nicht gestalten will, braucht sich gar nicht erst wählen zu lassen. Es ist eine wichtige Voraussetzung, dass man gestalten will. - Ich habe in meiner politischen Karriere alles erlebt - von der Regierung, der absoluten Regierung über eine Koalitionsregierung in der Kommune bis zur Opposition. Aber nach fünf Jahren Opposition hier im Landtag möchte ich schon gestalten. Natürlich will ich die Wahl gewinnen, ganz eindeutig; nicht unbedingt, weil es schöner ist, in der Regierung zu sein, sondern weil man gestalten kann.

Sie sind Politikerin. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen in der Politik - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle spielen. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Im täglichen Leben ist es ja nicht unbedingt anders. In der freien Wirtschaft ist die Anzahl der Frauen auch nicht gerade groß, wenigstens nicht auf den höheren Entscheidungsebenen. Der einzige Berufsstand mit Entscheidungskompetenzen, in dem Frauen "überrepräsentiert" sind, das ist die Lehrerschaft, vor allen Dingen im Bereich der Grundschullehrer. Ich fände es natürlich ganz schön, wenn es, bezogen auf die Politik, mehr Frauen gäbe. Aber da sind wir noch auf einem sehr steinigen Weg.

Müssen Frauen in der Politik (Ihre Parteivorsitzende eingeschlossen) die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Ich finde das nicht, aber für meine Begriffe müssen Frauen nach wie vor mehr leisten als Männer.

Denken Sie an Ihre eigene politische Laufbahn zurück: Wären Sie heute weiter, wenn Sie ein Mann wären?

Ja, ich glaube, da wäre ich weiter.

Inwiefern?

Frauen haben, so wie ich, ein "Handicap": Ich habe eine Familie und ich stehe zu dieser Familie und Familie ist eindeutig hinderlich für die Karriere, nicht nur in der Politik, auch im Rahmen der Wirtschaft. Das ist eine große Krux. Wir diskutieren das im Moment unter dem Begriff Demografie.

Männer haben aber doch eigentlich auch eine Familie...

Ja, aber die fragt man nicht danach, das ist das Problem. Ich nenne Ihnen ein Beispiel vom letzten Sonntag: Da waren ein Bundestagsabgeordneter, eine Kreisvorsitzende, eine Landtagsabgeordnete und ein Landtagskandidat auf einem Empfang zu Gast. Nach einiger Zeit mussten sich die beiden Frauen verabschieden und sind nach Hause gegangen zum Kochen. - Das mag jetzt blöd erscheinen, davon kann man sich vielleicht freisprechen, aber wenn man Familie hat und, so wie ich, Familie auch "leben" will, dann ist das anders als bei Männern.

Männer sind also offenbar, was die Familie angeht, nicht so sehr im Rechtfertigungszwang wie Frauen.

Genau das ist das Problem. Während man bei Frauen immer sagt, ja, mein Gott, die haben doch Familie, die haben doch noch Kinder, wie soll das gehen, spielt das bei Männern keine so große Rolle.

Sie laufen also als Politikerin immer Gefahr, als Rabenmutter zu gelten, was die Sympathiewerte sicherlich nicht gerade in die Höhe treibt...

Ja, wobei man sich allerdings wohl biologisch noch nie so recht überlegt hat, was Rabenmütter eigentlich machen. Wenn ich mich richtig informiert habe, sind das sehr fürsorgliche Tiere.

Jugend und Politik

Das Ansehen der Politik und der Politiker scheint lädiert zu sein. Wir haben kürzlich eine Umfrage an unserer Schule gemacht. Darin gab ein Viertel der Befragten an, dass Politik ein "schmutziges Geschäft" sei, knapp die Hälfte fand diese Aussage immerhin teilweise richtig. Gerade mal 9 Prozent können sich vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen, bei den weiblichen Befragten waren es gar nur 5 Prozent. In einer politischen Partei oder Jugendorganisation sind gerade einmal 3 Prozent der etwa 280 Mitschüler, die wir befragt haben. Was sagen Sie dazu?

Es hat im Laufe der letzten Jahre natürlich die Aufdeckung einiger nicht besonders schöner Tatbestände gegeben. Das hat dazu geführt, dass die Politiker als Gesamtheit sehr schnell in Verruf gekommen sind. - Ich glaube aber nicht an die kollektive Schlechtigkeit der Politiker. Ich kenne ganz viele Politiker und muss sagen, es sind ganz, ganz viele ehrliche, grundanständige Leute dabei, und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man mit den eben genannten Negativ-Urteilen diesen Leuten Unrecht tut.
   Dazu kommt natürlich, dass die Menschen in unserem Land von der Politik wahnsinnig viel erwarten. Sie erwarten, dass Politiker alles reißen. Es gibt ein Problem, und dann wird es den Politikern auf den Schreibtisch gelegt oder einfach auch nur mündlich mitgeteilt, und dann sollen die morgen oder übermorgen, manchmal auch schon vorgestern, mit der Lösung um die Ecke kommen. Aber die Vorgänge in unserer Republik sind so komplex geworden, dass das alles so einfach nicht geht. Erstens sind die Lösungswege länger geworden, und zweitens kann Politik nun mal nicht alles lösen. Ich glaube deshalb, dass wir viel mehr dahin kommen müssen, dass die Bürger selber mehr mit anfassen, sich selber ein gutes Stück mehr um die Dinge kümmern und sie nicht einfach auf Institutionen verlagern, die die Probleme gar nicht lösen können.
   Ein konkretes Beispiel: Ich war Mitglied in der Enquete-Kommission zur Sicherung der Pflege im Land Nordrhein-Westfalen. Wir haben viele, viele schlaue Leute gehört, wir haben viele, viele Seiten Papier gelesen, wir haben uns informiert, wir haben mit Leuten geredet, wie denn demnächst in unserer Zeit alte Menschen leben wollen und wie sie gepflegt werden wollen, und wir haben eins dabei festgestellt: Es kann nicht auf eine hauptamtliche Pflege hinauslaufen, so viele Pflegekräfte werden wir gar nicht haben, weil Sie als junge Menschen viel zu wenige sind und die alten Leute viel zu viele. Hinzu kommt, dass die alten Menschen auch gar nicht unbedingt in stationäre Einrichtungen wollen. Das heißt aber, dass wir den Menschen verdeutlichen müssen, dass wir - außer für einen Teil wirklich schwerst pflegebedürftiger und auch mittelschwer pflegebedürftiger Leute, für die wir natürlich professionelle Hilfe auch in Einrichtungen bereit halten - dieses Problem der Pflege nur lösen können, wenn wir wieder dahin kommen, dass Nachbarschaften und Familien funktionieren. Und da Familien heute erstens weniger Kinder haben, da sie zweitens auch nicht mehr so ortsbezogen sind, die Kinder vielfach nicht mehr da wohnen, wo die Eltern sind, und die Eltern auch nicht immer umziehen können und wollen, müssen wir dahin kommen, dass wir viel mehr Leute haben, die sich auch um die Nachbarn und Nachbarinnen kümmern. Das ist eine Aufgabe, die können wir Politikerinnen und Politiker unserer Gesellschaft nicht abnehmen. Aber genau in dieser Frage wird sich entscheiden, wie menschlich und wie sozial unsere Gesellschaft ist. - Wir müssen deshalb unseren Bürgern immer wieder sagen: Der Staat kann es nicht richten; wir sind nur für die Rahmenbedingungen zuständig.
   Das gilt im Übrigen auch für die Arbeitsplätze. Der Staat schafft keine Arbeitsplätze, er muss nur die Bedingungen für diejenigen, die die Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, optimieren. - Ich fordere deshalb mehr eigenes Engagement, mehr Einsatz für den Staat. Wir hatten nie eine bessere Staatsform als die jetzige, wir sind nie so frei gewesen, wir sind nie so unbeschwert in der Lage gewesen, uns selber zu organisieren; aber wir müssen dieses Recht auch als Verpflichtung auffassen.

Mit welchen Argumenten würden Sie für das politische Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener werben?

Nicht meckern, selber machen!

Kennen Sie die Gegenargumente der Jugendlichen?

Ich denke schon. Politisches Engagement heißt, häufig auf Freizeit, auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Das Politikerdasein ist ja nun nicht immer schön; man muss oft genug argumentieren und sich rechtfertigen, warum man welche Entscheidung getroffen hat. Und wenn Sie, so wie ich, erst als Bürgermeisterin, jetzt als Landtagsabgeordnete unterwegs waren bzw. sind, dann sind Sie Tag und Nacht im Einsatz. Sie werden Tag und Nacht angerufen, weil die Bürger sagen: Ich habe dich gewählt und dafür darf ich dich auch am Sonntag stören - oder abends oder auch nachts, weil mir da gerade etwas eingefallen ist. So etwas schreckt natürlich viele Jugendliche ab.

Wie werden die "Jungen" in Ihrer Partei Ihrer Erfahrung nach von den "Älteren" betrachtet: eher mit Hoffnung oder eher mit Argwohn?

Das kommt sicher beides vor. Sicher kommt bei den Älteren schon mal die Frage auf: Was will der jetzt, will der mein Amt haben? Aber ich gehöre zu denen, die sagen: Ich freue mich, wenn junge Leute einen ähnlichen Weg gehen, wenn sie sich engagieren. Ich habe beispielsweise dafür gesorgt, dass mein Nachfolger, als ich in Münster ging und nicht mehr Vorsitzende des Ausschusses für Kinder, Jugend und Familie war, ein junger Mann war, der vom Alter her zu diesem Themenbereich ganz gut passte, der im Übrigen aber auch das notwendige Know-how hatte.

Be- und Entlohnungen

Sie sind im Landtag Beauftragte Ihrer Partei für das Ehrenamt. Inwieweit ist politische Tätigkeit ein Ehrenamt?

Das war sie in meinem Fall bis zu dem Tag, wo ich hier im Landtag Platz genommen habe. Jeder Kommunalpolitiker, jeder Bezirksvertreter ist ehrenamtlich tätig - auch wenn er so etwas wie eine Aufwandsentschädigung bekommt.

Verlieren Politikerinnen bzw. Politiker mit dem Eintritt ins Berufspolitikertum sozusagen ihre Ehre? Werden sie also zum Beispiel vom Idealisten zum Machtmenschen?

Nein. Ich glaube, das Streben nach Macht ist auch in ehrenamtlichen Politikstrukturen da. Alle Ratsherren und Ratsfrauen müssen sehen, dass sie ihre Ziele umsetzen. Das ist also keine Frage der Hauptamtlichkeit.

So alt wie die Parlamente ist die Diskussion über die Bezüge der Abgeordneten. Wie ist Ihre Meinung?

Fangen wir mal da an, wo ich viele Jahre gearbeitet habe, nämlich in der Kommunalpolitik. Ich glaube, dass die Kommunalpolitiker zu wenig finanzielle Unterstützung bekommen. Das ist ja nur eine Aufwandsentschädigung, und die ist nicht gerade groß. Wenn man das mal hochrechnen würde, dann wäre das noch nicht mal ein Mindestlohn, über den wir jetzt politisch diskutieren. - Ansonsten bin ich der Meinung, dass Politiker in den Länderparlamenten und im Bundestag so bezahlt werden sollten, dass sie nicht auf zusätzliche Einkünfte angewiesen sind - und dass es für alle Bevölkerungsgruppen, für alle, also auch für relativ gut Verdienende, attraktiv ist, in einem Parlament zu sitzen.
   Wir haben ja im Moment die Situation, dass die finanziellen Zuwendungen so sind, dass es für den Bereich der mittleren Einkommen durchaus, aber beispielsweise für einen Manager, für einen Menschen, der in einer hohen wirtschaftlichen Position steht, überhaupt nicht attraktiv ist, in die Politik zu gehen. Und genau diese Spitzenleute stehen dann außen vor und beschimpfen die Politiker, aber sie bringen ihren eigenen Sachverstand nicht ein. Ich nehme mal das Beispiel des Arbeitgeberpräsidenten Hundt. Der würde nie in die Politik gehen, denn dann würde er sich selber wahrscheinlich vergleichsweise mit einem Bettellohn zufrieden geben müssen. Ich finde es nicht in Ordnung, dass unser Bundeskanzler weniger verdient als ein Intendant des deutschen Fernsehens.

Das heißt, ein Abgeordneter sollte so gut bezahlt werden, dass er zum Beispiel auf Nebentätigkeiten verzichten kann?

Na ja, ich möchte da nicht missverstanden werden. Wer ein politisches Amt ausübt, übt das Amt auf Zeit aus. Konkret gibt es da nun zwei Situationen: Wenn ich jemanden habe, der Lehrer ist, dann ist der Beamter; der wird für fünf Jahre gewählt, der wird vielleicht auch für zehn Jahre gewählt, aber in dem Moment, wo er nicht mehr gewählt wird oder aus sonstigen Gründen aus dem politischen Leben ausscheidet, hat er seinen Arbeitsplatz garantiert. - Das ist etwas ganz anderes, als wenn jemand beispielsweise Rechtsanwalt ist. Der ist in einer Kanzlei, und das hoffentlich mit einem Kompagnon, damit die Kanzlei bestehen bleibt.
   Wenn ich nun prinzipiell gegen jede Nebentätigkeit wäre, dann müsste ich sagen, in dem Moment, in dem er sich für das Parlament bewirbt, müsste er seine Kanzlei zumachen. Jetzt kann es aber sein, dass er nach fünf Jahren nicht mehr wiedergewählt wird, und dann steht er vor dem völligen wirtschaftlichen Ruin, weil er in einem Freiberuf tätig ist. Er müsste eine neue Kanzlei aufmachen, sein kompletter alter Kundenstamm wäre weg und Ähnliches. Deshalb müssen diese Parlamentarier die Möglichkeit haben, ihren Betrieb wenigstens in gewisser Weise weiterzuführen. Das geht natürlich, wenn man mit einem Kompagnon zusammen ist, ausgesprochen gut. Wenn man das nicht ist, muss man sehen, wie das funktioniert. Das ist also eine ausgesprochen schwierige Frage.
   Kurz gesagt: Die Politiker müssen so gut bezahlt werden, dass sie davon leben können, dass sie nicht auf Bestechung und Ähnliches angewiesen sind, dass nicht jemand daherkommt und sagt, ach, du bist ja so ein armer Kerl oder so eine arme Frau, ich gebe dir noch etwas nebenher. Es sollte deshalb schon so sein, dass man als Parlamentarier mit Anstand seine Familie ernähren kann und seine Kinder, die ja viele Leute Gott sei Dank haben, auch ausbilden lassen kann.

Neben der materiellen Entlohnung gibt es ja auch eine ideelle Komponente. Wie beurteilen Sie diese für sich und Ihre Parlamentskolleginnen und -kollegen? Sehen sie Ihre Arbeit in der Öffentlichkeit eher gewürdigt oder eher gering geschätzt?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn ich in Diskussionen bin, in denen wir als Politiker nur beschimpft werden, dann sehe ich das natürlich überhaupt nicht positiv. Aber auf der anderen Seite gibt es doch eine ganze Reihe von Leuten, die es durchaus würdigen und schätzen, dass man sich in diesen Beruf hinein begeben hat. Das schwankt von Tag zu Tag. Im Prinzip bin ich mit meinem Leben ganz zufrieden.

Fehler

Macht Politik eigentlich süchtig? Gibt es Leute, die sich an der Politik, an der damit verbundenen Macht berauschen?

Es soll solche Leute geben - ja.

Wir gehen mal davon aus, dass Sie nicht dazugehören und dass Sie eine solche Sucht für einen Fehler halten. - Welche anderen Fehler sollte ein guter Politiker auf gar keinen Fall machen?

Er sollte erstens nie dazu neigen, zu glauben, er könne alles, er könne alle Problem lösen. Er sollte also keine "Arroganz der Macht" entwickeln. Im Übrigen sollte er immer ganz gut zuhören können.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Ach, das ist schwierig zu sagen. Ich habe mich ein-, zweimal ins Bockshorn jagen lassen und habe mein Ziel vielleicht vorschnell aufgegeben, so würde ich das mal formulieren, und das hat mich dann später wieder eingeholt.

Schätzen Sie es, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Ja. "Schadenfreude ist die schönste Freude" heißt so ein blödes Sprichwort. Man freut sich natürlich schon, wenn man mal selber Recht bekommt und die andern nicht; das ist schon in Ordnung so. Das tun die anderen aber umgekehrt genauso.

Und wenn diese Fehler der gesamten Gesellschaft schaden...?

Das ist natürlich etwas anderes. Ich bin schon der Meinung, dass man, wenn man solche kapitalen Fehler mit entsprechenden Auswirkungen macht, - dass man sich dann erstens dazu bekennen und zweitens den Rückzug antreten sollte.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Man hat Vorstellungen, wie beispielsweise Schule aussehen soll, wie sich ein Leben im Alter darstellen soll. Es würde zu lange dauern, das im Detail auszuführen; aber man braucht auf jeden Fall solche Vorstellungen. Wenn man keine Zielvorstellungen hat, dann kann man auch nicht arbeiten.

Frisst der politische Alltag diese Visionen, diese Zielvorstellungen auf?

Das kommt auf den Typ des Politikers an. Natürlich gibt es viel Alltagsgeschäft, aber man braucht auch dann und wann gewisse Pausen. Zur Ruhe kommen muss man schon hin und wieder.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: "Ich höre als Politikerin auf"?

Wenn ich irgendwann das Gefühl hätte, ich würde in meiner Partei kaum noch Gehör finden oder immer auf der argumentativen Verliererstrecke sein, dann wäre das so ein Punkt, wo ich sagen würde, okay, das geht jetzt nicht mehr. - Es kann natürlich auch persönliche Konstellationen geben, wo man dann sagt, so, an dieser Stelle ist es jetzt mal gut gewesen und will ich nicht mehr. - Politiker sollten im Übrigen - wir haben das jetzt bei Heide Simonis in Schleswig-Holstein erlebt - nicht auf Biegen und Brechen an einem Amt hängen. Im Übrigen kann ein Politiker ja auch aufhören, wenn er nicht mehr gewählt wird. Er kann das zum Anlass nehmen, sich ganz aus der Politik zu verabschieden. - Man sollte rechtzeitig merken, ob man noch Resonanz hat oder ob es Zeit wird zu gehen.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Es ist ganz schwer, da nur eins herauszunehmen, weil es in dem Bereich, in dem ich politisch tätig bin, sicherlich viele Wünsche gibt. Aber wenn ich mich beschränken müsste, würde ich wünschen, dass möglichst viele Schüler einen Abschluss machen können, damit sie eine Ausbildung bekommen.

Das Interview wurde am 20.4.2005 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Kerstin Rüenauver, Jonas Warns, Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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