Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Oliver Keymis, MdL   Oliver Keymis,
Jahrgang 1960,
Mitglied des NRW-Landtags (Bündnis 90/Die Grünen),
Landtagsvizepräsident

Persönlichkeitsmerkmale

Herr Keymis, ist Politiker Ihr Traumberuf?

Im Landtag Nein, das kann ich nicht sagen. Ich habe meinen Traumberuf gehabt - nämlich Regisseur -, den übe ich zurzeit aber nicht aus. Zurzeit bin ich als Politiker aktiv, beruflich sozusagen. Aber es ist nicht mein Traumberuf, nein.

Wie sind Sie gerade zu Bündnis 90/Die Grünen gekommen?

Über den Umweltschutz. Ich habe mich sehr für ein Naturschutzgebiet engagiert, gegen den Bau einer Straße durch das Naturschutzgebiet. Und deshalb bin ich dann irgendwann mal bei den Grünen gelandet.

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein möchte?

Zuerst einmal sollte er oder sie kommunikationsfähig sein. Er oder sie sollte möglichst auch berufliche Erfahrungen haben. Es ist, glaube ich, nicht sehr gut, wenn man von der Schulbank direkt in das Abgeordnetenhaus wechselt. Und es kommt auch darauf an, dass man sich fachlich mit bestimmten Fragen intensiv beschäftigt.
   Soziales Gespür ist eine weitere Voraussetzung, ein Verhältnis dazu, wie eine Gesellschaft sich entwickeln muss - und vielleicht auch eine eigene Vorstellung davon, wohin die politische Reise gehen soll.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir dann kurz, ob man diese benötigt?

Gerne.

 



Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Immer.

Altruismus?

Auch.

Populismus?

Ein bisschen.

Kompromissbereitschaft?

Ist notwendig.

Taktisches Geschick?

Immer.

Wille zur Macht?

Auch. Notwendig.

Charisma?

Das kann man ja selbst nicht bestimmen, aber es hilft einem, wenn man es hat.

Skrupellosigkeit?

Ist eher nicht so gut, weil das meistens hinterher auffällt und sich dann negativ auswirkt.

Gutes Aussehen?

Ist vielleicht eine Voraussetzung dafür, dass einen die Leute irgendwie akzeptieren. Es ist aber nicht entscheidend.

Medienwirksamkeit?

Spielt eine Rolle, hängt ein bisschen mit dem Aussehen zusammen. Aber noch wichtiger ist, glaube ich, dass man sich ausdrücken kann.

Unverwechselbarkeit?

Ist schwer selber herzustellen. Aber es macht natürlich etwas aus, wenn jemand in gewisser Weise Authentizität vermittelt und die Leute wissen: So ist diese Figur, und andere sind anders.

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Zu lange zu viel reden.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Zu oft zu lange zu viel geredet.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Ja, natürlich. Oft reden sie zu lange und zu viel.

Freut es Sie auch, wenn es Fehler sind, die der Allgemeinheit schaden?

Das freut mich überhaupt nicht. Denn das hat weniger mit dem langen Reden zu tun als mit Fehlentscheidungen. Wenn die getroffen werden, ist man darüber natürlich politisch sauer.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Während des Interviews - Foto: B. Schälte/Landtag NRW Oh, da würde ich mich nicht so leicht entscheiden. Ich finde, es ist oft interessant. Aber meistens wird zu viel geredet - das Problem haben wir ja gerade schon angesprochen. Und wenn dann zu viel geredet, zu viel ziellos herumgesprochen wird, dann wird es zur Laberei, und dann ist es nicht mehr interessant.
   Also: Solange solche Debatten interessant sind, sind sie wichtig und bereichern unsere politische Auseinandersetzung. Aber wenn sozusagen nur noch geredet wird, weil diese Sendungen gemacht werden müssen, dann ist es überflüssig und wird eher zum Schaden.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

In gewisser Weise sind sie das, weil sie ja eine Art gesellschaftliche Kontrolle ausüben. Deshalb glaube ich schon, dass sie diese Funktion haben. Die ist aber nicht definiert. Sie ist keine Verfassungsmacht. Da haben wir drei: Legislative, Exekutive und Judikative. Und diese drei reichen im Prinzip auch aus. Aber die Presse hat eine Funktion insofern, als sie natürlich das, was gesellschaftlich passiert, beschreibt und womöglich auch auf Fehlentwicklungen hinweist.

Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Das mag dem einen oder anderen so gehen. Ich kann das von mir überhaupt nicht sagen. Für mich ist das ein viel zu ernsthaftes Geschäft, als dass man es sozusagen mit der "Mediensucht" überleben könnte. Wichtig ist natürlich: Politik muss sich auch nach außen darstellen können, braucht also die Medien, um die Ideen zu transportieren, die man politisch hat. Aber ich kann von mir sagen: Mich macht es nicht süchtig. Ich kann mir gut ein Leben ohne Politik vorstellen.

Kirche und Politik

Themenwechsel: Kirche und Politik - Wie passt das zusammen?

Ich glaube, es passt gut zusammen, wenn es partnerschaftlich läuft. Es passt nicht gut zusammen, wenn die Kirche meint, mit ihren Vorstellungen auf die Politik zu viel Einfluss nehmen zu wollen.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Aktuelle Fälle sind da ja zum Beispiel die Krippenpolitik oder die Stammzellenforschung.

Sie haben - wie alle anderen Menschen auch - ein großes Recht, sich in politische Fragen, die ja gesellschaftliche Fragen sind, einzumischen. Das erwarte ich von der Kirche. Eine interessierte, aufgeklärte, gesellschaftlich engagierte Kirche, die weiß, dass sie für ihre Gläubigen da ist, wird sich auch immer in diese Fragen einmischen. Und das finde ich richtig.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Da bin ich sehr im Zweifel. Ich gehöre doch eher zu denen, die nicht sicher sind, was danach kommt.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem Glauben oder vielleicht auch Nicht-Glauben, jedenfalls aus Ihren Zweifeln für Ihre konkrete politische Arbeit?

Daraus ziehe ich die Konsequenz, dass ich weiß, dass das, was ich tue, eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Und ich halte mich da an Samuel Beckett, der mal so treffend gesagt hat: Weiter scheitern, besser scheitern.

Visionen

Apropos "weiter scheitern": Brauchen Politiker Visionen?

Ich glaube ja. Ich bin also völlig anderer Meinung als unser Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der mal gesagt haben soll (ich weiß aber nicht, ob es stimmt), wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.
   Ich bin der Meinung, dass die Visionen, sozusagen die Vorstellungen davon, wie etwas idealerweise laufen sollte, ganz lebenswichtige Voraussetzungen sind, um politisch zu gestalten. Man muss ja eine Idee von dem haben, wie es am Ende vielleicht mal aussehen könnte. Selbst wenn man es möglicherweise nicht erreicht, ist es entscheidend, dass man auf das Ziel hinarbeitet. Und das ist für die Politik meiner Ansicht nach eine wichtige Voraussetzung.

Frisst der politische Alltag die Visionen auf?

Manchmal ja. Vor allen Dingen das Nachdenken darüber, ob man immer noch in die richtige Richtung geht. Das ist oft auch ein Problem, weil der politische Alltag von sehr vielen Terminen, sehr viel Papier, sehr vielen Gesprächen bestimmt ist, und da kann einem schon mal der Blick auf das, worauf es ankommt, ein Stück weit abhanden kommen. Das ist eine Gefahr in der Politik.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Mehr Frieden auf der Welt - und damit mehr Gerechtigkeit.

Das Interview wurde am 20.9.2008 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Sebastian Rabe und Lea Brohsonn.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter