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Interview

Arndt G. Kirchhoff   Arndt G. Kirchhoff,
Jahrgang 1955,
Vorsitzender der Geschäftsleitung
der Kirchhoff Automotive GmbH & Co KG,
Vorsitzender des Mittelstandsausschusses
des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI),
mittelstandspolitischer Sprecher des BDI

Krisenhilfen

Herr Kirchhoff, was halten Sie von staatlichen Hilfen für in Not geratene Unternehmen, wie zum Beispiel Opel?

Nichts. Staatliche Hilfen sind immer ein Eingriff in die Wettbewerbsfreiheit. Da wird Wettbewerb behindert. Vielmehr muss man Restrukturierung zulassen. Das gilt generell.

Aber man muss unterscheiden. Im Falle Opel kann man, wenn man guten Willens ist, sagen, dass eine andere Situation vorliegt. Bei Opel gibt es eine besondere Verbindung: Die Mutter sitzt in Amerika, und die europäischen Töchter waren nicht selbstständig, die hingen da eins zu eins dran.

Im Gespräch Wenn Sie davon ausgehen, und das hat damals die Bundesregierung gemacht, dass die Firma pleite geht, dann wäre automatisch alles in Europa mit pleite gegangen. Das können Sie dadurch verhindern, das Sie in dem Moment die Pleite bewusst herbeiführen. Das hätten wir auch machen sollen, weil wir uns damit geschützt hätten. Wir hätten also zwangsläufig einen Konkurs von allen europäischen Gesellschaften herbeigeführt. In dem Moment hätten wir verhindert, dass der amerikanische Konkursverwalter auf die europäischen Unternehmen und speziell auf das deutsche zugreift. Denn in dem Moment wacht ein deutscher Rechtsanwalt, ein Insolvenzverwalter, darüber, und der lässt keinen Pfennig über den Ozean gehen.

Das wäre also die einzige Möglichkeit gewesen, um uns abzuschotten: uns selbst in die Pleite zu schicken. Dann hätten wir natürlich weiter Autos gebaut. Man kann auch in der Pleite weiter Autos bauen. Aber man hat dann überlegt: Müssen wir das denn so machen? Man hat gesagt: Naja, vielleicht können wir vorher einen Investor finden. Man hat sich also auf die Investorensuche begeben. Da kamen dann die Chinesen und die Italiener (mit Fiat) und Magna. Und wenn das gelungen wäre, wäre das auch alles sauber gewesen. Der Staat kann ja durchaus helfen und sagen: Ich suche mal jemanden, der euch übernimmt. Er kann also Investoren suchen. Es gibt ja Wirtschaftsförderung. Es gibt in jedem Land, auch bei uns, Institutionen, die versuchen, Investoren, neue Firmen anzuwerben. So weit ist das auch okay.

Das Dumme ist nur, dass am Ende, kurz bevor die Opel-Mutter General Motors in Amerika pleite ging und kurz bevor man auch hier hätte Insolvenz anmelden müssen, der Vertrag noch nicht fertig war. Was wir jetzt haben, ist kein richtiger Vertrag, sondern es ist eine Absichtserklärung. Eine Absichtserklärung ist nicht so viel wert. Das heißt, wenn Sie genau hingucken, dann gehören im Augenblick 65 Prozent von Opel uns, uns Bürgern, die wir hier sitzen. Und das ist nicht gut.

Jetzt weiß ich natürlich nicht, wie es weitergeht. Das wissen wir alle nicht. Vielleicht reicht ja die Absichtserklärung, dass es hinterher auch dazu kommt, dass wir die 65 Prozent wieder loswerden. Ansonsten müssen wir uns über diese 65 Prozent Gedanken machen. Denn es gibt kein Beispiel, dass staatliche Unternehmen erfolgreicher sind als nichtstaatliche Unternehmen. Das Beispiel gibt es nicht - nirgendwo auf der Welt.

Im Fokus Die Geschichte mit Opel ist also so ein Zwitter. Die anderen Fälle - Porsche, Conti, Schaeffler und was wir sonst noch so haben -, das ist Risiko. Ich kann nicht, wie im Fall Porsche, sagen: Ich hab tolle Ideen, ich spiele am Finanzmarkt, nutze den aus und zocke ein bisschen rum, und dann verdiene ich damit viel Geld. Der Vorstandsvorsitzende verdient dann plötzlich Millionen, weil sich das rechnerisch so ergibt. Porsche hat ja mehr Gewinn gemacht als Umsatz, letztes Jahr noch, das muss man sich mal vorstellen. Das ist eigentlich fast nicht möglich, es geht aber, wenn die Kurse entsprechend sind und Sie Dividenden bekommen. - Dieses Jahr ist es genau das Umgedrehte. Jetzt werden sie Verlust machen. Da kann ich dann nicht nach dem Staat rufen. Mein Risiko geht ja immer in zwei Richtungen: Ich habe das Risiko, einen guten Gewinn zu machen, aber dann muss ich auch das Risiko einkalkulieren, Verlust zu machen. Da kann ich dann nicht nach dem Staat rufen und sagen: Jetzt hab ich aber einen Fehler gemacht, hilf mir! Sondern dann muss ich im Zweifelsfall die Konsequenzen ziehen.

Das gilt eigentlich grundsätzlich. Insofern sind diese Dinge alle völlig klar. Und ich bin sicher: Da wird sich der Staat auch nicht einmischen. Im Fall Opel, durch diese Beziehung Mutter - Tochter und ohne irgendeine Gesellschaft dazwischen, kann man das hingegen eher verstehen.

Man muss aber auch berücksichtigen: Wir haben ein Wahljahr, und im Wahljahr gibt es Wahlgeschenke. Da ist es schon egal, welche Partei sich äußert, ob links oder rechts, ob rot oder grün oder schwarz: Alle Politiker einschließlich unserer Bundeskanzlerin neigen dann zu Versprechungen. Alle sind in Rüsselsheim vorbeigefahren (ich war übrigens dabei, als die Kanzlerin da war) und haben versprochen: Wir werden uns um euch kümmern! Und wenn sie das so sagen, da können sie sich natürlich nicht irgendwann umdrehen und erklären: Das habe ich nur so gesagt. Das ist im Wahljahr schlecht. Dann wird man nicht wiedergewählt. - Und da es alle gesagt haben, gibt es jetzt natürlich so ein bisschen den Zwang, irgendwas zu machen. Man kann auch sagen: Sie sind da so reingeschlittert. Gut war es nicht. Aber sie haben sich Mühe gegeben.

Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, wie ich das meine. "Er hat sich immer Mühe gegeben" - das ist so ziemlich das Schlechteste, was man reinschreiben kann ins Zeugnis. "Er hat sich stets bemüht."

Das Interview, das hier nur in einem kleinen Ausschnitt wiedergegeben ist, wurde am 3.7.2009 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Lea Brohsonn, Jacqueline Eilrich, Anna Carla Kugelmeier und Vanessa Neuhaus.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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