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Interview

Ute Koczy, MdB   Ute Koczy,
Jahrgang 1961,
Mitglied des Bundestags (Bündnis 90/Die Grünen),
entwicklungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion

Persönlichkeitsmerkmale

Frau Koczy, welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Da muss ich ein bisschen überlegen... - Er muss auf Leute zugehen können. Und ich finde, man muss sich für Themen engagieren. Was Politiker haben müssen, ist Begeisterung: Man muss sich für Inhalte einsetzen. Das ist für mich die wichtigste Sache.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Nein.

Populismus?

Ein bisschen kann man davon manchmal gebrauchen. Wenn man vor großen Veranstaltungen steht, dann ist es manchmal zum eigenen Selbstschutz angesagt, auch ein bisschen populistisch zu sein.

Kompromissbereitschaft?

Ja, unbedingt.

Taktisches Geschick?

Ja. Wenn man zum Beispiel in der Regierung ist und Dinge aushandelt, dann braucht man taktisches Geschick.

Wille zur Macht?

Ja, den auch.

Charisma?

Das brauchen nicht alle.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Für Männer würde ich es begrüßen. Dann hätten die Frauen jemanden, den sie angucken können.

Medienwirksamkeit?

Ja.

Unverwechselbarkeit?

Nein.

Warum nicht?

Zwar ist jeder unverwechselbar, aber von 614 Abgeordneten wird sowieso niemand richtig erkannt. Von daher ist es nicht so tragisch, wenn man verwechselt wird.

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Darauf habe ich keine Antwort.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Hm. Mir fällt spontan kein großer Fehler ein.

Freuen Sie sich, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Ja, durchaus. Manchmal freut man sich in der Tat, wenn andere irgendeinen Fehler machen.

Auch wenn es Fehler sind, die die Allgemeinheit betreffen?

Ich sage mal so: "Fehler" im politischen Bereich heißt für mich, dass man irgendeine falsche Aussage macht oder dass man aufs falsche Pferd setzt. Wenn es Fehler sind, die Konsequenzen haben, dann ärgere ich mich natürlich auch, dass sie stattgefunden haben.

Kirche und Politik

Ein anderes Thema: Kirche und Politik - Wie passt das zusammen?

Das gehörte immer schon irgendwie zusammen.

Und wie passt es zusammen?

Manchmal ist es so, dass Kirche Politik beeinflusst. Aber meiner Meinung nach sollten Kirche und Politik getrennt sein.

Inwieweit dürfen sich dann Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Gerade hat dies der Augsburger Bischof Walter Mixa ja getan, indem er sich gegen die "Kinderkrippen"-Politik von Familienministerin von der Leyen gestellt hat.

Ich finde es legitim, wenn die Kirche sagt, welche Position sie hat. Ob die Leute dann darauf reagieren - oder ob die Politik darauf reagiert -, das ist dann eine andere Sache. Die Kirche kann sich durchaus zur Politik äußern; sie muss dann allerdings auch mit den Konsequenzen leben.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen? Ich denke da zum Beispiel an die Regensburger Rede von Papst Benedikt, die bei Muslimen ja heftige - auch politische - Kritik ausgelöst hat.

Daran sieht man, dass viele dieser kirchlichen Äußerungen politisch sind. Der Papst hat da einen Fehler gemacht. Das war ein politischer Fehler, der bittere Konsequenzen hatte, der ja auch richtige Zerwürfnisse zur Folge hatte; und die musste er dann ausbügeln. Es ist ihm zum Glück gelungen, aber da hing viel an einem seidenen Faden. Da wünsche ich mir keine Wiederholung.

Welche Rolle spielt die Kirche in der Entwicklungspolitik? Welche Rolle sollte sie spielen?

Die Kirche und besonders die kirchlichen Entwicklungsorganisationen spielen eine große Rolle. In vielen Ländern sind die Kirchen noch Garanten für eine bestimmte Struktur. In Nigeria ist es zum Beispiel so. Allerdings, muss ich sagen, treten dort sehr häufig auch anglikanische Sekten auf, die zum sozialen Unfrieden beitragen. Es gibt viele Probleme gerade dadurch, dass es auch Kirchen gibt, die anders agieren, als man sich das hier vielleicht so unter "normaler" Kirchentätigkeit vorstellt. - Was die Kirche tun soll: Ich bin der Meinung, dass die humanitäre Hilfe, das Unterstützen der Leute, die Hungerhilfe und das Aufbauen von Strukturen immer eine tragende Rolle der kirchlichen Arbeit bleiben werden und auch bleiben sollten. Es wäre sehr schade, wenn sich die Kirche aus der Entwicklungsarbeit zurückziehen würde.

Politische Arbeit

Kommen wir noch einmal zu Ihnen als Person zurück. Ist (bzw. war) "Politikerin" Ihr Traumberuf?

Nein.

Wie sind Sie dann zu "Bündnis 90/Die Grünen" gekommen?

Ich bin zur Politik gekommen, weil ich mich engagiert habe, weil ich mich über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe. Ich habe mich über die Misshandlung von Frauen aufgeregt; ich habe mich über mangelnden Umweltschutz aufgeregt; und ich habe mich über Ungerechtigkeiten zwischen Nord und Süd aufgeregt und habe gesagt: Da möchte ich etwas dagegen tun! Im Grunde genommen war dieses Engagement nichts anderes als das, was ich jetzt auch tue, und deswegen bin ich auch im entwicklungspolitischen Ausschuss gelandet und mache diese Arbeit sehr gerne. Im Augenblick, würde ich sagen, ist Politikerin tatsächlich mein Traumberuf.

Brauchen Politiker bzw. Politikerinnen Visionen?

Ja, unbedingt.

Frisst der politische Alltag diese Visionen womöglich auf?

Ja. Durchaus.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Gerechtigkeit. Jeder soll würdevoll leben können.

Das Interview wurde am 24.2.2007 am Rande eines entwicklungspolitischen Workshops zur Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in Paderborn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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