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Interview

Marah Köberle und Jonathan Mack   Marah Köberle,
Jahrgang 1985, und
Jonathan Mack,
Jahrgang 1984,
deutsche UN-Jugenddelegierte 2007

Die "Stimme der Jugend"

Marah und Jonathan, ihr seid die beiden UN-Jugenddelegierten der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2007. Welche Aufgaben habt ihr da?

Marah: Unsere Aufgabe ist recht einfach beschrieben: Wir sind die Stimme der deutschen Jugend und dürfen im Herbst nach New York zur Generalversammlung der Vereinten Nationen fahren. Deshalb fangen wir jetzt - genauer gesagt: heute - an, im Rahmen einer Deutschlandtour die Interessen, Forderungen und Wünsche der deutschen Jugendlichen zu sammeln, um sie dann bei den Vereinten Nationen möglichst gut einbringen zu können.

Wie wird dieses "Einbringen" konkret aussehen? Habt ihr dort als Jugendliche bzw. junge Erwachsene überhaupt eine Chance, gehört zu werden?

Im Interview Jonathan: Ja, auf jeden Fall. Wir sind ja nun auch nicht die ersten, die dorthin fahren; wir sind die dritte Generation. Dazu muss man sagen: Offiziell gibt es die Einrichtung der Jugenddelegierten bei den Vereinten Nationen schon seit dreißig Jahren. Es gibt einige Länder, die das auch schon viele Jahre nutzen.
   Ganz konkret zu unseren Aufgaben: Wir begleiten die deutsche Delegation des Auswärtigen Amtes dorthin. Und wir haben dann dort die Möglichkeiten, die sonst nur den Diplomaten offen stehen, nämlich bei den Verhandlungen dabei zu sein, sowohl mit den Diplomaten als auch mit den anderen Jugenddelegierten zu verhandeln und zu den Themen, die die Jugendlichen weltweit beschäftigen, unseren Input zu geben. Insofern sind wir sehr davon überzeugt, dass wir in diesem Rahmen wirklich etwas bewegen können.

Marah: Die Jugenddelegierten des letzten Jahres durften zum Beispiel unter anderem eine Rede im dritten Ausschuss der Generalversammlung halten, genauso wie die Diplomaten auch. Das ist ja schon ein schönes Zeichen der Anerkennung.

Ihr glaubt jetzt also nicht, dass ihr, weil ihr Jugendliche seid, dort etwas von oben herab behandelt werdet? Gibt es da Erfahrungen aus den Vorgängergenerationen?

Jonathan: Wir müssen uns auf jeden Fall damit auseinandersetzen, weil Diplomaten natürlich Profis sind und sich auch gerne als Profis darstellen, was ja prinzipiell auch in Ordnung ist. Andererseits wollen wir ihnen gegenüber aber natürlich schon Stellung beziehen, indem wir sagen: Wir sind zwar Jugendliche, aber wir haben uns intensiv mit der Thematik beschäftigt; wir waren ein Jahr lang in Deutschland unterwegs, haben Meinungen gesammelt und können mit diesem Fachwissen auch einiges einbringen. Das ist im Übrigen unser Recht; das sagen die Vereinten Nationen selbst. Die sagen: Jugenddelegierte können sozusagen als Berater an diesen Verhandlungen teilnehmen.
   Klar: Sicherlich wird es immer wieder Kritik an uns und unserem Status geben. Deshalb wurden wir in der letzten Zeit auch schon viel darauf trainiert, wie wir das zu machen haben, wie wir unser Anliegen den Leuten erklären können. Denn das ist nicht ganz einfach.

Marah: Ich glaube, es ist auch eine Chance, dass wir Jugendliche sind; denn wir fallen auf. Wir sind dort natürlich - zusammen mit den Jugenddelegierten der anderen Länder - die Jüngsten. Ich denke, das ist ein Vorteil, weil irgendein gestandener Diplomat in New York wahrscheinlich nicht besonders ins Auge fällt. Als Jugendlicher hat man da vielleicht ein bisschen mehr Außenwirkung, so dass man versuchen kann, gerade dadurch etwas zu erreichen.

Wie wird das in eurem persönlichen Umfeld gesehen? Stehen die Leute eurer Aufgabe eher kritisch gegenüber, vielleicht gar befremdet, dass sich da jemand politisch engagiert, oder sind sie eher - sagen wir mal: - "stolz" auf euch?

Marah: All meine Freunde, auch die an der Uni (ich studiere nämlich Politikwissenschaft), finden das natürlich ganz toll. Darum mache ich auch bei mir an der Uni jetzt gleich im Rahmen unserer Deutschlandtournee eine Tourstation.
    Und bei mir im Jugendverband - ich bin in der KJG -, da finden es auch alle super gut und versuchen, mir ein bisschen was von ihren Anliegen auf meine Reise mitzugeben.

Und wie sieht es bei dir aus?

Jonathan: Meine Freunde, Bekannten, Verwandten finden das ebenfalls ganz spannend. Es ist eine riesentolle Erfahrung - spannend deshalb, weil wir nie genau wissen können, was passiert, wenn wir mit unseren Workshops unterwegs sind. Es ist natürlich nicht so, dass es jetzt plötzlich heißt: Oh, du bist Politiker; eine Very Important Person oder so etwas. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir beide sind seit vielen, vielen Jahren in der Jugendarbeit engagiert und haben da die unterschiedlichsten Dinge gemacht; und unsere Position als Jugenddelegierte sehen wir da - zusammen mit unseren Freunden - als Chance, diese Jugendarbeit jetzt auch mal wirklich der Politik gegenüber zu vertreten.

Workshop der Jugenddelegierten Wie wird man UN-Jugendvertreter?

Marah: Es ist ein mehrstufiger Prozess. Erst mal muss man eine Bewerbung schreiben. Darin muss man sehr, sehr viele Fragen beantworten, auf Deutsch und auf Englisch. Dazu muss man eine Motivation (also eine Begründung für seine Bewerbung) schreiben, außerdem einen Lebenslauf.
   Dann geht es weiter mit der nächsten Station; das ist dann ein Telefoninterview. Das dauert so ungefähr eine halbe Stunde, auch auf Deutsch und auf Englisch. Da werden dann ebenfalls Fragen zur persönlichen Motivation gestellt. Dann findet man sich plötzlich in einem Rollenspiel wieder, wo man selber Diplomat ist und argumentieren muss. Und dann werden Wissensfragen über die UNO gestellt. Also, es sind ganz verschiedene Tests, denen man sich da unterziehen muss.

Jonathan: Und dann gibt es ein zweitägiges Seminar, wo von allen Kandidaten noch sechs Bewerber ausgewählt werden. Die kommen alle nach Berlin, und es gibt dann zwei Tage lang Workshops.

Marah: Es ist eine Art Assessment Center.

Jonathan: Ja, wir müssen dort dann in verschiedene Situationen schlüpfen und zum Beispiel mit Diplomaten verhandeln. Wir müssen Ergebnisse präsentieren; wir müssen eigene Workshops veranstalten. Und wir müssen noch einmal über unsere eigene Motivation, unseren Hintergrund sprechen.
   Nach den zwei Tagen gibt es dann einen spannenden Abend, wo alle da sitzen und ganz nervös sind; und dann heißt es plötzlich: Ihr seid Jugenddelegierte! Und dann kommt der große Schock. Wow!

Marah: Aus dem, was wir gesagt haben, wird ersichtlich: Der ganze Stress, dem man sich da unterziehen muss, hat natürlich den Sinn, dass man sich nicht als Jugenddelegierter bewirbt, um einfach mal nach New York zu dürfen, sondern dass man es wirklich mit Herz und Seele macht.
   Denn es ist eine Menge Arbeit; es ist sehr aufwendig. Wir sehen jetzt schon, wie viel da zu tun ist. Es ist, neben dem regulären Studium, wenn man die Arbeitsstunden pro Woche hochrechnet, ungefähr ein zusätzlicher Halbtagsjob. Und da muss man wirklich dahinterstehen und es für die Jugendlichen machen wollen - um mit euch zu arbeiten, und nicht, weil man es ganz nett findet, mal nach New York zu fliegen.

Das Interview wurde am 24.2.2007 am Rande eines Workshops der beiden Jugenddelegierten in Paderborn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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