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Interview

Andreas Krautscheid   Andreas Krautscheid,
Jahrgang 1961,
NRW-Staatssekretär für Medien
und Sprecher der NRW-Landesregierung (CDU)

Medien und Politik

Herr Krautscheid, Sie sind Sprecher der Landesregierung und zugleich Medien-Staatssekretär. Daraus ergibt sich schon unsere erste Frage: Politik und Massenmedien - wie passt das zusammen?

Das sind zwei Dinge, die bedingen einander, die gehören zusammen. Politik kann ohne die Hilfe von Massenmedien in unserer Gesellschaft heute eigentlich gar nicht mehr stattfinden, weil man ja nicht sozusagen über die Dörfer gehen und Politik jedem Einzelnen erklären kann. Und Massenmedien wollen ja berichten; sie brauchen Inhalte; und dazu gehört eben auch die Politik.

Staatssekretär Krautscheid im Interview Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Das sagt man manchmal, wenn Medien eine besonders intensive Berichterstattung haben, wenn sie besonders stark ein bestimmtes Thema beeinflussen, so dass dann manchmal auch die Politik beeinflusst ist. Medien gehören zu dem Kräftespiel in der Gesellschaft. Die entscheidende Frage ist: Stimmt die Balance? Wer kontrolliert wen? Wer achtet auf wen? Wenn das abgewogen geschieht, dann gehören sie natürlich dazu und sind auch wichtig.

Wie beurteilen Sie Plattformen wie "Sabine Christiansen" oder "Berlin Mitte"?

Ich glaube, dass diese Formate wichtig sind, um Politik näher zu erklären; denn die reinen Nachrichten versteht man ja häufig nicht mehr, weil sie so abstrakt und kompakt sind. Deswegen sind solche Gesprächsrunden hilfreich. Es kommt dann allerdings sehr stark darauf an, wie man das jeweilige Thema dann anpackt - ob man sich die Zeit lässt, auch mal etwas intensiver, eingehender zu diskutieren oder ob man da auch wieder nur sehr knappe und platte Sprüche klopft. Entscheidend ist also, was man daraus macht.

Unter den Politikern gibt es einige ausgesprochene "Medien-Junkies". Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig, vor allem mediensüchtig?

Es gibt durchaus Effekte, die ein bisschen nach Sucht aussehen; das glaube ich schon. Auf der einen Seite ist jeder Politiker gut beraten, wenn er auf Medienwirkung achtet; denn sonst erfährt ja keiner von seiner Politik. Aber ich kenne schon den einen oder anderen, wo ich beobachtet habe, dass das suchtähnliche Zustände sind, dass man sehr genau wissen will: Was passiert wo? Wer redet über wen? Wer berichtet über wen? Und bin ich dabei? - Da ist, glaube ich, das Maß entscheidend: Man muss seine Politik verkaufen; aber der Verkauf allein ist noch keine Politik.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Krautscheid während der Preisgala "Neues Lernen" Es ist wichtig, dass man sich einer Sache mit Ernst widmet. Man muss die Sache wichtig nehmen; man muss sich sehr tief hineinarbeiten, um kompetent und sachkundig zu sein. Und letztlich gehört es in unserer Mediengesellschaft auch dazu, seine Meinung und die Ergebnisse seiner Politik nach außen zu transportieren. Das heißt, man muss auch erklären können, man muss auch Politik vermitteln können; denn sonst sitzt man alleine zu Hause und keiner erfährt etwas von der eigenen Politik.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Wichtig, weil man sich sonst total verlieren würde.

Idealismus?

Aus meiner Sicht ganz wichtig. Das habe ich eben mit der Ernsthaftigkeit gemeint. Es ist nicht immer jede Straßen- oder Bauthematik von Idealismus beflügelt, aber es gibt Themen, die ohne Idealismus in der Politik keine Chance hätten.

Altruismus?

Schwierig. Ich glaube, das ist ein Korrespondent zum Idealismus. Demgegenüber haben Politiker aber in der Regel auch immer den Hintergedanken im Kopf: Was habe ich selber davon - im Sinne von Wirkung? Komme ich dabei auch rüber?

Populismus?

Ein schmaler Grat; ganz schwierig. Von Dingen, die sie richtig finden, erwarten viele Leute, dass die Politiker die ernst nehmen. Gleichzeitig soll man darauf achten, dass man den Leuten nicht nach dem Mund redet, sondern das tut, was man selber, alleine für richtig hält. Es gibt ja den Satz: Man soll den Leuten aufs Maul schauen, ihnen aber nicht nach dem Mund reden. Das zeigt so ein bisschen den schmalen Grat, den es da gibt.

Kompromissbereitschaft?

Wahrscheinlich in unserem politischen System unverzichtbar, weil wir kein Mehrheitswahlrecht haben wie in anderen Ländern. Wenn dort eine Partei eine Wahl gewinnt, kann sie alleine für einige Jahre bestimmen. Aber wir haben nun mal ein anderes System; und deswegen muss man schon innerhalb einer Partei, erst recht, wenn es eine große Volkspartei ist, Kompromisse machen - und eventuell auch noch anschließend in einer Koalition. Man braucht Mehrheiten, um Politik erfolgreich zu machen.

Taktisches Geschick?

Das gehört auch dazu. Das ist aber in der Politik wie in jedem Beruf auch. Wenn man in einem großen Unternehmen arbeitet, muss man sich überlegen, wie man mit seinen Position, seiner Arbeit dann auch erfolgreich ist. Das ist oft die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für einen Vorschlag ist: Wo macht man einen Vorschlag? Wie begründet man den? Das alles hat mit Taktik zu tun und ist erstmal hilfreich. Und wenn es nicht nur Taktik ist, ist es auch legitim.

Wille zur Macht?

Klingt verpönt, finde ich aber trotzdem nicht negativ; denn Macht heißt beeinflussen können. In der Politik kann man jahrelang schön vor sich hin arbeiten, aber wenn man die Dinge nicht umsetzen kann - und dazu braucht man eben Macht -, dann ist alles für die Katz. Dann ist man sozusagen ein Theoretiker. Wichtig ist, dass Macht auf Zeit begrenzt ist und kontrolliert wird. Wenn sie kontrolliert wird, dann ist sie auch legitim.

Charisma?

Kann man sich nur wünschen, aber man hat es oder hat es nicht. Es gibt Politiker, denen man anspürt, wie ernst sie eine Sache meinen und wie sehr sie auch andere Leute in ihren Bann schlagen können, indem sie sie begeistern. Dann hat man es als Politiker leichter.

Skrupellosigkeit?

Leider wie in allen Bevölkerungsteilen auch bei Politikern zu Hause. Man muss sehr genau hinschauen; denn Skrupellosigkeit empfinde ich dann als supergefährlich, wenn Positionen, die keine Mehrheit haben, trotzdem durchgesetzt werden - ob es nun Personalgeschichten sind oder Sachthemen. Skrupellosigkeit ist in der Politik genauso schädlich wie im Rest der Gesellschaft. Sie fällt hier nur manchmal öfter auf.

Gutes Aussehen?

Na ja, kann helfen; aber wenn die Politik Murks ist, hilft das auch nicht mehr.

Medienwirksamkeit?

Schon eher wichtig. Das heißt ja, dass ich darauf achte, auf welchem Wege ich meine Botschaften, meine Inhalte am besten transportiere. Da ist die Frage: Welches ist das richtige Medium für eine Botschaft? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Was ist, wenn man so will, auch die richtige Verpackung? Man kann Themen hoch spannend machen, die in Wirklichkeit nicht so spannend sind - das fällt irgendwann auf. Aber wenn man ein spannendes Thema langweilig verkauft, dann ist es schade. Also muss man darauf achten.

Unverwechselbarkeit?

Ganz, ganz wichtig. Die Leute haben immer mehr Mühe, die Parteien voneinander zu unterscheiden: Wer steht für welche Ideen? Wer ist für was? Und deswegen ist es, glaube ich, sehr wichtig, von Anfang an bei einer Idee darauf zu achten, dass man sie ganz präzise beschreibt, dass man ganz genau sagt, worum es geht, damit man sie damit dann letztlich sauber von anderen Ideen, von anderen Projekten abgrenzt. Denn die Leute sollen ja auswählen können zwischen verschiedenen Projekten und Ideen. Demokratie lebt davon, dass man zwischen verschiedenen Sachen auswählen kann. Und wenn man die nicht unterscheiden kann, dann wird es schwierig in der Demokratie.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ganz viele, ganz schwierige; aber da ich gerade eben erst Zwillinge zu Hause bekommen habe, wünschte ich, dass viele Dinge, die für Kinder und Jugendliche wichtig sind, schneller umgesetzt würden. Wir haben ganz viele traurige Dinge in den letzten Monaten erlebt, wenn es um Kinder ging - Vernachlässigung von Kindern, Kindsmissbrauch, Kindstötungen. Und deshalb ist es mein Wunsch, dass man mit der Kinder- und Jugendpolitik schneller weiterkommen sollte.

Das Interview wurde am 18.12.2006 am Rande der "NRW: Neues Lernen"-Preisgala in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellte Kerstin Rüenauver.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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