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Interview

Theo Kruse, MdL   Theo Kruse,
Jahrgang 1948,
Mitglied des NRW-Landtags (CDU),
innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion,
Kreisvorsitzender der CDU des Kreises Olpe

Politische Arbeit

Herr Kruse, Sie sind zwar Mitglied des Landtags, doch Angehöriger einer Oppositionspartei. Das heißt, Sie können Ihren politischen Willen nicht wirklich durchsetzen, sondern sozusagen nur so tun als ob. Ist das nicht auf die Dauer schmerzlich?

Das ist in der Tat hin und wieder schmerzlich, aber die Opposition hat in einer Parlamentarischen Demokratie eine außerordentlich wichtige Aufgabe: Wir müssen die Mehrheit und auch die Regierung kontrollieren; und diese Aufgabe macht auch sehr viel Freude. Hinzu kommt, dass man als Opposition natürlich das, was man mit der Minderheit möchte, immer wieder den Medien verdeutlichen und in die Öffentlichkeit transportieren muss. In diesem Sinne arbeiten wir natürlich daran, dass die Opposition auch mal die Mehrheit bekommt.

Hin und wieder gibt es ja auch Opposition innerhalb der eigenen Partei. Die wird bekanntlich nicht gern gesehen. Was halten Sie von der so genannten "Parteidisziplin"?

Ich halte sehr viel von Fraktions- und auch Parteidisziplin. Es ist etwas anderes als Zwang. Ich vergleiche es mal mit dem Sport: Ganz gleich, welche Sportart man betreibt - auch hier gibt es Regeln, an die man sich zu halten hat, beim Fußball, beim Basketball, beim Volleyball und wo auch immer. Ich glaube, wenn man Disziplin einhält, wird die Freiheit hinterher viel größer, als wenn man alle Abstimmungen vollkommen offen und frei laufen lassen würde.

Gibt es in Ihrer Partei mitunter Vorstellungen bzw. Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Wie verhalten Sie sich dann?

Man muss sich immer wieder unterordnen können. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Man darf nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen. Man kann sich ja im Vorfeld mit seiner Meinung einbringen und sagen, was für eine Position man selber hat. Aber am Ende einer jeden Diskussion erfolgt halt die Abstimmung, und wenn man da unterliegt, dann ist das eben so.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Das verantworte ich trotz aller Parteidisziplin nicht!

Wenn gegen die Verfassung, wenn gegen das Grundgesetz verstoßen würde und wenn auch die Grundwerte, die die Christlich Demokratische Union hat, in Zweifel gezogen würden, dann würde ich in der Tat sagen: Also, hier ist eine Schmerzgrenze erreicht; dazu bin ich nicht mehr bereit.

Muss politische Arbeit immer in einer Partei stattfinden?

Nein, aber ich darf auf den Artikel 21 des Grundgesetzes hinweisen. Dort steht, welchen Stellenwert die politischen Parteien haben. Sie wirken an der politischen Willensbildung mit, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich halte nicht viel davon, wenn man kurzfristig, für vier, für acht Wochen oder für drei Monate, an irgendeinem Projekt mitarbeitet - so viel Freude das auch bereiten mag - und dann wieder aufhört. Ich glaube schon, man sollte sich - gerade weil Politik ja immer langfristig ausgerichtet sein sollte - vom Grundsatz her zu einer Partei bekennen und zu ihren Vorstellungen stehen - mit allem, was dazugehört.

Wenn Sie auf Ihre bisherige politische Arbeit zurückblicken: Haben Sie mehr erreicht - oder mehr nicht erreicht?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube schon, dass ich insofern einiges erreicht habe, als man doch in unendlich viele Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern eintritt, auch viele Besuche erfährt und viel Schriftverkehr führt. Es ist natürlich in den Zeiten, in denen wir uns befinden, schwerer geworden, Politik zu erklären, aber ich denke schon, dass ich eine ganze Menge erreicht habe. Gleichwohl - das tangiert jetzt die erste Fragestellung: Man ist in der Opposition. Solange man in der Minderheit ist, kann man ja seine Vorstellungen nicht durchdrücken. Von daher könnte man am Ende natürlich auch sagen, eigentlich hat man nichts erreicht. Es ist eine zwiespältige Angelegenheit.

Volks-Vertretung

Ist (bzw. war) "Politiker" Ihr Traumberuf?

Nein. Aber ich wollte immer einen Beruf haben, in dem man in Kontakt mit Menschen ist, in dem man in Gesprächen ist, wo man sich im Austausch und auch im Streit - im positiven Streit - mit Meinungen befindet; und den Beruf habe ich jetzt. Er macht mir eigentlich sehr viel Freude.

Und wie sind Sie zur CDU gekommen?

Ja, das ist eine spannende Frage. Die kann man eigentlich nicht in 90 Sekunden beantworten. - Sie haben wahrscheinlich schon mal was von der berühmten 68er Generation gehört: 1968, da war ich genau zwanzig Jahre. Das waren spannende Zeiten. Ich hab viel Sport getrieben, viel Fußball gespielt, bin in vielen Vereinen gewesen und natürlich auch auf vielen Festen, nicht nur Schützenfesten, und dabei habe ich immer die Auffassung vertreten, es reicht nicht aus, auf Veranstaltungen mit anderen Menschen zu diskutieren und alles besser zu wissen; man muss letztendlich dann auch Farbe bekennen. Wir haben deshalb damals, 1970/71, alle Parteiprogramme miteinander verglichen, diese Mühe haben wir uns gemacht, und ich habe mich nach dem Vergleich der Parteiprogramme für die CDU entschieden. 1971 bin ich eingetreten.

Was war dafür ausschlaggebend?

Es waren drei Punkte ausschlaggebend. Einmal die Stellung der Familie in den Parteien, das hat sich bis heute gehalten. Ich glaube, dass die CDU einen anderen Begriff von Familie hat als die anderen Parteien. Rot-Grün sagt gelegentlich: Familie ist da, wo Kinder sind. Das ist mir zu wenig. - Zweitens waren es auch die christlichen Grundwerte. - Und der dritte Aspekt war für mich aus unterschiedlichen Gründen ganz wichtig: Die CDU war damals, 1971, die einzige Partei, die den Glauben an die Wiedervereinigung programmatisch festgeschrieben hatte. Das fehlte bei der SPD, bei der FDP (die Grünen waren damals ja noch nicht im Geschäft). - Das waren für mich drei entscheidende Aspekte.

Sie sind Mitglied des Landtags, Volksvertreter. "Repräsentieren" Sie das Volk? Woraus schließen Sie das?

Mit der Repräsentation ist das so eine Geschichte. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie, und ich glaube, dass mir, bezogen auf den Kreis Olpe, auch eine gewisse "Repräsentativität" zukommt; denn ich bin ja immerhin sowohl 1995 als auch 2000 direkt gewählt worden, die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler hat mich gewählt. Und ich glaube auch, dass ich nach wie vor einen Bezug zum Volk insofern habe, weil man im Kreis Olpe groß geworden ist, weil man das Sauerland kennt, weil ich Mitglied in vielen Vereinen bin, weil man auch am Wochenende unterwegs ist und weil man sich nicht zu Hause versteckt. Man hat regelmäßige Besuche im Wahlkreisbüro. Es gibt regelmäßigen Schriftverkehr. Da kommt so vieles zusammen. Und man versucht auch das, was unter den Bürgerinnen und Bürgern gedacht wird, mit in die parlamentarische Arbeit aufzunehmen, obwohl das nicht immer so ganz einfach ist.

Es gibt in Deutschland kein imperatives Mandat. Jeder Abgeordnete ist nur seinem Gewissen verantwortlich. Angenommen, Ihr Gewissen steht in einer bestimmten politischen Entscheidung erkennbar dem Gewissen derer entgegen, die Sie repräsentieren: Wie verhalten Sie sich?

Die Situation habe ich bis heute noch nicht kennen gelernt. Ich bin froh, dass es kein imperatives Mandat gibt, dass es in der Tat nur eine Gewissensentscheidung gibt. Ich glaube, unsere Demokratie ist insgesamt so gefestigt, dass ich mir im Moment nicht vorstellen kann, dass es auf absehbare Zeit eine solche Situation für mich geben könnte. Insofern stellt sich die Frage für mich so gar nicht.

Repräsentiert ein Abgeordneter überhaupt das "Volk" (also zum Beispiel seinen Wahlkreis) oder letztlich nicht doch nur seine Wähler?

Nein, ich gehe ebenso - und nicht zuletzt - auf den so genannten politischen Gegner zu. Man versucht ja auch die zu erreichen, die nicht die CDU bzw. nicht den Theo Kruse gewählt haben. Ich denke nicht nur an die eigenen Wähler. - Letztendlich weiß man's ja auch gar nicht ganz genau; denn Wahlen sind geheim, und ich kann ja, wenn ich im Kreis Olpe unterwegs bin, nicht wissen: Haben Sie mich gewählt und Sie nicht? Deshalb sind Sie ja kein besserer oder schlechterer Mensch. Nein, um Gottes Willen, von einer solchen Vorstellung würde ich mich schon distanzieren. Man versucht natürlich auch die zu erreichen und zu gewinnen, die abseits von der Politik stehen oder die mit der CDU gar nichts am Hut haben.

Ein beliebter Vorwurf lautet ja, den Volksvertretern fehle es an "Bodenhaftung", sprich: an Kontakt zum "Volk". Wie ist Ihre Antwort?

Ich behaupte von mir, dass der Kontakt da ist. Er müsste noch häufiger gepflegt werden, weil man in der Tat eine ganze Reihe von Terminen und Sitzungen hat. Man ist sozusagen ein Gremienmensch geworden, ein Sitzungsmensch. Man sitzt oft abends in irgendwelchen Versammlungen oder im Zug, im Auto oder wo auch immer. Der Kontakt müsste eigentlich intensiver gepflegt werden, aber ich glaube schon, dass ich von mir sagen kann, dass er noch da ist; ich bin noch nicht abgehoben. Ich sag mal so: Ich freue mich, wenn jetzt nach dem langen Winter die Sportplätze im Kreis Olpe wieder frei sind; denn ich halte mich gerne am Wochenende auf Sportplätzen auf. Und da gibt's ja dann Kontakte.

Abhängigkeiten

Haben Politiker eigentlich Freunde - also nicht nur "Parteifreunde", sondern echte Freundschaften? Oder ist das ähnlich wie bei Lehrern, denen man nachsagt, dass sie im eigenen Saft schmoren, weil sie eigentlich keiner mag?

Also, ich habe schon eine ganze Reihe von Freunden. Aber ich bestreite nicht, dass die Pflege dieser Freundschaften in den letzten Jahren gelitten hat - auf Grund des Termindrucks, den man hat. Es gibt schon einige gute Bekannte, mit denen ich mich auch austauschen kann, aber wie gesagt: Man hat zu wenig Zeit für diese Freunde, und das ist ein Nachteil.

Wessen Kritik hören Sie lieber - die von Freunden oder die von Ihren politischen Gegnern?

Zunächst mal die von den Freunden. Die ist mir doch wesentlich lieber. - Die gegnerische Kritik ist mir zu pauschal und auch zu vorhersehbar. Vom politischen Gegner werde ich ja jede Woche beschimpft. Da kann man sich noch so gut vorbereiten, Anträge einbringen und einen Redebeitrag im Plenum, im Parlament vorlegen; man weiß eigentlich, wenn man in der Opposition ist, immer im Vorhinein schon, dass man am Ende unterliegt - obwohl man meint, man hätte die besseren Argumente. Man unterliegt, selbst wenn man nach einigen Monaten feststellt, dass das eigene Argument dann doch noch gewonnen hat. Das muss man ertragen. - Nein, die Kritik von Freunden, von Parteifreunden ist mir da allemal lieber als die vom politischen Gegner.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: "Ich höre als Politiker auf"?

Wenn ich deutlich erkenne: Theo Kruse, du hast mit deinen Vorstellungen keine Chance mehr und es gibt für deine Konzepte keine Mehrheiten mehr. Dann wäre wahrscheinlich Schluss. Und/oder wenn mir meine Familie sagen würde: Jetzt tritt mal ein bisschen kürzer. Und wahrscheinlich spielt irgendwann der Aspekt Gesundheit eine ganz wichtige Rolle, selbstverständlich auch das Alter. Aber im Moment fühle ich mich eigentlich ganz gut.

Kann man als Politiker überhaupt aufhören? Oder macht Politik in gewisser Hinsicht süchtig?

Nein. Aus meiner Sicht nicht. Jetzt müsste man Sucht definieren...

Dass man immer weitermachen will, dass man den Absprung nicht findet, sich vielleicht auch am eigenen Tun berauscht...

Die Gefahr besteht vielleicht dann, wenn man zu früh in die Politik gekommen ist. Ich hab ja aus meiner Sicht das Glück gehabt, dass ich vorher 20 Jahre lang noch einen anderen Beruf ausgeübt habe; ich war Berufsschullehrer, und das hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich bin erst 1995 Landtagsabgeordneter geworden. Und wenn man über Jahre hinweg ein Stück Lebenserfahrung und berufliche Erfahrung gesammelt hat, dann steht man nicht so in der Gefahr, süchtig nach Politik, Macht und Ansehen zu werden. Das würde ich deshalb von mir nicht sagen. Ich gehöre sicherlich nicht zu denen, die in den Terminkalender gucken und feststellen: Oh, da ist ja noch eine Lücke, da stimmt irgendetwas nicht! Oder die morgens die Zeitung aufschlagen und sagen: Ich stehe heute nicht drin, also ist das ein schlechter Tag für mich. - Sicher, diese Leute soll es geben. Aber nein, man kann auch ohne Politik auskommen. Und wer tatsächlich süchtig wird, der sollte von seinen Wählerinnen und Wählern schnell wieder auf den Boden geholt werden.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Also, der Slogan, der hier auf meinem alten Wahlplakat steht - "Wir nehmen die Menschen ernst" -, den würde ich heute nicht mehr so setzen. Natürlich muss man die Menschen ernst nehmen, was denn sonst? - Stattdessen würde ich drei Begriffe nennen: Herz, Gefühl und Verstand; das reicht eigentlich. - Es genügt nicht, wenn man ein hohes Sach- und Fachwissen hat, aber es nicht schafft, auf die Menschen zuzugehen. Man muss zuhören können, man muss sich auch selber zurücknehmen können. Man muss einfach auch mal schweigen können und Meinungen auf sich wirken lassen. - Herz, Gefühl und Verstand heißt: Man muss sich immer wieder darum bemühen, sich auch in die Gefühlswelt der Gesprächspartner hineinzuversetzen. Wenn man das schaffte, dann wär das schon eine tolle Sache.

Wir würden Ihnen gerne einige Begriffe nennen. Vielleicht können Sie uns sagen, ob sie auf einen erfolgreichen Politiker zutreffen.

Gerne.

Zielgerichtetheit?

Ja, die braucht man.

 

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Braucht man.

Populismus?

Weniger. Gelegentlich.

Kompromissbereitschaft?

Braucht man.

Taktisches Geschick?

Sicher auch.

Wille zur Macht?

Eher weniger. Aber ein gesundes Machtbewusstsein, das braucht man schon.

Charisma?

Ja.

Skrupellosigkeit?

Nein. Das würde ich klar verneinen.

Unverwechselbarkeit?

Man muss authentisch sein, das ist schon wichtig.

Muss ein guter Politiker immer mehrheitsfähig sein?

Nein, man muss nicht immer mehrheitsfähig sein. Man sollte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Man muss also immer klar sagen, was man denkt. Das ist nicht in jeder Woche erforderlich, aber ich kenne keinen Politiker, der mit allen seinen Meinungen immer mehrheitsfähig wäre. Das wäre wirklich idealtypisch.

Ihre Parteivorsitzende ist eine Frau. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen in der Politik - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle spielen. Wie erklären Sie sich das?

Das hat sicherlich auch biologische Gründe. Ich bin dafür, dass sich Frauen stärker als bisher in der Politik engagieren; ich unterstütze das ausdrücklich. Und ich denke, hier im Kreis Olpe ist das auch in vielen Bereichen erreicht. - Ich bin gerade in der vergangenen Woche dreimal unmittelbar mit Angela Merkel zusammen gewesen. Ich habe einen hohen Respekt vor ihr, und sie macht das wirklich ausgezeichnet. Es hängt aber letztlich immer davon ab, wie die jeweilige Frau und der jeweilige Mann es schaffen, sich in den politischen Alltag einzubringen. - Also, ich würde mir wünschen, dass es von der Tendenz her zunehmend auch Frauen gibt, die sich einbringen, aber man soll auch nicht krampfhaft suchen und da hinterherlaufen; das muss sich sozusagen im Laufe der Jahre ergeben. Vom Grundsatz her freue ich mich darüber, wenn sich auch Frauen politisch engagieren. Es ist noch zu wenig der Fall.

Müssen Frauen in der Politik (Ihre Vorsitzende eingeschlossen) die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Nein, nein. Frauen sollen Frauen bleiben und Männer Männer. Das ist meine Auffassung. Ich hab drei Frauen zu Hause. Nicht dass es missverstanden wird: eine Frau und zwei Töchter. Es macht keinen Sinn, wenn ein Mann sich in irgendwelchen Verhaltensweisen verweiblichen würde und umgekehrt eine Frau sagt: Ich nehme jetzt typische männliche Züge an. Nein, es sollte jeder so bleiben, wie er ist.

Denken Sie an Ihre eigene politische Laufbahn zurück: Wären Sie heute dort, wo Sie sind, wenn Sie eine Frau wären?

Wenn ich meinen Willen in gleicher Weise hätte dokumentieren können, kann ich mir das vorstellen. Aber es hätten wahrscheinlich bestimmte Entwicklungen einen anderen Weg genommen. Zum Beispiel hätte es - bedingt durch Schwangerschaft und Kindererziehung - wahrscheinlich ein bisschen länger gedauert, aber grundsätzlich möglich wäre es schon gewesen.

Jugend und Politik

Das Ansehen der Politik und der Politiker scheint lädiert zu sein. Bei einer Umfrage, die wir kürzlich an unserer Schule gemacht haben, gaben 23 Prozent der Befragten an, dass Politik ein "schmutziges Geschäft" sei, etwa die Hälfte befand diese Aussage immerhin für teilweise richtig. Gerade mal 8 Prozent konnten bzw. können sich vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen, bei den weiblichen Befragten waren es gar nur 2,5 Prozent. In einer politischen Partei oder Jugendorganisation ist nur einer der etwa 130 Oberstufler, die wir befragt haben. Wie erklären Sie sich einen solchen Befund?

Das sind viele Aspekte. Die in Kürze zu beantworten ist schwierig. Fangen wir mal mit dem letzten Punkt an: Ich finde es natürlich außerordentlich bedauerlich, dass sich nur so wenige wirklich engagieren, ganz gleich wo. Ich bin immer froh, wenn jemand an seiner Linie, an seinem Lebensentwurf arbeitet, aber man muss sich als junger Mensch letztendlich dann auch ein Stück weit politisch einbringen.
   Aber jetzt mal der Reihe nach. Richtig ist: Das Vertrauen meines Berufsstandes ist so tief im Keller wie noch nie. Wir stehen im Ansehen ganz unten. Aber ich würde bestreiten, dass Politik generell ein schmutziges Geschäft ist. Das ist falsch. - Wir haben heute eine andere Mediensituation. Da bereitet eine Korruptionsaffäre natürlich eine gehörige Schlagzeile, und dann meinen viele, es sind alle so. Das ist vom Grundsatz her falsch. Also, ich sitze morgen zum Beispiel wieder in meiner 88-köpfigen CDU-Landtagsfraktion, und wenn ich mir dann die Runde begucke: Ich kann nicht erkennen, dass davon so viele korrupt wären oder schmutzige Geschäfte betrieben. Die große, große Mehrheit - das sind weit mehr als 95 Prozent, 97 Prozent - ist grundanständig, und wir betreiben auch eine ehrliche Politik. Aber die wenigen, die dann eben in die Schlaglichter kommen, die die Affären verursachen, die sorgen letztlich für die Gesamtstimmung. Das ist einfach so.
   Ich glaube allerdings, dass das auch ein Defizit des Schulunterrichts ist - und der Erziehung zu Hause. Wahrscheinlich wird im Schulunterricht, in bestimmten Jahrgängen, ich sage mal: beginnend in Jahrgang 9, 10, 11, 12, nicht genügend auf die Bedeutung der Parteien hingewiesen. Wir haben - ich erwähnte es schon - den Artikel 21. Die Arbeit der politischen Parteien ist nicht alles, aber sie ist wichtig. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie. Ernsthaft diskutiert gibt es dazu keine Alternative - siehe Weimarer Republik, in der sich die Dinge dann anders entwickelt haben. Ich würde deshalb in den unglaublich schwierigen Zeitläuften, in denen wir uns befinden, an die jungen Menschen appellieren: Man muss bereit sein, jenseits von Spaß- und Freizeitgesellschaft auch Verantwortung zu übernehmen. Das kann man auch mit 16, 17, 18, 20 Jahren. Denn wenn es von der Tendenz her so weiter geht, wie Sie es beschrieben haben, bedeutet das auch eine Gefahr für das politische System insgesamt.

Mit welchen Argumenten würden Sie für das politische Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener werben?

Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Man muss sich immer wieder verdeutlichen: Woher kommen wir (nicht biologisch, sondern historisch) als Bundesrepublik Deutschland? Wo stehen wir jetzt? Was für schwierige Zeitabläufe haben wir? Und wie soll unsere Gesellschaft in den nächsten fünf, zehn, zwanzig Jahren aussehen?
   Ich würde alle jungen Menschen immer wieder dazu auffordern: Bringt euch ein, ganz gleich, wo ihr politisch steht, nur macht irgendwas, engagiert euch in dem noch so kleinen Dorf, in der Nachbarschaft, um in einer freien Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Denn wir leben hier Gott sei Dank seit Jahrzehnten in einem liberalen Rechtsstaat.
   Es geht um die Zukunft der jungen Menschen; die sollte man nicht den Vierzig- bis Hundertjährigen überlassen, sondern da sollten sich auch die Fünfzehn- bis Dreißigjährigen rechtzeitig einbringen. Nicht auf Gedeih und Verderb, aber man sollte sich artikulieren. - Es macht im Übrigen auch Spaß, für etwas zu ringen und zu arbeiten, für eine Gesellschaft zu arbeiten, in der man langfristig leben will.

Kennen Sie die Gegenargumente der Jugendlichen?

Viele, aber wahrscheinlich immer noch zu wenige. Mitunter gibt es ja Standardaussagen, etwa: Wir haben keinen Bock. Man wendet sich ab mit dem Hinweis auf Korruption und die erwähnten schmutzigen Geschäfte. Wahrscheinlich haben auch die Entwicklungen der letzten Jahre - Stichworte: Zukunftsperspektive und Arbeitslosigkeit, berufliche Perspektiven - und die Sorge, die man hat - was wird aus mir, bekomme ich einen vernünftigen Ausbildungsjob -, mit dazu beigetragen, dass man sich von der Politik eher abgewendet hat. Man ist enttäuscht, und ich kann mir auch vorstellen, dass, wie schon gesagt, da auch das Elternhaus mit eine Rolle spielt, dass Eltern sozusagen davor "warnen", sich irgendwo einzubringen. Eventuell sind es auch, ich habe es vorhin kurz angedeutet, Schule und Erziehungseinrichtungen insgesamt, die Politik eher kritisch bewerten, als dass man dazu ermuntert: Bringt euch ein! Da kommen viele Punkte zusammen.
   Klar gesagt: Es gibt viele junge Leute, die schon irgendetwas tun, zum Beispiel auch im Bereich der Kirchen. Aber vielen anderen ist all das zu zeitaufwendig. Man muss lesen, man kann ja nicht nur plakativ irgendetwas diskutieren, man muss sich mit Inhalten beschäftigen. Das kriegt man eben nicht auf einer halben DIN-A4-Seite erledigt. Es macht Mühe, sich politische Programme "einzuverleiben" und da Unterschiede zu sehen. Und das vor dem Hintergrund der ca. 40 Fernsehprogramme - oder noch mehr -, die man jeden Tag konsumieren kann. Es ist doch klar, dass man da lieber unterhalten werden will, Spaß haben und seine Freizeit genießen will.
   Gleichwohl wehre ich mich dagegen zu sagen: Die junge Generation hat insgesamt keinen Bock. Das sehe ich ganz anders. Ich glaube, man muss die jungen Menschen viel intensiver ansprechen, und vielleicht ist das hier heute ein kleiner Beitrag dazu.

Wie werden die "Jungen" in Ihrer Partei Ihrer Erfahrung nach von den "Älteren" betrachtet: eher mit Hoffnung oder eher mit Argwohn?

Ich glaube, eher mit Hoffnung. Ich darf ja jetzt seit 10 Jahren auch Kreisvorsitzender der CDU sein, und da erkenne ich das durchaus. Wir sind immer alle froh, wenn junge Menschen mit dabei sind, wenn auch Siebzehn-, Achtzehn-, Zwanzig-, Fünfundzwanzigjährige sich mit einbringen. "Mit Argwohn": das würde ich komplett verneinen; das ist nicht so. Dass man als Fünfzehn-, Zwanzigjähriger anders argumentiert als als Sechzig-, Siebzigjähriger, das ist klar. Aber die Hoffnung bleibt.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja. Es hat mal jemanden gegeben, der gesagt hat: Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen. Helmut Schmidt hat das gesagt. Aber ich glaube schon, dass man eine Vorstellung braucht, wohin die Gesellschaft sich entwickeln soll, wie sich das Leben in unserer Gesellschaft in den nächsten fünf, zehn, zwanzig Jahren verändern muss. Meine Meinung ist: Ein Politiker sollte nicht nur bis zum nächsten Wahltermin gucken - meiner wäre jetzt am 22. Mai -, sondern man muss wieder lernen, volkswirtschaftlich in Generationen zu denken. Das Generationenverhältnis hat sich ja dramatisch verändert in den letzten Jahrzehnten. Man sollte nicht nur schauen: Was ist nächste Woche, was ist im nächsten Monat oder wo will ich stehen oder wo soll unsere Gesellschaft Ende des Jahres sein? Man braucht schon eine Vorstellung von der Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt. Wenn Sie das als Vision bezeichnen: einverstanden.

Frisst der politische Alltag - das tägliche Einerlei - diese Visionen auf?

Oft ja. Das ist in der Tat so. Politischer Alltag ist, wie Sie das richtig sagen, Tagesgeschäft; da muss heute etwas erledigt werden; da bleibt manchmal die langfristige Perspektive auf der Strecke. Das ist bedauerlicherweise so. Aber deswegen sind für mich auch Freizeiten, meinetwegen jetzt das Wochenende, wichtig, wo man sich mal zurücklehnen und selbstkritisch sagen kann: Da hast du jetzt den Blick für die langfristige Perspektive verloren. - Wir leben in Deutschland in einer durch und durch lobbyistischen Gesellschaft. Die Vielzahl der Verbandsinteressen, der Einzelinteressen ist so heftig geworden, dass man da die langfristige Entwicklung einer Gesellschaft schon mal aus dem Auge verlieren kann.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Dass wir im Herzen Europas in einer friedlichen Gesellschaft leben, in der es weniger Kriminalität gibt, aber in der es vor allen Dingen für die nachrückenden Generationen eine vernünftige berufliche Perspektive gibt. In den fünfziger und sechziger Jahren hatte man eine klare wirtschaftliche Vorstellung; die fehlt zur Zeit - eine verlässliche Zukunftsperspektive. Es gibt eine Fülle von Vorschlägen, aber die Sorge der hohen Arbeitslosigkeit - die treibt mich schon um. - Wenn man sich das vorstellt: Im Kreis Olpe, in diesem schönen kleinen Kreis, gibt es immerhin 1000 junge Menschen unter 25 Jahren, die keinen Job haben. Ich habe den Wunsch, dass alle eine vernünftige Beschäftigung haben, nicht jeder seinen Traumberuf, aber dass alle in Brot und Arbeit sind, dass der Familienzusammenhalt, das nachbarschaftliche Verständnis, die dörfliche Gemeinschaft weiterhin einen hohen Stellenwert behalten und dass unsere Gesellschaft nicht weiter individualisiert wird. Die Summe der Einzelinteressen macht ja noch kein Gemeinwohl, sondern der gesellschaftliche Zusammenhalt gehört in den Blick. Neben der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit halte ich das für ganz wichtig.

Das Interview wurde am 7.3.2005 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Julia-Kristin Klein, Kerstin Rüenauver, Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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