Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Oskar Lafontaine   Oskar Lafontaine,
Jahrgang 1943,
Ex-Ministerpräsident, Ex-Bundesfinanzminister,
Ex-SPD-Vorsitzender,
Mitglied der WASG, Spitzenkandidat der Linkspartei
im Bundestagswahlkampf 2005

Persönlichkeitsmerkmale

Herr Lafontaine, welche Eigenschaften sollte Ihrer Ansicht nach ein Politiker haben, der erfolgreich sein will?

"Erfolgreich" in dem Sinne, dass er etwas zur Verbesserung der Lebensverhältnisse beiträgt; man muss Erfolg ja definieren. Es gibt ja Menschen, die Erfolg auch darin sehen, dass sie selbst nach oben kommen. Das ist aber mit politischem Erfolg nicht gemeint. Man muss etwas Besseres für die Menschen bewirken. Und dazu muss ein Politiker die Eigenschaft haben, glaubwürdig zu sein.
   Die Glaubwürdigkeit wird an einer Stelle geprüft: Schlägt er nur Dinge vor, die ihm selbst Vorteile und anderen Nachteile bringen - oder schlägt er Dinge vor, die ihm selbst auch Nachteile bringen? Das nehmen wir in der Linkspartei für uns in Anspruch. Unsere steuerpolitischen Vorschläge bringen uns, dem Führungspersonal der Linkspartei, Nachteile, während die steuerpolitischen Vorschläge der anderen Parteien den Menschen Nachteile bringen, aber den Politikern Vorteile.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man diese braucht?

Bitte.

 


Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Auch.

Populismus?

Wenn unter Populismus verstanden wird, dass man so spricht, dass das Volk einen versteht, dann ja. Wenn darunter verstanden wird, dass man dem Volk mit gefälligen Unwahrheiten nach dem Munde zu reden versucht, dann nein.

Kompromissbereitschaft?

Ja.

Taktisches Geschick?

Ja.

Wille zur Macht?

Ja.

Charisma?

Ja.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Nein.

Medienwirksamkeit?

Hm. Nein.

Unverwechselbarkeit?

Ja.

Welchen Fehler sollte ein Politiker auf keinen Fall machen?

Er sollte nicht den Fehler machen, den Menschen Dinge zu versprechen, die er nicht halten kann.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Ich habe manchmal die Situation nicht richtig eingeschätzt und habe daher auch falsch geurteilt. Ich habe mich aber in meinem politischen Leben bemüht, diese Hauptmaxime zu befolgen, keine Versprechungen zu machen, die nicht haltbar sind.

Bereuen Sie Ihre Fehler?

Fehler bereut man immer.

Freuen Sie sich, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Ja. Das ist aber natürlich eine sehr vordergründige Freude, die einen manchmal befällt. Die Fehler der politischen Gegner gehen ja oft zu Lasten des Volkes. Da kann man sich dann nicht freuen.

Aus- und Einstiege

Vor einigen Jahren sind Sie radikal aus der aktiven Politik ausgestiegen. Was hat Sie dazu veranlasst, jetzt wieder einzusteigen?

Der sozialpolitische Kahlschlag. Ich bin das Kind einer Kriegswitwe. Ich wollte jetzt meinen Beitrag dazu leisten, dass der Sozialabbau nicht weitergeht.

Im Wahlkampf Wie sehen Sie für die Zukunft das Zusammenwirken von WASG und Linkspartei.PDS?

Ich möchte, dass eine neue Linke in Europa entsteht. Diese Linke muss dem neoliberalen Zeitgeist ein Konzept entgegensetzen. Zur Zeit geht es ja so: Die Löhne werden gekürzt, die Renten werden gekürzt, die sozialen Leistungen werden gekürzt. Und die Steuern für Unternehmen und Besserverdienende werden gesenkt. Das widerspricht all meinen - und unseren - Überzeugungen. Wir wollen einen Gegenentwurf präsentieren.

Wie definieren Sie Ihr Verhältnis zu Gregor Gysi?

Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Wir haben in den letzten Monaten eng zusammengearbeitet. Das ist eine gute politische Partnerschaft.

Was streben Sie für die nächsten Jahre an: eine Fundamental-Opposition - oder auch Regierungsverantwortung?

Wir wollen Politik verändern. Danach richtet sich unsere Entscheidung. Wenn wir keinen Partner für eine Regierung haben, wie das zurzeit der Fall ist, dann haben wir eben keinen und werden die Oppositionsrolle annehmen. Wenn wir einen Partner finden, der unsere Politik mit umsetzt, werden wir die Regierungsverantwortung annehmen.

In den letzten Wochen ist immer wieder der Vorwurf aufgetaucht, die WASG sei lediglich ein Vehikel, eine Art Trojanisches Pferd, um die PDS im Westen salonfähig zu machen. Kürzlich ist zum Beispiel im Fernsehen die WASG eine "Frontorganisation" der PDS genannt worden; böse Zungen haben Oskar Lafontaine gar als den "Schmuck-Wessi" der PDS bezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Das sind, wie Sie selbst sagen, böse Zungen, die Angst vor uns haben. Es ist ja erstaunlich, dass das Auftauchen der Linkspartei zu so viel Nervosität bei anderen geführt hat. Die Beschimpfungen der politischen Gegner gehören leider dazu. Wir lassen uns davon aber nicht beeindrucken.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja.

Welche?

Im Interview Ein Politiker braucht immer die Vision von einer Gesellschaft, die nach seiner Auffassung die richtige wäre. An dieser Vision muss er sein tägliches Handeln ausrichten, denn eine Vision ist ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie morgen nicht erreichbar ist. Sie ist ein Leitbild. Aber ohne Leitbild wird Politik zu reinem Pragmatismus.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Oft. Oft ist es ermüdend, im politischen Alltag zu bestehen. Aber ohne Visionen - das ist meine Überzeugung - sollte man keine Politik machen.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland.

Eine Abschlussfrage: Welche der folgenden Personen ist Ihnen am sympathischsten: Robin Hood, Napoleon oder Willy Brandt?

Willy Brandt.

Und warum?

Er war mein politischer Ziehvater.

Das Interview wurde am 31.8.2005 in Siegen im Vorfeld einer Wahlkampfveranstaltung geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Carsten Horn, Christian Scholle und Carina Voigt.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter