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Interview

Norbert Lammert, MdB   Norbert Lammert,
Jahrgang 1948,
Präsident des Deutschen Bundestags (CDU)

Politische Arbeit

Herr Bundestagspräsident, in welcher Rolle sehen Sie sich in Ihrem Amt vorrangig: eher als aktiver Ideengeber, als "Vordenker" - oder eher als Instanz des Ausgleichs, also als Moderator in strittigen Fragen, der sich ansonsten aber zurückhält?

Ich sehe jedenfalls in den beiden Aspekten, die angesprochen worden sind, nicht die Notwendigkeit, das eine zu tun und das andere ein für allemal zu lassen. Im Amt bin ich zur Überparteilichkeit verpflichtet. Das heißt, natürlich wird von mir erwartet, dass ich nicht nur Sitzungen überparteilich leite, sondern auch in der Wahrnehmung der Interessen der Kolleginnen und Kollegen im Bundestag und der Fraktionen jeden zu seinem Recht kommen lasse. Aber ich bin gleichzeitig Mitglied des Parlamentes und habe insofern alle Rechte und Pflichten wie andere Mitglieder auch. Ich bleibe am politischen Prozess beteiligt.
   Ich persönlich habe für mich daraus die Schlussfolgerung hergeleitet, dass ich mich aus aktuellen politischen Streitfragen eher heraushalte, mich da jedenfalls sehr zurückhaltend bewege (es mangelt im Übrigen ja auch nicht an Leuten, die sich daran täglich beteiligen) und dass ich mich deswegen etwas stärker auf grundsätzliche Fragen der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung konzentriere, die in der Tagesauseinandersetzung manchmal etwas notleidend bleiben.

Gibt es in Ihrer Partei bzw. Ihrer Fraktion mitunter Vorstellungen bzw. Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Wie verhalten Sie sich dann?

Das kommt natürlich vor. Es kommt nicht oft vor, aber immer mal wieder. Nun gibt es auch da zwei Kategorien, die man unterscheiden muss. Der Normalfall ist der, dass man in irgendeiner Frage der Steuergesetzgebung oder der Sozialgesetzgebung eine bestimmte Lösung vorgezogen hätte, für die es aber in der eigenen Truppe keine Mehrheit gibt. Dann - finde ich - muss natürlich jeder erwarten können, dass ich mich einer Mehrheitsmeinung mit der gleichen Selbstverständlichkeit anschließe, wie ich das von Kolleginnen und Kollegen erwarte, wenn ich mit meiner Meinung die Mehrheit für mich habe gewinnen können.
   Es gibt ganz selten aber auch mal Themen, bei denen man den Eindruck hat, dass eine beabsichtigte Entscheidung mit den eigenen Überzeugungen so stark kollidiert, dass man sie auch mit Rücksicht auf die eigene Fraktion oder Partei nicht mittragen kann oder möchte. Das ist aber jetzt in den mehr als fünfundzwanzig Jahren meiner Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag in so seltenen Fällen vorgekommen, dass man sie an einer Hand mühelos aufzählen könnte.

Was halten Sie von der so genannten "Fraktionsdisziplin"?

Ich halte sie für völlig unverzichtbar, denn jeder, der Mitglied eines Parlamentes ist, muss sich bewusst sein, dass er nicht als Solist gewählt worden ist, sondern als Vertreter einer politischen Gruppierung. Übrigens wäre es für die Wählerinnen und Wähler auch fast unmöglich, ihre Stimmen überhaupt abzugeben, wenn sie nicht dadurch, dass sie einen Vertreter einer politischen Gruppierung wählen, auch gleichzeitig eine gewisse Verlässlichkeit über dessen voraussichtliches Abstimmungsverhalten in wichtigen Sachfragen hätten. Deswegen ist Fraktionsdisziplin die Voraussetzung der Handlungsfähigkeit von politischen Gruppierungen im Parlament. Diese würden ja buchstäblich atomisiert, wenn jeder zu jedem Punkt seine persönliche Meinung spazieren führen wollte.
   Die Fraktionsdisziplin ist aber auch Voraussetzung für die Kalkulierbarkeit von Wahlentscheidungen. Denn wenn ich eine Regierung abwählen möchte, weil ich sage, das gefällt mir nicht, was die in der Wirtschaftspolitik oder in der Sozialpolitik oder vielleicht auch in der Außenpolitik bewegt hat, dann tue ich es ja in der Erwartung, dass eine andere Gruppierung, die ich wähle, sich anders verhält. Und diese Erwartung gründet sich auf die Selbstverständlichkeit, dass von den - wenn wir bei den großen Parteien bleiben - zweihundert oder zweihundertfünfzig Mitgliedern dieser Fraktion im Deutschen Bundestag nicht jeder bei jeder Frage macht, was er persönlich für richtig hält, sondern dass sich alle an eine Fraktionsdisziplin, nämlich eine gemeinsam gefundene Position, halten und diese auch gemeinsam vertreten.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Das verantworte ich trotz aller Fraktionsdisziplin nicht!

Wenn, wie gesagt, eine Entscheidungskategorie erreicht ist, wo ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht vereinbaren kann.
   Ich will ein Beispiel nennen, das mich ganz früh in meiner politischen Laufbahn erwischt hat: Da ging es um die ganz schwierige, tatsächlich auch sehr komplizierte Frage der Verfolgung von unkorrekten Spenden an politische Parteien, die dann auch mit einer Fülle von Strafverfahren verbunden waren gegenüber Leuten, die in den Parteien für die Finanzen Verantwortung hatten oder die als Spender durch eigene Spenden an der Arbeitsfähigkeit der Parteien beteiligt waren. Diese Spenden zogen als lästige Folgen Gerichtsverfahren nach sich, ohne dass irgendjemand den Verdacht hatte oder den Vorwurf erhob, die betroffenen Personen hätten sich in irgendeiner Weise persönlich bereichert (eher das Gegenteil war der Fall).
   Und da wurde damals der Versuch unternommen, das durch eine so genannte Spendenamnestie in einem laufenden Steuergesetzgebungsverfahren zu lösen. Da war ich nun allerdings der Meinung - und bin es auch heute noch -, dass wir Probleme, die wir gegebenenfalls als Parteien haben, nicht in unserer Eigenschaft als Gesetzgeber zu unseren eigenen Gunsten lösen können. Deswegen widersprach das so meinem Parlamentsverständnis, dass ich gesagt habe: Tut mir leid, an dieser Entscheidung kann ich nicht mitwirken.

Besonders ältere Bürger beklagen, früher habe es im Bundestag bessere Redner gegeben; inzwischen sei die politische Streitkultur verflacht. Ist das bloß eine Verklärung der Vergangenheit?

Jedenfalls auch.

Dann stimmt es also - zumindest teilweise - tatsächlich?

Ich glaube, dass für diese Wahrnehmung, die es ja sicher gibt, vor allem zwei Aspekte maßgeblich sind. Der eine maßgebliche Aspekt ist, dass die großen Richtungsentscheidungen dieses Landes natürlich längst getroffen sind. Und sie werden, wie in anderen Zusammenhängen auch, meist in der Gründungsphase getroffen und nicht zu einem späteren Zeitpunkt. Dass dieses Land sich an den Westen angeschlossen hat, dass dieses Land eine marktwirtschaftliche Ordnung aufgebaut hat, dass dieses Land - auch unter Berücksichtigung der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs - sich dann entschlossen hat, die Bundeswehr zu errichten und in ein westliches Verteidigungsbündnis einzutreten, das alles waren Richtungsentscheidungen, die das Land bis heute prägen und die damals hoch umstritten waren. Und natürlich sind hoch umstrittene Debatten nicht nur unterhaltsamer, sie sind auch - ja: - bedeutender als aktuelle Debatten über Rentenanpassungen von 0,65 Prozent. Deswegen ist zu Recht im Bewusstsein vieler Menschen zurückgeblieben: Aber die großen Schlachten um die Richtung dieses Landes, die haben eigentlich doch früher stattgefunden!
   Der zweite Punkt, der die Wahrnehmung prägt, ist, dass wir alle (nicht nur mit Blick auf die Politik, sondern auch auf die eigene Biografie) von dem, was in der Vergangenheit stattgefunden hat, ja nicht die Tagesbanalitäten in Erinnerung behalten, sondern die großen Ereignisse - das, was einen besonders beeindruckt hat, was einen besonders gefreut oder geärgert hat, was einen besonders bestürzt oder in Depressionen getrieben hat. Deswegen gilt: Je länger die Zeit zurückliegt, desto mehr bleiben die großen Ereignisse - auch die großen Redner - in Erinnerung. Aber auch damals waren es ja nicht von fünfhundert oder sechshundert Mitgliedern des Deutschen Bundestags zweihundert oder dreihundert - und jetzt sind es eben nur noch, was weiß ich, fünf oder zehn -, sondern es waren auch damals nicht mehr. Aber die sind in Erinnerung geblieben. Wenn man die täglichen Debatten von heute mit den herausragenden Debatten von damals vergleicht, dann entsteht diese Schieflage in der Wahrnehmung.

Persönlichkeitsmerkmale

Ist (bzw. war) "Politiker" Ihr Traumberuf?

Jedenfalls ist er es geworden. Das, glaube ich, kann man schon sagen - allerdings ohne jede Neigung zur Verallgemeinerung: Es gibt nicht den Traumberuf schlechthin. Auch "Filmschauspieler" ist, glaube ich, nicht der Traumberuf, nicht mal Fußballspieler - was ich auch gerne geworden wäre, wenn die Begabung dafür gereicht hätte. Sondern die Frage, was für jemanden ganz konkret ein Traumberuf ist, hängt neben den eigenen Interessen auch von den eigenen Begabungen und Fähigkeiten ab. Leider ist das nicht immer identisch. Es kommt relativ oft vor, dass man das, wofür man sich besonders interessiert, nicht deswegen auch besonders gut kann. Besonders schlimm ist es, wenn man das, was man besonders gut kann, aber völlig uninteressant findet und deswegen an dieser Stelle sich vorhandene Begabungen nicht entfalten können. Also, ich hab nicht immer schon vorgehabt, hauptberuflich Politiker zu werden. Doch ich finde diesen Beruf zwar außerordentlich strapaziös, aber auch außerordentlich spannend.

Wie sind Sie zur CDU gekommen?

Durch Beitritt. - Nein, jetzt mal im Ernst: Ich bin in einem vergleichsweise politischen Elternhaus groß geworden. Insofern war Politik für mich nicht irgendetwas ganz Fremdes, sondern schon gewissermaßen Bestandteil der täglichen Lebenserfahrung. Und ich hatte in meiner Schulzeit in den letzten Jahren auf dem Gymnasium einen Politiklehrer, der mich außerordentlich beeindruckt, wahrscheinlich auch geprägt hat, weil er mir durch seine hochgradige politische Interessiertheit und gleichzeitig die Unbestechlichkeit seiner Urteilsbildung sehr imponiert hat. Das hat, glaube ich, sowohl mein Interesse an Politik gefestigt als auch meine Neigung, mir ein eigenes Urteil zu bilden und nicht bei anderen abzuholen, befördert.

 


Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Sensibilität und ein dickes Fell. Weder das eine noch das andere ist verzichtbar.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Auch.

Altruismus?

Der ist ja eng mit dem Idealismus verbunden.

Populismus?

Besser nicht.

Kompromissbereitschaft?

Unbedingt.

Taktisches Geschick?

Ja.

Wille zur Macht?

Na ja. Der Begriff gefällt mir nicht so gut, aber ohne ein gewisses Maß an Durchsetzungswillen und Durchsetzungsvermögen wird es nichts.

Skrupellosigkeit?

Ganz sicher nicht.

Charisma?

Ist außerordentlich hilfreich - aber selten vorhanden.

Gutes Aussehen?

Da ist es ähnlich.

Medienwirksamkeit?

Ja, die wird ja schon durch die letzte von Ihnen genannte Eigenschaft maßgeblich bestimmt.

Und Unverwechselbarkeit?

Ja. Sicher.

Welchen Fehler sollte ein Politiker auf keinen Fall machen?

Ich würde mal mit Konrad Adenauer sagen: Sich in eine Lage zu bringen, in der er gar nicht mehr anders kann als in einer bestimmten präjudizierten Weise. Man braucht also ständig gerade für den möglichen Fall, dass die angestrebte Lösung auf gar keinen Fall realisierbar ist, dann auch noch Gestaltungsvarianten. Und deswegen ist Fundamentalismus - als Gegenteil von Kompromissfähigkeit und Kompromissbereitschaft - eine der Untugenden, die in einem demokratisch verfassten Staat die Fähigkeit zur Politik ausschließen.

Im Gespräch Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Zu viele. Wenn ich mich selbstkritisch auf die eigene Laufbahn befrage, dann habe ich einen Fehler sicherlich auch gemacht, den man vielleicht in jüngerem Alter besonders gerne macht, nämlich in Gremien, in die man gerade hineingewählt worden ist, bei besonders wichtigen Fragen die lebens- und alters- und diensterfahreneren Kollegen zu belehren, wie man mit diesen Themen ab sofort sehr viel intelligenter umzugehen hat als bisher. Das fördert die Bekanntheit, aber nicht die Popularität und stabilisiert auch nicht den Wirkungskreis, mit dem man selber Einfluss auf Meinungsbildungen in eigenen Partei- oder Fraktionsgremien gewinnen kann.

Freuen Sie sich, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Immer weniger. Übrigens auch deswegen, weil bei ruhiger und nüchterner Betrachtung ja nicht zu übersehen ist, dass sich das gesamte politische System, die gesamte politische Klasse in Deutschland einer lausigen Reputation erfreuen. Das heißt, das Ansehen von Politik und Parteien, auch von Parlamenten und Regierungen war selten so schlecht wie gegenwärtig. Und alles, was an massiven Fehlern und auch an persönlichen Verfehlungen stattfindet, schlägt mindestens ebenso sehr auf das Konto der allgemeinen Wahrnehmung von Politik wie auf das unmittelbare Konto der jeweiligen Partei oder Gruppierung, in der sich das jeweils ereignet. Auch aus diesem Grunde kann ich an offenkundigen Flops und Fehlern bei der Konkurrenz immer weniger Freude empfinden.

Globalisierung

Als "Politiker" bezeichnet man üblicherweise diejenigen Personen, die im Staat die Macht - nämlich die des Volkes - verwalten. Unsere Frage: Ist das überhaupt noch so? Haben Sie noch "Macht"? Ist die nicht längst in die Vorstandsetagen der Konzerne übergegangen?

Das ist eine gute, aber sehr komplizierte Frage, die man nicht so schlicht mit ja oder nein beantworten kann. Ich will das an zwei Eckpunkten verdeutlichen. Erstens: In Zeiten der Globalisierung organisiert kein Staat mehr verlässlich die eigene Volkswirtschaft, sondern er ist Entwicklungen ausgesetzt, die sich um den Globus herum abspielen und auf die er nur einen begrenzten Einfluss nehmen kann. Das ist der Teil, der in Ihrer Frage auch angesprochen war, nämlich der der "Ökonomisierung" von Politik.
   Auf der anderen Seite setzt die Politik durch Gesetzgebung die Rahmenbedingungen, unter denen ökonomisches Handeln in Deutschland möglich und zulässig ist. Das beginnt bei der Besteuerung - ob überhaupt und, wenn ja, mit welchen Sätzen Umsätze, also Verkäufe, besteuert werden (Stichwort: Mehrwertsteuer), in welchem Umfang und ob gleichmäßig oder gestaffelt Einkommen und Vermögen besteuert werden, ob erworbenes Vermögen steuerfrei vererbt werden darf und, wenn nicht, unter welchen Bedingungen welche Steuerpflichten dann in solchen Fällen anstehen - und geht bis hin zu der Frage, ob überhaupt und in welchem Umfang (jedenfalls bei uns) unternehmensinterne Entscheidungsprozesse auch von Vertretern der Belegschaft beeinflusst werden dürfen (Stichwort: Mitbestimmung).
   Würden Sie also jemanden aus der Wirtschaft fragen, ob er den Eindruck hat, dass die Politik überhaupt noch Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen hat, würde der Ihnen vermutlich sagen: Immer noch viel zu viel! Während ich jetzt unter Berücksichtigung des einen wie des anderen sage: Es gibt viele Dinge, die sind uns zunehmend aus der Hand genommen, weil sie sich international abspielen; aber jeder Versuch, die Frage nach der einen oder anderen Seite glatt zu beantworten, verkennt die komplizierten Realitäten.

Wenn ein Unternehmer Arbeitsplätze schafft - oder abbaut, vernichtet bzw. ins Ausland verlagert - , handelt er damit hochgradig politisch. Wie können Sie als - lediglich auf vier Jahre gewählter - Mandatsträger mit dieser "praktischen Politik", die Fakten schafft, konkurrieren?

Mit diesen Fakten kann ich gar nicht, will ich im Übrigen auch gar nicht, konkurrieren. Aber ich will es mal an einem Beispiel verdeutlichen. Mein Wahlkreis ist Bochum. Der mit Abstand größte industrielle Arbeitgeber meiner Stadt ist die Firma Opel. Jede Standortentscheidung des Unternehmens (die bei genauerem Hinsehen nicht von Rüsselsheim aus getroffen wird, sondern von Detroit aus - so viel zum Thema Globalisierung) führt regelmäßig zu Besorgnissen bei Wählerinnen und Wählern in meinem Wahlkreis, ob davon nicht wiederum die Arbeitsplätze vor Ort in dieser oder jener Weise massiv betroffen sein könnten. Das galt natürlich schon, als damals ein neues Werk in Eisenach errichtet wurde. Es gilt umso mehr, als dann neue Werke in Gleiwitz, in Ungarn und an anderen Standorten - damals noch außerhalb der Europäischen Gemeinschaft - errichtet wurden.
   Auf den ersten Blick sind die Befürchtungen, die mit dieser Standortpolitik von Unternehmen verbunden sind, ja auch mit Blick auf die Arbeitsplatzentwicklung eindrucksvoll bestätigt worden: Opel in Bochum hatte mal etwa 20.000 Beschäftigte und hat jetzt noch etwa 6.000. Aber die ganze Wahrheit ist: Wenn die Firma Opel nicht einen beachtlichen Teil ihrer Aktivitäten an andere europäische und außereuropäische Standorte verlagert hätte, gäbe es keinen dieser 6.000 Arbeitsplätze in Bochum mehr - keinen einzigen, weil nämlich nur durch die Nutzung der jeweiligen Kostenvorteile an unterschiedlichen Standorten das Produkt Pkw zu einem Gesamtpreis erstellt werden kann, den deutsche Käufer (von internationalen Käufern gar nicht zu reden) sich erlauben können und wollen. Ein allein in Deutschland hergestelltes Auto wäre nirgendwo auf der Welt mehr verkaufbar.

Kirche und Politik

Themenwechsel: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Das gehört zu den vielen komplizierten Fragen, die wir heute Morgen miteinander diskutieren. Es gibt einen prinzipiellen Unterschied im Anspruch, und der macht deutlich, dass das eine und das andere eben nicht dasselbe ist. Kirchen, Religionen handeln von Wahrheiten; Politik handelt von Mehrheiten. Das ist erkennbar nicht dasselbe.
   Wenn ich über religiöse Zusammenhänge rede, dann spielen Mehrheiten keine Rolle. Ob etwas "richtig" ist, ist mit Mehrheitsentscheidungen nicht zu ermitteln. - Die Politik beruht umgekehrt auf der Überzeugung, dass niemand Wahrheitsansprüche erheben darf und dass nur das gilt, wofür sich Mehrheiten ausgesprochen haben.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter dann überhaupt in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel jetzt an den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa und seine Äußerungen zur "Krippenpolitik" der Familienministerin von der Leyen.

Es ist völlig in Ordnung, wenn sich Bischöfe auch zu politischen Fragen äußern - so wie ich auch keine Einwände dagegen habe, wenn sich Schriftsteller zu politischen Fragen äußern. Nur: In dem Augenblick, wo ich mich in eine politische Debatte begebe, muss ich mich auch den Spielregeln einer politischen Debatte unterwerfen. Das heißt, dann hat auch ein Bischof keinen Wahrheitsanspruch auf seiner Seite, sondern dann muss für seine Meinung das Gleiche gelten wie für das, was die Familienministerin sagt: Es findet dann statt, wenn es dafür Mehrheiten gibt. Doch es kann nicht der eine von beiden sagen, dies sei gewissermaßen unzulässig, weil "objektiv" falsch.
   Aber ich wünsche ausdrücklich eine aktive Beteiligung der Kirchen auch an politischen Debatten - weniger jetzt an solchen Tagesauseinandersetzungen wie Einkommensteuerreform oder meinetwegen auch dem Renteneintrittsalter; aber dass wir bei Fragen etwa des Lebensschutzes oder der bioethischen Entwicklung den Rat und die Begleitung der Kirchen dringend brauchen, davon bin jedenfalls ich fest überzeugt.

Lassen sich Kirche und Politik immer voneinander trennen? Nehmen wir beispielsweise die Regensburger Rede von Papst Benedikt, die ja unter Muslimen heftige - auch politische - Reaktionen und Kritik ausgelöst hat...

Der Papst hat mit seiner Rede sicher keine politischen Ambitionen verfolgen wollen. Dennoch ist richtig, dass dies natürlich auch ein politisches Ereignis war, weil der große, oft beschworene Dialog der Kulturen und der Religionen erkennbar ja auch etwas mit dem politischen Verhältnis von Ländern zueinander zu tun hat.

Visionen

Erneuter Themenwechsel: Brauchen Politiker Visionen?

Ja. Sie sollten sie nur nicht mit Halluzinationen verwechseln.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Na ja..., ein bisschen natürlich schon. Es wäre im Übrigen auch entsetzlich, wenn man pausenlos, gewissermaßen vom ersten morgendlichen Zähneputzen bis zum letzten, von den eigenen Visionen verfolgt würde. Aber immer wieder das, was sozusagen täglich passiert, in den Zusammenhang von großen Gestaltungsvorschlägen zu stellen, das finde ich schon einen wichtigen Beitrag, den man der Politik abverlangen muss.

Norbert Lammert mit dem Arnsberger Regierungspräsidenten Helmut Diegel Wie sehen Ihre Ziele bzw. Visionen bezüglich der Europäischen Union aus?

Das ist jetzt ein großes Thema. Da kann ich nur zwei Stichworte dazu nennen: Wir brauchen dringend eine überfällige Reform dieser Europäischen Gemeinschaft, um sie überhaupt handlungsfähig zu machen. So, wie sie jetzt verfasst ist, ist sie nicht handlungsfähig. Und wir werden uns zweitens fünfzig Jahre nach ihrer Gründung nicht mehr länger vor der Frage drücken können, ob Europa eigentlich auch Grenzen hat und wo die verlaufen sollen.

Etliche Bundestagsabgeordnete klagen, allzu viele Entscheidungen würden ihnen von der EU - speziell von der EU-Kommission - abgenommen. Welche Ansicht vertreten Sie?

Ich halte das für eine unzutreffende Beschreibung. Richtig ist, dass wir die Europäische Gemeinschaft auch deshalb gegründet haben, weil wir eingesehen haben, dass wir in nationaler Zuständigkeit in diesen internationalen, globalen Entwicklungen unsere eigenen Interessen wirkungsvoll gar nicht wahrnehmen können. Und niemand hat stärker als Deutschland darauf gedrängt, dass dieses europäische System nicht nur ein großer Markt sein soll, sondern eine politische Gemeinschaft. Von Konrad Adenauer über Helmut Kohl bis zu Angela Merkel ist dies immer eine Grundphilosophie deutscher Europapolitik gewesen: Wir wollen nicht nur einen Markt; wir wollen eine politische Gemeinschaft. Und deswegen gehört es zur Logik dieses Gedankens, dass man bereit sein muss, nationale Zuständigkeiten an diese Gemeinschaft zu übertragen.
   Aber das beantwortet nicht ein für allemal die Frage, ob das, was jeweils entschieden werden muss, besser auf nationaler oder besser auf europäischer Ebene entschieden wird. Deswegen streiten wir ja auch im Augenblick beispielsweise um diesen Verfassungsvertrag.

Wenn Sie auf Ihre bisherige politische Arbeit zurückblicken: Haben Sie mehr erreicht - oder mehr nicht erreicht?

Das beantworte ich vielleicht fünf Jahre nach Ausscheiden aus allen politischen Ämtern. Im Augenblick fühle ich mich dazu noch nicht in der Lage.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

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Das Interview wurde am 30.4.2007 in Arnsberg geführt. Die Fragen stellten Sebastian Rabe, Kerstin Rüenauver, Rudolf Graf von Spee und Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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