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Interview

Sylvia Löhrmann, MdL   Sylvia Löhrmann,
Jahrgang 1957,
Mitglied des NRW-Landtags (Bündnis 90/Die Grünen),
Fraktionsvorsitzende

Politische Arbeit

Frau Löhrmann, Sie sind als Mitglied des Landtags, noch dazu als Fraktionsvorsitzende, in einer problematischen Situation. Einerseits sollen Sie als Parlamentarierin - im Zuge der Gewaltenteilung - die Arbeit der Regierung kontrollieren, andererseits sind Sie aber auch Angehörige einer der Regierungsparteien und so zu einer gewissen Solidarität verpflichtet. Wie gehen Sie mit dieser "Doppelbelastung" um?

Ich sehe gar nicht, dass das eine Belastung ist. Es ist klar, dass eine Fraktion, die die Regierung mit stellt, auch in einer Verantwortlichkeit für die Regierungspolitik steht. Die Fraktionen sind zudem diejenigen, die bestimmte Themen vorbereiten, der Regierung als Auftrag geben, damit die Regierung diese Dinge, die die Fraktionen beschließen, auch umsetzt. Insofern ist das keine Doppelbelastung, sondern Teil einer besonders großen Verantwortung.

Ihre Partei ist in eine Koalitionsregierung eingebunden. "Bündnis 90/Die Grünen" sind der kleinere Partner. Macht sich das bei Entscheidungen innerhalb der Regierung bemerkbar? Mit anderen Worten: Wie groß ist das grüne "Gewicht" in der Regierungsarbeit?

Das Gewicht entspricht dem Gewicht, das die Wählerinnen und Wähler uns für die Regierung gegeben haben. Da ist es immer so wie im richtigen Leben, dass man Kompromisse aushandeln muss und dass diese Kompromisse dann hinterher auch gemeinsam getragen werden. Mal schaffen die Grünen es, Dinge durchzusetzen, die ihnen ganz wichtig sind, die sie dann vielleicht sogar zu hundert Prozent durchsetzen können, in anderen Fällen, in denen sich eher der andere Partner durchsetzt, schafft man das etwas weniger. Aber unterm Strich, würde ich sagen, entspricht der Anteil mindestens unserem Wählerpotential, das wir in Nordrhein-Westfalen haben.

Was halten Sie, speziell vor Wahlen, aber auch sonst, von der "Koalitionsdisziplin"? Wie schaffen Sie den Spagat zwischen dem "Schulterschluss mit dem Regierungspartner" und der Profilierung als eigenständiger Partei?

Ich glaube, das kann man sehr gut darstellen, indem man erstens sagt: Das hier ist jetzt unsere gemeinsame Regierungspolitik, darüber haben wir einen Vertrag geschlossen, und diesen Vertrag setzen wir auch um. Manchmal gibt es - zweitens - dann aber auch neuere Entwicklungen, so dass man neue Themen erarbeiten kann, neue Anträge zu gesellschaftlichen Fragestellungen formulieren kann. Und das merken die Menschen dann natürlich, wenn eine Initiative von den Grünen ausgegangen ist. Nehmen wir das aktuelle Beispiel Dieselrußfilter. Da sagen wir: Da müssen wir jetzt was tun! Und wenn man die SPD überzeugt hat, kann man dadurch auch Profil gewinnen. - Oder nehmen Sie die Bildungsfrage, wo im Vorfeld der Wahlen die Parteien jetzt noch mal sagen, was sie in der Zukunft ausgestalten wollen.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Das verantworte ich trotz aller Koalitionsdisziplin nicht!

Das wäre dann erreicht, wenn bestimmte Grundsatzfragen, die vor allem im ethischen Bereich, im Bereich von moralischen Anforderungen liegen, der eigenen Werteorientierung ganz fundamental widersprechen würden. Wenn man das Empfinden hätte, man würde die Weichen völlig falsch stellen, dann würde man, glaube ich, sagen können: Das ist eine Gewissensentscheidung, und bei der Frage möchte ich nicht, dass die Grünen das mittragen.
   Das muss man in einer Partnerschaft dann natürlich auch ausdiskutieren und zu Ende besprechen, ob man nicht doch Lösungsmöglichkeiten findet. Man verlässt ja auch nicht eine Familie oder geht aus einer Partnerschaft heraus, wenn da mal an einer Stelle ein großes Problem ist, sondern man versucht dann gemeinsame Wege zu finden, weil das Gemeinsame eine einzelne Problemfrage letztlich überwiegt.

Wenn Sie auf Ihre bisherige politische Arbeit zurückblicken: Haben Sie mehr erreicht - oder mehr nicht erreicht?

Ich habe in jedem Fall mehr erreicht als nicht erreicht. Das kann man in der Regierung wirklich besser. Deswegen ist es gut, dass sich die Grünen auch zur Regierungsbeteiligung entschieden haben, weil es einem nichts nutzt, in der Opposition die besten Ideen zu haben, Anträge vorzuschlagen, die dann, obwohl sie richtig sind, immer abgelehnt werden, für die man keine Mehrheit erreichen kann, um sie durchzusetzen.

Volks-Vertreter

Ist (bzw. war) Politikerin Ihr Traumberuf?

Nein. Ich hab mir, als ich angefangen habe, mich als Jugendliche beruflich zu orientieren, nie vorgestellt, dass ich Politikerin werde, sondern das hat sich durch mein kommunalpolitisches Engagement ergeben. Ich habe dann aber, als ich angefangen habe, neben meiner beruflichen Arbeit Kommunalpolitik ehrenamtlich zu machen, sehr schnell Freude an der Politik bekommen, daran, dass man etwas gestalten kann; und deswegen würde ich jetzt schon sagen, dass Politik inzwischen mein Traumberuf geworden ist. - Aber in meiner beruflichen Planung stand Politik gar nicht drin; das habe ich mir als Jugendliche nicht vorstellen können.

Wie sind Sie zu den Grünen gekommen?

Ich habe mir in der Schule schon über bestimmte Wertefragen Gedanken gemacht. Ich habe immer die Frage von Gleichberechtigung von Frauen und Männern als persönlich wichtige Fragestellung erlebt - dass Mädchen und Jungen gleichberechtigt sind und Männer und Frauen gleichberechtigt sein müssen. Natürlich hat bei mir auch die Frage der Atomenergie eine ganz große Rolle gespielt - weil ich das nicht für richtig gehalten habe, dass man beschließt, Reaktoren in die Welt zu stellen, von denen man nicht weiß, wie sich das entwickelt, wie gefährlich die sind, und dass es für den Müll, der da produziert wird, bis heute noch keine vernünftige Lösung gibt. Das ist eine Frage, die mich dann, als es die Grünen gegeben hat, dazu geführt hat, mich gerade bei diesen zu engagieren.

Sie sind Mitglied des Landtags, Volksvertreterin. "Repräsentieren" Sie das Volk? Woraus schließen Sie das?

Wir treffen in dem Anspruch, die Menschen zu repräsentieren, ganz oft - das ist das Schwierige an der Politik - Entscheidungen in der Abwägung von Zielkonflikten. Die Gruppe Wirtschaft sagt, wir möchten das so. Dann gibt es Umweltverbände, die sagen, wir möchten das so. Dann gibt es Frauen oder Männer oder diskriminierte Personen, die sagen, wir möchten, dass das hier so entschieden wird. In der Konsequenz muss man ganz intensiv versuchen, sich eine Meinung zu bilden von diesen verschiedenen Interessensgruppen, um dann einen Weg und ein Ergebnis zu finden, das das Gemeinwohl und die Entwicklung des Gemeinwohls am meisten fördert. Das ist der Anspruch. Dabei gibt es immer auch Abwägungen, die das so ausgehen lassen, dass man eine Gruppe auch mal belasten muss. Und trotzdem haben wir den Anspruch, für alle Menschen in Nordrhein-Westfalen verantwortliche Politik zu machen. Das merkt man daran, dass man einerseits Zustimmung erfährt; man erhält aber auch Protestbriefe zu manchen Entscheidungen, und dann muss man sich immer wieder vergewissern: Ist diese Entscheidung unter Berücksichtigung der verschiedenen Ziele und der berechtigten Ansprüche von einzelnen Gruppen im Sinne der Gesamtentwicklung der Zukunftsfähigkeit von Nordrhein-Westfalen unter Abwägung von sozialen Punkten, von ökologischen Punkten oder auch zum Beispiel von Bildungsgerechtigkeit vertretbar?

Es gibt in Deutschland kein imperatives Mandat. Jeder bzw. jede Abgeordnete ist nur seinem/ihrem Gewissen verantwortlich. Angenommen, Ihr Gewissen steht in einer bestimmten politischen Entscheidung erkennbar dem Gewissen derer entgegen, die Sie repräsentieren (und sei dies auch nur die Parteibasis): Wie verhalten Sie sich dann?

Das muss man dann abwägen, je nachdem, in welchem Prozess eine Entscheidung gefallen ist. Bei bestimmten Gewissensfragen ist man ohnehin frei. In der Frage der Gentechnik hat es da mal eine entsprechende Entscheidung gegeben oder auch in der Frage des Paragraphen 218 - das sind so klassische Gewissensfragen. Aber da habe ich persönlich jetzt noch nie die Situation gehabt, dass ich anders abstimmen musste, als die Grünen das in der Beratung entschieden haben. Und in der Koalition hat es nur den Fall der Gentechnik gegeben, der Stammzellenforschung, bei der die grüne Fraktion gesagt hat: Nein, das ist nicht unsere Zielsetzung, und deswegen stimmen wir da auch nicht zu. - Das muss man dann abwägen, das muss man dann auch vermitteln können, warum das eine so gewichtige Frage ist.

Ein beliebter Vorwurf lautet ja, den Volksvertretern fehle es an "Bodenhaftung", sprich: an Kontakt zum "Volk". Wie ist Ihre Antwort?

Wir müssen immer wieder, bevor wir Entscheidungen abschließend treffen, so weit das möglich ist und so gut das möglich ist, versuchen, uns mit vielen Gruppen auszutauschen. Wir erhalten ganz viel Post, in der uns das vorgetragen wird, wie die Menschen das sehen - weiß Gott nicht immer gleichgerichtet, man bekommt da ganz unterschiedliche Hinweise -, und dann muss man das natürlich vor dem Hintergrund der eigenen politischen Auffassung und der Auffassung der grünen Partei, aber auch der Auffassung innerhalb der Koalition abwägen, welches im konkreten Fall die richtige Entscheidung ist.
   Die Grünen veranstalten ganz viele Foren, Fachgespräche, zu denen sie Fachleute und auch die Interessenverbände einladen, etwa im Schulbereich die Elternvertreter, die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrerverbände, oder in anderen Fällen die Wirtschaftsverbände, und dann bilden wir uns auf Grund dieser Foren und dieser Fachgespräche auch unsere Meinung weiter. Politik ist ja nicht statisch, sondern Politik ist ein sehr dynamischer Prozess, weil die Welt sich ja auch ständig verändert.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Man sollte in jedem Fall bereit sein, immer viel Neues aufzunehmen. Und man muss sehr teamfähig sein. Man kann ja nie etwas ganz alleine machen. Ein Parlament ist ja keine Gruppe von Einzelkämpfern, sondern eine Gruppe von Fraktionen, die sich mit bestimmten Zielen zusammengetan haben, und insofern braucht man diese Teamfähigkeit. Man muss durchsetzungsfähig sein. Man muss Frustrationstoleranz haben. Das heißt, manchmal geht's auch nicht direkt, sondern man braucht einen ganz langen Atem, bis Dinge im eigenen Sinne entschieden werden. Man muss soziale Fähigkeiten haben, um sich austauschen zu können. Man muss natürlich in der Öffentlichkeit die Dinge, die man richtig findet und die entschieden sind, auch vertreten können. Also, das ist schon eine ganze Menge von Eigenschaften, die da wichtig sind, damit man erfolgreich ist.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - mit der Bitte, dass Sie mir sagen, ob man die in der Politik braucht?

Bitte sehr.

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Auf jeden Fall.

Altruismus?

Auch.

Populismus?

Das ist sicher eine Eigenschaft, die auch dazugehört. Ich glaube aber, dass es wichtiger ist, deutlich zu sagen, was mit bestimmten Fragestellungen verbunden ist, weil ich glaube, dass man mit Populismus auch auf die Nase fallen, auch scheitern kann.

Kompromissbereitschaft?

Die muss man auch haben, weil man nie alles direkt alleine erreichen kann.

Taktisches Geschick?

Sehr wichtig für Verhandlungsprozesse.

Wille zur Macht?

Ja, den braucht man auch.

Charisma?

Ja.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Das brauchen Frauen offenbar mehr als Männer.

Medienwirksamkeit?

Die braucht man auch, weil man sonst nicht darstellen kann, was wichtig ist, nicht glaubwürdig sein kann. Aber mit dieser Medienwirksamkeit ist kein Schönheitsideal verbunden.

Unverwechselbarkeit?

Dass man authentisch ist und etwas Besonderes ist und nicht wie alle anderen, das ist sicher auch ein wichtiger Punkt, ja.

Muss ein guter Politiker bzw. eine gute Politikerin immer mehrheitsfähig sein? Will heißen: Gibt es Ihrer Einschätzung nach Politiker, die nur in der Opposition wirklich gut sind?

Das gibt es sicher, aber ich persönlich glaube, dass man, auch wenn man bestimmte Themen aus der Minderheit heraus entwickelt, dafür werben muss, dass sie eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung finden.

Sie sind Politikerin. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen in der Politik insgesamt - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle spielen. Wie erklären Sie sich das?

Ja, das ist ja nun ein Punkt, der bei den Grünen ausdrücklich anders ist. Bei den Grünen haben die Frauen immer die Hälfte der Mandate, und manchmal haben wir sogar mehr als die Hälfte. Das prägt auch die Arbeitsweise bei den Grünen, weil Frauen zum Teil schon anders agieren. - Ich erkläre mir das so, dass wir insgesamt nach wie vor in einer Gesellschaft leben, die von männlichen Normen stärker geprägt ist als von weiblichen.

Müssen Frauen in der Politik die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Nein, das müssen sie nicht, und das sollten sie auch nicht, weil ihre Qualitäten oft viel besser und nachhaltiger wirken als das "Augen zu und durch", wie das oft bei Männern der Fall ist - Gott sei Dank nicht bei allen.

Denken Sie an Ihre eigene politische Laufbahn zurück: Wären Sie heute weiter, wenn Sie ein Mann wären?

Das glaube ich nicht.

Fehler

Berauschen sich Politikerinnen und vor allem Politiker gelegentlich an ihrer Macht? Mit anderen Worten: Macht Politik süchtig?

Das ist eine sehr gute Frage. Politik macht insofern süchtig, als das ein so intensiver Betrieb ist, der einem auch so viel abverlangt, dass man davon schon sehr gefangen genommen wird. Andererseits braucht man dafür Phasen, in denen man bewusst auch keine Politik macht, damit man nicht süchtig wird, sondern das kontrolliert betreiben kann.

Welche Fehler sollte ein guter Politiker auf keinen Fall machen?

Er sollte nicht die eigene Meinung absolut setzen, auch wenn er sie selbst für ganz richtig hält.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Politische Fehler sind natürlich gemeint... - Da muss ich jetzt einen Moment überlegen... - Ich habe vielleicht bei manchen Punkten am Anfang zu häufig gedacht, dass man die schnell erreichen kann, ohne lange abzuwägen. Das ist jetzt eher eine abstrakte Antwort. Um es konkret zu machen: Beim Gemeindefinanzierungsgesetz zum Beispiel, das ganz wichtig ist, ein ganz wichtiges Gesetz für alle Kommunen, da habe ich gedacht, das kann man ändern und das ist ganz leicht. Und in Wirklichkeit war es ganz schwer, und man musste berücksichtigen, dass das Grüne in den Städten und auf dem Land völlig anders sehen. Da hätte man einen besseren Beratungsprozess organisieren müssen.

Schätzen Sie es denn, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Das ist vielleicht reizvoll im politischen Schlagabtausch, aber eigentlich möchte ich, dass Politik versucht, insgesamt kompromissorientiert zu arbeiten, und man möglichst viele Gemeinsamkeiten herausarbeitet und an einem Strang zieht, weil man dann natürlich die Chance hat, auch mehr gemeinsam durchzusetzen.

Medien

Politik und Massenmedien - wie passt das zusammen?

Wir leben in einer Mediengesellschaft, und die Massenmedien transportieren die politische Arbeit. Sie transportieren sie aber zum Teil sehr subjektiv und nicht so, dass wir denken, dass das ein gleichmäßiges und gerechtes Bild von der Arbeit vermittelt. Wir kommen ohne die Massenmedien nicht aus und müssen gleichzeitig eine kritische Distanz haben.

Parlamentssitzungen werden im Fernsehen übertragen. Was spricht dafür, was dagegen?

Dafür spricht, dass die Menschen das nachvollziehen können, was im Parlament passiert, und deswegen finde ich das vom Grundsatz her richtig - und da spricht auch nichts dagegen.

Nun wird im Rahmen der Visa-Affäre auch erstmalig aus einem Untersuchungsausschuss live im Fernsehen berichtet. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ich finde es richtig, dass sich die Menschen ein unmittelbares Bild machen und dann auch ein eigenes Urteil bilden können. Es ist jedenfalls besser, als wenn sie das Urteil allein auf Grund von Zeitungsberichten vermittelt bekommen, die dann schildern: Ich habe den und den so wahrgenommen. Man erfährt ja selber gelegentlich, dass Dinge, die man in einer bestimmten Weise gemeint hat und transportieren wollte, ganz anders vermittelt werden, und da möchte man es dann lieber selbst in der Hand haben, das, was gesendet wird, so zu transportieren, wie man meint, dass es richtig ist.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

In jedem Fall. Die Medien haben sehr viel Macht.

Wie beurteilen Sie Plattformen wie "Sabine Christiansen" oder "Berlin Mitte"?

Das sind natürlich Diskussionsforen, die einen hohen Stellenwert haben. Ich glaube aber, dass dort manchmal versucht wird, Politik zu machen, die eigentlich ins Parlament gehört.

Wir sprachen ja eben schon allgemein von dem "Suchtmittel Politik". Nun gibt es unter den Politikern einige ausgesprochene "Medien-Junkies". Deshalb unsere Frage: Ist auch diese Mediensucht spezifisch für Politik?

Zum Teil sicher. Was mich persönlich angeht, bin ich froh, dass ich da noch eine gewisse Distanz habe.

Welches war Ihr übelstes Medienerlebnis?

Das übelste Medienerlebnis, das ich hatte, war, als in Solingen bei der Begräbnisfeier von fünf türkischen Frauen bzw. Mädchen die Medien sehr aggressiv zum Beispiel die Särge der Kinder gefilmt haben. Übel war auch, dass die Medien Jugendlichen Geld gegeben haben, damit sie randaliert haben, damit die Medien die Bilder produzieren konnten, die sie haben wollten. Das hat nicht mich persönlich betroffen, aber das habe ich in Solingen, wo ich herkomme, als ganz schlimm empfunden. Es gab keine Randale mehr; die Medien wollten aber Randale zeigen, und da haben sie Jugendliche dafür bezahlt, dass die beispielsweise Fensterscheiben eingeschmissen haben.

Und was war Ihr persönlich schönstes Medienerlebnis?

Das sind Sendungen, in denen man in Ruhe Dinge erklären kann, wo man weiß, die werden auch so im Zusammenhang gesendet. Und dann freut man sich natürlich über Porträts, in denen über die Persönlichkeit und die politische Arbeit ganzheitlich berichtet wird, wo man mit dem Wohlwollen rechnen kann, seine Ziele darstellen zu dürfen und zu können.

Jugend und Politik

Trotz aller Medienpräsenz der Politiker (vielleicht aber auch gerade deswegen) scheint das Ansehen der Politik und der Politiker lädiert zu sein. Wir haben kürzlich eine Umfrage an unserer Schule gemacht. Darin gab ein Viertel der Befragten an, dass Politik ein "schmutziges Geschäft" sei, knapp die Hälfte fand diese Aussage immerhin teilweise richtig. Gerade mal 9 Prozent können sich vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen, bei den weiblichen Befragten waren es gar nur 5 Prozent. In einer politischen Partei oder Jugendorganisation sind gerade einmal 3 Prozent der etwa 280 Mitschüler, die wir befragt haben. Was sagen Sie dazu?

Ja, das erkläre ich mir so, dass wir zum Teil eine hohe Politikverdrossenheit haben - oder auch eine Politikerverdrossenheit. Das ist sehr, sehr schade, weil es in der Politik tatsächlich so ist, dass es, wie in jedem anderen Beruf letztlich auch, ein paar schwarze Schafe gibt, die sozusagen die Akzeptanz der gesamten Gruppe schlecht machen.
   Hinzu kommt, dass die Medien natürlich gerne über Skandale berichten, aber gar nicht so gerne über die alltägliche Arbeit. Es ist viel zu wenig bekannt und wird viel zu wenig erlebt, wie Politik arbeitet. Deswegen ist es wichtig, dass wir daran etwas tun, dass wir auch viele junge Menschen immer wieder einladen, mit ihnen diskutieren. Das macht der Landtag hier sehr offensiv. Das machen auch wir Grünen sehr offensiv: Wir haben ganz viele Praktikanten, und wenn die das hier mitkriegen, dann finden die das eigentlich toll; dann ist es eher die hohe Arbeitsbelastung, die sie sagen lässt: Oh, das möchten wir jetzt doch lieber nicht machen, weil wir nicht gedacht hätten, dass das so viel Arbeit ist!

Mit welchen Argumenten würden Sie für das politische Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener werben?

Weil das ganz toll ist, dass man selbst etwas in die Hand nehmen und sich überlegen kann: Was möchte ich verändern? Und weil es wichtig ist, dafür einzutreten und es dann auch umzusetzen.

Kennen Sie die Gegenargumente der Jugendlichen?

Hm. Das ist das Bild von Politik. Das ist die Vorstellung, dass man diesen ganz langen Atem haben muss, dass das nicht so schnell geht, wie Jugendliche das gerne möchten, und dass es vielleicht auch nicht so "in" ist, sich so lange in solche Prozesse hineinzubegeben, die ja dann doch hier zum Beispiel eine Legislaturperiode über fünf Jahre bedeuten. Es fällt halt schwer, sich zu entscheiden: Ich will jetzt fünf Jahre ganz intensiv an etwas arbeiten. - Aber es gibt da in den Jugendorganisationen ja durchaus auch Entwicklungen, zum Beispiel Schnupperkurse, durch die man da auch mal reingucken kann, ohne sich direkt für etwas ganz Dauerhaftes zu entscheiden.

Die Grünen galten früher einmal als Partei bzw. Hoffnungsträger der jungen Leute. Inzwischen sind sie ein bisschen in die Jahre gekommen. Deshalb unsere Frage: Wie werden die "Jungen" in Ihrer Partei Ihrer Erfahrung nach von den "Älteren" betrachtet: eher mit Hoffnung oder eher mit Argwohn?

Auf jeden Fall mit Hoffnung. Uns ist ganz wichtig, dass wir eine aktive Jugendorganisation haben. Die haben wir auch; wir haben zudem in den letzten zwei Jahren wieder einen Trend, dass es bei den Grünen auch wieder mehr junge Leute gibt, die sich engagieren wollen und die dann natürlich auch in Ämter streben. Wichtig ist, dass man eine Jugendorganisation hat, die sehr aktiv ist und die im Übrigen den Freiraum von der Partei gewährt bekommt, dass sie in manchen Punkten radikaler oder auch einfach nur anders sein darf.

Visionen

Brauchen Politikerinnen bzw. Politiker Visionen?

Ja, in jedem Fall! Wenn man nicht auch weitgesteckte Ziele hat, dann verheddert man sich im Alltagsgeschäft. Deswegen ist es ganz wichtig, auch über das Tagtägliche hinaus oder über eine Wahlperiode hinaus sich ganz frei zu machen für die Frage: Wie würden wir uns das denn in zwanzig Jahren vorstellen wollen, wie soll das denn dann aussehen? - Und dann muss man überlegen, wie können wir das herunterbuchstabieren, um dann Schritte zu entwickeln, damit man für diese Ideen Menschen findet und begeistern kann.

Frisst der politische Alltag die Visionen manchmal auf?

Eigentlich nicht. Man muss das dann trennen. Man muss unterscheiden können, was eine Vision und was Alltagsgeschäft ist, um dann realistisch einzuschätzen, dass man die Visionen nicht von heute auf morgen erreichen kann. Da hilft dann ein ganz nüchterner und sachlicher Blick.

Haben sich die Visionen, die es in Ihrer Partei vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren gab, gehalten oder gar verwirklicht - oder womöglich verändert?

Manche haben sich verwirklicht, zum Beispiel die Einleitung des Atomausstiegs. Bei anderen ist es schwerer geworden durch Ereignisse, die wir uns so nicht vorgestellt haben, zum Beispiel durch den 11. September. Dass es ein dermaßen terroristisches Potenzial gibt, das die Welt so massiv angreift, hat uns natürlich die Frage von friedlicher Konfliktlösung ganz neu diskutieren lassen - in einem ganz schmerzhaften Prozess. Dann merkt man plötzlich, man muss hier vielleicht sogar verteidigungspolitisch in einer Weise agieren, wie man das, wenn man ganz allein auf der Welt wäre und ganz allein entscheiden könnte, nicht tun würde. Man weiß aber, dass man das jetzt tun muss. Andererseits weiß man aber auch, dass man trotz der harten Entscheidung auch Fragen von ziviler Konfliktbearbeitung, von einer Weltpolitik, die an Afrika denkt, die an Menschen denkt, die natürlich den gleichen Lebensstandard haben wollen wie wir, weiter entwickeln und lösen muss, damit die Welt insgesamt sich doch auf die Vision der "Einen Welt" hin entwickelt.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: "Ich höre als Politikerin auf"?

Den kann ich mir im Moment eigentlich nicht vorstellen, weil ich glaube, das politische Geschäft so gut zu kennen, dass es in jedem Fall wert ist, daran zu arbeiten - und weil ich auch grundoptimistisch eingestellt bin. Das müsste, glaube ich, schon ein Zusammentreffen von vielen persönlichen Dingen in meinem persönlichen Umfeld sein.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde verwirklichen, dass es eine Schule für alle Kinder gibt, in die alle Kinder gehen, nach skandinavischem Muster, damit wir dadurch bessere Schulabschlüsse für viel mehr Kinder erreichen.

Das Interview wurde am 20.4.2005 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Kerstin Rüenauver, Jonas Warns und Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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