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Medienreaktionen

Siegener Zeitung vom 11.9.2009

"Fordert, fragt und wählt"

Podiumsdiskussion vor 400 Schülern über Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft

Kurzweilig, spannend und unterhaltsam: Eine gut vorbereitete Veranstaltung gegen die Politikverdrossenheit.

  Gäste - Foto (c) win
Setzten sich nach der Podiumsdiskussion gut gelaunt zum Erinnerungsfoto (v. l.): Johannes Vogel, Hartmut Schauerte, Ulrich Schröder und Willi Brase.
Attendorn. Rund 400 Schülerinnen und Schüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums verfolgten gestern im Forum der Einrichtung eine Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Gästen: Auf Einladung der Sozialwissenschafts-Kurse waren die beiden Bundestagsabgeordneten Hartmut Schauerte (CDU) und Willi Brase (SPD) gekommen, der erste Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, der zweite Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Siegen-Olpe-Wittgenstein. Ebenfalls am Podium: Johannes Vogel, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen und FDP-Direktkandidat im Wahlkreis Olpe/Märkischer Kreis I, und Ulrich Schröder, Marketing-Geschäftsführer der Firma Kirchhoff Automotive. Thema der Podiumsdiskussion: Politik und Wirtschaft.

Per Videokamera hatten die Schülerinnen und Schüler in der Attendorner Innenstadt Passanten befragt und als Ergebnis mitgebracht, dass die meisten von einer Krise gar nichts spüren. In der Tat sei diese bei vielen noch nicht angekommen, so Schauerte, doch dies liege daran, dass die Firmen dank der beispielhaften Kurzarbeits-Regelung nicht gleich mit Entlassungen reagiert hätten. Die Renten seien sogar gestiegen; in Verbindung mit der stagnierenden Inflation sei bei den Rentnern die Kaufkraft sogar gestiegen. Willi Brase wurde zur Arbeit der Großen Koalition befragt und fand, diese leiste bessere Arbeit als in der Presse dargestellt. Er gab aber zu bedenken, dass Schauertes Darstellung nicht ganz zutreffe: Jeder Kurzarbeiter spüre die Krise Monat für Monat im Geldbeutel. Die Probleme der Großen Koalition seien nicht anders als bei jeder anderen Koalition auch.

Warum er mit 27 für den Bundestag kandidere, wurde Johannes Vogel befragt. "Bei dieser Wahl entscheiden sich viele Dinge, da will ich Verantwortung übernehmen", so der Jungliberale aus Wermelskirchen.

Voll des Lobes für die Arbeit der Koalition zeigte sich Ulrich Schröder. Er habe in 40 Jahren noch kein so konzertiertes Vorgehen erlebt, um die Auswirkungen einer Krise auf den Einzelnen abzufedern. Speziell der Mittelstand könne und müsse ohne staatliche Hilfen auskommen, verlange aber Rahmenbedingungen, die in der EU gleiche Voraussetzungen schafften.

Schröder und Vogel bewerteten die Abwrackprämie unterschiedlich: Schröder lobte die Initiative ausdrücklich; Vogel verurteilte vor allem die kurzfristige Aufstockung des Programms von 1,5 auf 5 Mrd. Euro. Das habe bei anderen Branchen Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllt werden könnten. Die Hilfe für Opel verteidigte Schauerte: Der Staat habe hier die Funktion übernommen, die bei anderen Autoherstellern die deutschen Konzerne erfüllten. Schröder erklärte, auch die deutsche Politik müsse akzeptieren, dass die Entscheidung für oder gegen einen Verkauf von Opel beim Mutterkonzern GM liege, und dem dürfe es sicherlich schwerfallen, sein Tafelsilber zu veräußern. Vogel widersprach: Es sei eine Entscheidung mit Blick auf die Wahlen gewesen, Opel zu helfen. An Schauerte gewandt, erklärte er: "Auch Ihr Chef, Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg, wäre ja für eine Insolvenz gewesen und hat nur unter dem Druck der Koalitionsräson eingelenkt." Willi Brase gab zu bedenken, dass bei einer Insolvenz immer auch Arbeitnehmer auf der Strecke blieben.

Relativ einig waren sich die Diskutanten in Sachen Bankenkrise. Vor allem Willi Brase räumte ohne Wenn und Aber ein, dass die Politik Fehler gemacht habe und Hinweisen nicht rechtzeitig gefolgt sei.

Nach dem Betrachten des Films, den Attendorner Schüler in Köln gedreht hatten, als sie angeblich ihre Wählerstimmen zum Verkauf anboten, wurden die Politiker gefragt, woher ihrer Meinung die allgemeine Wahlmüdigkeit rühre. Schauerte erklärte, offenbar liege dies darin begründet, dass die Menschen in Deutschland sich sicher fühlten nach dem Motto "So richtig kann mir nichts passieren." Dabei gebe es zwar eine Bringschuld der Politiker, aber auch eine Holschuld der Bürger. Brase fand, die Distanz zur Politik komme zum einen von den Skandalen und Verfehlungen, "die ja da sind, da gibt es nichts zu widersprechen". Er appellierte an die Schüler: "Wenn Sie alle hier nicht wollen, dass wir Ihnen sagen, was Sie tun sollen, dann müssen Sie selbst aktiv werden – wenn nicht in der Politik, dann in der Feuerwehr oder anderswo."

Für die Beantwortung der Schlussfrage erhielt Ulrich Schröder viel Applaus. "Gehen Sie wählen?" wurde der Manager gefragt. "Ja sicher", so seine Antwort: Er sei nach wie vor ein großer Fan der "68er", "aber nicht der Krawallmacher, sondern der Reformer." Noch heute denke er mit Freude an Willy Brandts Ansage "Mehr Demokratie wagen". An die Schüler gab er die Empfehlung: "Fordert, fragt und wählt."

Siegener Zeitung, Nr.211 (11.9.2009), S.6.
Auch im Internet unter:
http://www.siegener-zeitung.de/news/sz/de/olpe/3/artikel/95/8222fordert-fragt-und-waehlt8220.html


©  win (Siegener Zeitung), Siegen/Olpe und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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