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Medienreaktionen

Siegener Zeitung vom 28.4.2005

"Münte" auf den Zahn gefühlt

SPD-Chef zu Gast in Attendorner Gymnasium / Politiker zeigte sich offen und locker

Attendorn. Das Medienaufgebot und die Polizeipräsenz vor dem St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn sprachen gestern eine deutliche Sprache. Hier wurde mehr als Lokalprominenz erwartet. Pünktlich fuhr um 12.30 Uhr der Wagen von Franz Müntefering vor. Der SPD-Partei- und Fraktionschef im Bundestag war der Einladung von Attendorner Schülern gefolgt und stellte sich Fragen zum Thema "Traumjob Politiker".

Souverän saßen Stefan Röben, Kerstin Rüenauver, Niklas Bein, Julia-Kristin Klein und Jonas Warns am Moderatorentisch. Keine Nervosität bei den fünf Schülern der 10. Klasse. Schließlich hatten sie schon einige Interviews mit Politikern im Rahmen des Wettbewerbs "Join Multimedia" geführt. So fühlten sie in den letzten Wochen den Bundestagsabgeordneten Hartmut Schauerte (CDU) und Willi Brase (SPD), NRW-Schulministerin Ute Schäfer (SPD), NRW-CDU-Generalsekretär Jochen Reck, NRW-SPD-Generalsekretär Michael Groschek sowie aktuellen Landtagskandidaten und Angehörigen außerparlamentarischer Gruppen auf den Zahn.

Ziel der Aktion: Im Rahmen des Wettbewerbs, den die Firma Siemens als Teil des Förderprogramms "Jugend und Wissen" ausschreibt, soll ein multimedialer Beitrag eingereicht werden. Auch hier sind die Attendorner Schüler schon fast Routiniers. In den beiden vergangenen Jahren erreichten sie mit den fast 100 Megabyte umfassenden Produktionen "Helden auf Abruf" und "Projekt Erde 2093" jeweils den dritten Platz bundesweit. Gestärkt durch diese Erfahrungen, war der Umgang mit Franz Müntefering, der als gebürtiger Sunderner in Attendorn fast ein Heimspiel hatte, locker, und Projektleiter Frank Kugelmeier war stolz auf seine Schüler. Auch dessen Tochter Anna Carla aus der 6. Klasse meisterte ihren ersten Einsatz als Tontechnikerin mit Bravour.

"Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Erfolg zu haben?", wollten die Schüler vom SPD-Parteichef wissen. "Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortung", griff Müntefering Worte des Soziologen Max Weber auf. "Leidenschaft als Impuls, etwas besser machen zu wollen. Augenmaß, um zu wissen, dass man manches erreichen kann, aber nicht alles. Verantwortung zu übernehmen nicht nur für sich, sondern für dieses Land." Warum die Frau quantitativ immer noch eine untergeordnete Rolle in der Politik spiele, war eine weitere Frage. Müntefering schob diese Tatsache auf das erst 1918 eingeführte Wahlrecht für Frauen. Inzwischen seien jedoch 30 Prozent der Parteien weiblich besetzt. Doch er gab zu: "Da ist noch etwas aufzuholen. Frauen können das genauso gut wie Männer." Die Schüler setzten noch was drauf: "Wären Sie dort, wo Sie heute sind, wenn Sie eine Frau wären?" Müntefering dachte kurz nach. "Keine Ahnung", meinte er ehrlich.

Ebenso wollten die Jugendlichen wissen, welche Fehler ein guter Politiker nicht machen darf. Spontane Antwort von Müntefering: "Eine Wahl verlieren." Doch er schob nach: "Er sollte sich nicht von Vorurteilen leiten lassen, sondern sich seine eigene Meinung machen." Ob er schon viele Fehler gemacht habe, wollten die Schüler wissen. Der Spitzenpolitiker scherzte: "Das würde zu lange dauern, um das aufzuzählen." Und fügte diplomatisch an: "Jeder Mensch macht jeden Tag Fehler." Zu empfehlen sei eine gesunde Mischung von Selbstkritik und Selbstbewusstsein. Ob er denn einen so genannten Lieblingsfehler habe, also einen Fehler, den er immer wieder machen wollte, ließen die Jungen und Mädchen nicht locker. "Meine größte Stärke ist Gelassenheit", antwortete der Bundestagsabgeordnete. "Meine größte Schwäche ist aber auch Gelassenheit. Ich habe manchmal zu wenig Lust, mich aufzuregen."

Das Projektteam konfrontierte den Politiker mit einem nicht so schönen Ergebnis: Bei einer Umfrage zum Thema Jugend und Politik hatte von 280 Schülern ein Viertel der Befragten Politik als schmutziges Geschäft bezeichnet. "Wie kommt das?", wollten sie wissen. Müntefering gab zu, dass die Meinung über Politik eine negative Wendung genommen habe. Er appellierte an dieser Stelle, nicht an Urteilen und Vorurteilen festzuhalten, sondern mitzubestimmen. Genauso begann seine politische Karriere nach seiner Lehre als Industriekaufmann. "Als ich 20 Jahre alt war, bekam ich mit, dass die Stadt dem Kino am Ort 100 oder 200 Mark im Jahr dafür bezahlte, dass bestimmte Filme nicht gespielt wurden. Das habe ich aufgegriffen, habe mich mit dem Rat rumgezankt, und plötzlich wurden alle Filme gezeigt. Sie sehen, es lohnt sich, mitzumischen", sprach der Politiker den Jugendlichen Mut zu. "Demokratie braucht Partei. Man kann etwas verändern, man muss sich nur durchsetzen."

Nach dem Interview
SPD-Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering stellte sich gestern zahlreichen Fragen von Schülerinnen und Schülern des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn.

Siegener Zeitung vom 28.4.2005, S.11


©  Marianne Möller (Siegener Zeitung), Siegen/Olpe und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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