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Medienreaktionen

Spiegel Online vom 28.4.2005 (Auszug)

Münte und wie er die Welt sieht

Wahlkampftour im Sauerland

Mit seiner Kapitalismuskritik hat Franz Müntefering den Nerv seiner Partei getroffen. Auf einer Tour durchs heimatliche Sauerland kultivierte der SPD-Chef den neuen Münte-Sound. [...]

Müntefering ist auf Wahlkampftour im Sauerland. Vier Stationen, 300 Kilometer über kurvige Landstraßen, ein mörderisches Programm. 25 Tage sind es noch bis zur Landtagswahl, und der Parteichef schenkt sich nichts. Das Sauerland ist seine Heimat, das weiß jeder, und wer es nicht weiß, den erinnert Müntefering gern daran. Bei keinem Auftritt fehlt der Hinweis auf die "katholische Volksschule Sundern", die er bereits mit 14 verlassen musste, weil seine Eltern lieber ein Haus bauen wollten, als das Schulgeld zu bezahlen.

Wo er in diesen Tagen hinkommt, gibt es nur ein Thema: die Kapitalismuskritik. [...] Er wird wieder Münte genannt, seit er für Recht und Ordnung auf dem deutschen Arbeitsmarkt kämpft.

Immer wieder erzählt er von der Anzeige in einer ostdeutschen Zeitung, in der für eine Niedriglohnregion geworben wird. Die hat ihn aufgeregt. 173 Stunden für 800 Euro brutto, umgerechnet 4,60 Euro pro Stunde. Das sei mit der SPD nicht zu machen, sagt Müntefering. Und gleich verweist er auf die Ausweitung des Entsendegesetzes, die das Kabinett im fernen Berlin am selben Tag beschlossen hat. Das Gesetz wird am Widerstand der Union scheitern und nie in Kraft treten, doch Müntefering erzielt den gewünschten Eindruck: Die SPD erscheint als Schutzmacht der kleinen Leute.

In Attendorn redet er vor Zehntklässlern des katholischen St.-Ursula-Gymnasiums. Er hilft bei einem Multimedia-Projekt mit dem Titel "Traumjob Politiker?". Es sei kein Wahlkampfauftritt, wie der Schulleiter betont, doch es dauert nicht lange, da geht es um die Globalisierung. Ob Müntefering als Politiker denn überhaupt noch Macht habe, fragt eine Schülerin. Die sei doch längst in die Vorstandsetagen abgewandert. "Das Geld ist weltweit unterwegs, aber wir können nur Gesetze für Deutschland machen", stimmt Müntefering zu, "das ist ein Problem." Eigentlich bräuchte man eine Weltregierung.

"Die Börse ist nie mehr zu", fährt er fort und illustriert den Wandel der Zeit mit einem Beispiel aus dem Sauerland. "In meiner Jugend konnte man auf der Straße Fußball spielen. Ab und zu kam ein Auto. Heute würde man platt gefahren." Das Tempo, das die Globalisierung mit sich bringt, behagt ihm nicht. "Diese Kurzatmigkeit, die muss da raus", sagt er.

Der neue Münte-Sound kommt an - zumindest bei denen, die zu den Veranstaltungen kommen. Darüber hinaus jedoch scheint die Rückkehr zur Tradition nicht so zu verfangen wie erhofft. In den Umfragen ist der Abstand zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen nicht kleiner geworden, seit Müntefering in einer Grundsatzrede vor zwei Wochen die "Macht des Kapitals" geißelte. Im Gegenteil: In der neuesten Emnid-Umfrage liegt das Regierungslager elf Prozent hinter der Opposition. Die SPD sackt als einzige Partei einen weiteren Prozentpunkt ab. Zwei Drittel der Befragten nehmen Münteferings Vorstoß nicht ernst. Sie glauben, er betreibe nur Wahlkampf. [...]

Spiegel Online vom 28.4.2005, 13.00 Uhr [gekürzt]
(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,353843,00.html)


©  Carsten Volkery (Der Spiegel), Hamburg/Sundern und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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