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Medienreaktionen

Sonntags-Anzeiger vom 1.5.2005

"Ich habe manchmal zu wenig Lust, mich aufzuregen"

Schülerinnen und Schüler aus Attendorn fühlen für ein Projekt Franz Müntefering auf den Zahn

Attendorn. Den Fragen von fünf Schülerinnen und Schülern des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn stellte sich am Mittwoch MdB Franz Müntefering. Im Rahmen des europaweiten Siemens-Wettbewerbs "Jugend und Wissen" erarbeiten Stefan Röben, Kerstin Rüenauver, Niklas Bein, Julia-Kristin Klein und Jonas Warns aus der Klasse 10 derzeit einen multimedialen Beitrag zum Thema "Traumjob Politiker".

Der Umgang mit "Münte" war locker und freundlich. Von Nervosität der Schüler keine Spur. Schließlich bewegt sich das Projektteam schon seit Wochen in hohen Politikerkreisen. Und so ließen sie jede Menge Fragen los.

  Während des Interviews
  Den Fragen von Schülerinnen und Schülern des St.-Ursula-Gymnasiums unter Projektleitung von Frank U. Kugelmeier stellte sich SPD-Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering (MdB).

Wie sehen Sie sich in Ihrer Rolle als Repräsentant? Gibt es Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Haben Sie mehr als Ihr Ziel erreicht oder weniger? Welche Voraussetzungen braucht ein Politiker, um Erfolg zu haben? Wie gewinnt man Vertrauen? Warum spielen Frauen in der Politik quantitativ eine untergeordnete Rolle? Welche Fehler sollte ein guter Politiker nicht machen?

Der SPD-Partei- und Fraktionschef gab postwendend Antwort und hatte im Vorfeld auf den Fragenkatalog verzichtet. Er habe acht Jahre lang die Volksschule in Sundern besucht und danach eine Lehre als Industriekaufmann gemacht.

Bis zu seinem 18. Lebensjahr habe er Fußball gespielt, sich danach aber mehr für das weibliche Geschlecht interessiert. Zur Politik kam er durch eine Begebenheit am Ort. Die Stadtverwaltung Sundern habe seinerzeit dem Kino jährlich 100 bis 200 Mark dafür bezahlt, bestimmte Filme nicht zu spielen. "Münte" fand das unmöglich, zoffte mit dem Stadtrat und brachte den Stein ins Rollen. Schließlich wurden die Filme gespielt. Deshalb appellierte er an die Jugend: "Bestimmen Sie mit. Man kann etwas verändern, man muss sich nur durchsetzen."

Seine Aufgabe sei es, die Tradition der Partei hoch zu halten und Ideen, Anstöße und Anregungen zu geben. "Eine Demokratie ist keine Veranstaltung von Harmonie", so der Parteichef. Deshalb müssten oft Kompromisse gefunden werden. Er habe eine Menge erreicht, so Müntefering, und es habe sich gelohnt.

Natürlich habe er auch Enttäuschungen einstecken müssen. In diesem Beruf sei eben Ausdauer gefragt. "Um Erfolg zu haben, muss man Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortung mitbringen", griff Müntefering Worte des nationaldemokratischen [?] Soziologen Max Weber auf. "Leidenschaft ist Impuls, etwas besser machen zu wollen. Augenmaß, um zu wissen, dass man manches erreichen kann, aber nicht alles. Verantwortung zu übernehmen nicht nur für sich, sondern für dieses Land."

Um Vertrauen zu gewinnen, müsse man kein Experte, sondern eine Persönlichkeit sein. Wie Johannes Rau, von dem er viel gelernt habe. Zurzeit seien 30 Prozent der Parteien weiblich besetzt, aber hier sei in der Tat etwas aufzuholen, gab "Münte" zu. "Wären Sie auch dort, wo Sie jetzt sind, wenn Sie eine Frau wären?", wollten die Schüler wissen. "Keine Ahnung", gab der 65-Jährige zu.

Auf keinen Fall dürfe ein Politiker den Fehler machen und sich Vorurteilen beugen, sondern man sollte sich stets eine eigene Meinung machen. Auf die Frage nach seinem "Lieblingsfehler" antwortete der Spitzenpolitike ehrlich: "Meine größte Stärke ist Gelassenheit. Mein größte Schwäche ist aber auch Gelassenheit. Ich habe manchmal zu wenig Lust, mich aufzuregen."

"Wenn eine gute Fee einen politischen Wunsch sofort erfüllen würde, wie würde der lauten?", war die Schlussfrage: "Münte" schwebte zwischen Freiheit und Frieden, entschied sich aber für den Frieden. "Fast alle anderen Politiker haben diese Frage mit 'Verbesserung des Arbeitsmarktes' beantwortet", meinte dazu Projektleiter Frank U. Kugelmeier.

Nach dem Interview hatten auch die anderen Schüler in der Aula Gelegenheit, Fragen zu stellen. Einheitsschule, Immissionsschutz und die Kapitalismuskritik der SPD waren Themen. Für Stefan Röben, Kerstin Rüenauver, Niklas Bein, Julia-Kristin Klein und Jonas Warns sowie Anna Carla Kugelmeier (Tontechnik) ging die journalistische Recherche gleich danach in Düsseldorf beim FDP-Landesvorsitzenden Andreas Pinkwart weiter.

Bis Mitte Mai stehen noch weitere Gespräche mit Politikern an, doch die meisten Interviews haben die Schüler schon "im Kasten". So besuchten sie MdB Hartmut Schauerte (CDU), MdB Willi Brase (SPD), NRW-Schulministerin Ute Schäfer (SPD), NRW-CDU-Generalsekretär Jochen Reck, NRW-SPD-Generalsekretär Michael Groschek sowie aktuelle Landtagskandidaten wie Reinhard Jung (SPD) und Theo Kruse (CDU) sowie Angehörige außerparlamentarischer Gruppen.

Bis Juni werden die Ergebnisse zu einem multimedialen Beitrag zusammengefasst und zu Siemens geschickt. Auch hier sind die Schüler bereits Routiniers. In den beiden vergangenen Jahren erreichten sie mit den fast 100 MB umfassenden Produktionen "Helden auf Abruf" und "Projekt Erde 2093" jeweils den dritten Platz bundesweit. Vielleicht ist in diesem Jahr noch eine Steigerung drin.

Sonntags-Anzeiger vom 1.5.2005, S.3/OE


©  Marianne Möller (Sonntags-Anzeiger), Siegen/Olpe und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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