Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Medienreaktionen

Der Spiegel vom 2.5.2005 (Auszug)

Der Hütehund

Franz Müntefering tourt als Wahlkämpfer durch das Sauerland. Der Sozialdemokrat ist zurück an seiner Basis

Leise schnurrt die Limousine den Hang hinauf. "Ziel erreicht", sagt das Navigationssystem, 57439 Attendorn im Sauerland, St.-Ursula-Gymnasium. Aus dem Fond klettert ein Mann, der heute Morgen mit dem Flugzeug aus Berlin kam, er landete in Düsseldorf und musste mit dem Auto weiter. 136,1 Kilometer bis Attendorn, unterwegs waren viele Kurven.

Er ist 65 Jahre alt. Aber er sieht so aus, als wäre er gerade dem Bade entstiegen. Er hat rosige, glatt rasierte Haut.

Er federt. Er geht nicht, er federt. In einer Aula warten Schüler auf ihn, er soll ihnen seine Welt erklären. Er setzt sich auf einen Stuhl, an der Wand hängt ein Kruzifix, der leidende Heiland sieht auf ihn herab. Franz Müntefering lächelt wohlig.

Draußen wartet die Limousine. Das nächste Ziel ist gespeichert, 57334 Bad Laasphe. Er hat anderthalb Stunden Zeit. Vor ihm liegt ein Zettel, den er in der Mitte gefaltet hat. Seine Welt passt auf einen halben Zettel, sie ist übersichtlicher geworden.

Die Zeiten haben sich geändert, sagt er. Früher konnte man auf der Straße Fußball spielen, heute geht das nicht mehr, heute wird man sofort platt gefahren. Er ist bei der Globalisierung.

Was heißt das, Globalisierung? Globalisierung heißt: Das Geld ist entgrenzt. Weltweit unterwegs. Die Börsen haben rund um die Uhr geöffnet. Macht die in Tokio zu, macht die in Frankfurt auf. Aber es ist nicht richtig, wenn das Geld alles beherrscht. Es gibt anständige Unternehmer und unanständige Unternehmer. Die anständigen Unternehmer gehen nicht ins Ausland, weil die Steuern niedriger sind, und denken an ihre Leute. Die unanständigen Unternehmer sind in der Welt unterwegs, sie gucken, wo man was aufkaufen kann, und ziehen einfach weiter.

Müntefering schaut auf die Uhr, anderthalb Stunden sind schnell vorbei.

Was kann man tun gegen die Unanständigen?, fragt er. Man muss die Anständigen stärken. Die Anständigen brauchen eine Schutzmacht, die heißt SPD. Und die SPD braucht einen Hütehund, und das ist er.

Es ist 14 Uhr, Franz Müntefering muss weiterziehen. Er steckt seinen Zettel ins Jackett und federt hinaus, er winkt noch einmal, dann ist er weg. [...]

Der Spiegel, Nr.28 (2.5.2005), S.30-34 [gekürzt]


©  Matthias Geyer (Der Spiegel), Hamburg und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter