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Medienreaktionen

Süddeutsche Zeitung vom 4.10.2005

Die einfachen Fragen stellen

Wie eine Schulkasse aus Attendorn eine wichtige Rolle im Bundestagswahlkampf spielte

Bei seinem Auftritt in Siegen hat es Linkspartei-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine besonders eilig. Kaum angekommen, eilt er hektisch vorbei an seinen Fans, vorbei an den Kamerateams und vorbei an den Reportern, in ein kleines Cafe, wo eine Handvoll Schüler warten. Oskar Lafontaine hat einen Termin mit der 10. Klasse des St.-Ursula-Gymnasiums aus Attendorn im Sauerland; mitten in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs. Die Schüler fragen und die Profis müssen draußen warten. Alles für ein Schulprojekt über das Berufsleben deutscher Politiker.

  Gewinnerteam und Jurymitglied Johanna Wanka
Journalistisch anspruchsvoll: Die Schüler der 10. Klasse des St.-Ursula-Gymnasiums aus Attendorn wurden für ihre guten Interviews ausgezeichnet.
 
Lehrer Frank U. Kugelmeier erzählt diese Geschichte gerne. Sie zeigt wunderbar, wie groß sein kleines Multimediaprojekt geworden ist. Monatelang interviewten seine Schüler Minister und Abgeordnete, große Polit-Stars und lokale Hinterbänkler. Das Ergebnis: eine beeindruckende interaktive Multimedia-Show mit dem Titel "Traumjob Politiker?" Dafür wurde das Team nun mit dem ersten Preis beim Wettbewerb "Join Multimedia 2005" der Siemens AG ausgezeichnet.

1380 Teams aus 28 Ländern hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt. Die drei Jungs und zwei Mädchen vom St.-Ursula-Gymnasium waren in ihrer Altersklasse die besten. Zuerst interviewten sie eher unbekannte Lokalpolitiker. Je bedeutender ihre Gesprächspartner wurden, desto häufiger waren plötzlich die Politiker der jeweils anderen Partei bereit mitzumachen. "Als wir Franz Müntefering an der Schule hatten, wollten plötzlich alle kommen", erzählt Stefan Röben (16), einer der Programmierer im Team. Ja, Franz Müntefering, der SPD-Vorsitzende, wird in der Präsentation auch interviewt. Genauso wie CDU-Generalsekretär Volker Kauder und Peer Steinbrück, zum Zeitpunkt des Interviews noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Es war Wahlkampf. Irgendwann wurde das kleine Multimedia-Projekt auch selbst ein Teil des ganzen Zirkus. Als Müntefering zum eineinhalbstündigen Interview nach Attendorn kam, hatte er auch gleich ein Kamerateam und Reporter des Magazins "Spiegel" dabei. Wenige Tage später erschien dort ein großer Artikel über die SPD im Wahlkampf, der zum Teil in der Attendorner Aula spielt. Münteferings Antworten auf Schülerfragen lesen sich darin so bedeutend, als stammten sie aus einer Bundestagsrede.

Die Multimedia-Show der Schüler ist dagegen wunderbar weit weg vom aufgeregten Wahlkampfgetöse. Manches wirkt dabei schon jetzt wie aus einer anderen Zeit. Das Interview mit Oskar Lafontaine kam zu spät für den Abgabeschluss. Die Vertreter von WASG und PDS sind in der Multimedia-Show noch Randerscheinungen, zottelige Straßenwahlkämpfer mit selbstgemalten Transparenten.

Die Optik der Präsentation ist edel und die Gespräche sind gut, weil die Schüler nie klüger als die Politiker sein wollen. Sie fragen einfach, fast ein wenig naiv und lassen die Antwort für sich sprechen. "Journalistisch anspruchsvoll" nannte das die Jury.

SPD-Spitzenmann Steinbrück haben sie gefragt, wie wichtig Idealismus für Politiker sei. Er dürfe vor allem "nicht im Wege stehen", antwortete Steinbrück. Die Schüler ließen die Antwort unkommentiert wirken.

Süddeutsche Zeitung, Nr.228 (4.10.2005), S.37.


©  Bernhard Hübner (Süddeutsche Zeitung), München und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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