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Medienreaktionen

Kölner Stadt-Anzeiger vom 16.8.2007

Für faire Löhne und die Vernichtung alter Waffen

Jugenddelegierte für die UN

Vikram Singh braucht keine Erdbeeren im Winter. Holländische Zwiebeln, die über mehrere Kontinente geflogen werden, findet er "bescheuert". Der 18-Jährige steht vor den Mitschülern seines Gymnasiums in Attendorn, streicht sich noch mal die langen Haare aus dem Gesicht, dann fordert er: "Wir brauchen faire Löhne für Arbeiter in Entwicklungsländern." Die 85 Oberstufenschüler klatschen. Zwischen ihnen sitzt auch Marah Köberle. Sie wird die Forderungen des Schülers aus dem kleinen Attendorn nach New York tragen: zur UN-Generalversammlung.

Die 22-Jährige ist eine der beiden deutschen Jugenddelegierten, die sich bei den Vereinten Nationen Ende September für die Interessen der Jugend stark machen wollen. Dafür ist sie gemeinsam mit dem 23-jährigen Jonathan Mack seit Februar auf Deutschlandtour, hat mit jungen Leuten im ganzen Land gesprochen. Das heutige Thema am St.-Ursula-Gymnasium: Globalisierung. Das ist auch der Käse auf dem Pausenbrot oder die immer gleiche Castingshow in Hunderten von Ländern, haben die Schüler in Vorträgen und Infomaterial erfahren, anschließend in Gruppen diskutiert und ihre Forderungen an eine Plakatwand gepinnt: "Vielfältige Kulturen respektieren", "Kein kultureller Einheitsbrei", "Alte Waffen vernichten", "Globale Mindestlöhne".

Vieles, was Schüler und Studenten in Deutschland bewegt, hat Marah Köberle in den letzten Monaten gehört. Viel hat sie zu erzählen, Rederecht hat sie vor der Generalversammlung nicht. Sie bekommt den roten Diplomatenpass, wird an Ausschuss-Sitzungen teilnehmen können, versuchen auf den Fluren mit den Diplomaten ins Gespräch zu kommen. In einer Mittagspause werden die Jugenddelegierten verschiedener Länder ihre Forderungen vortragen. Sie hoffen, dass sie wie im letzten Jahr dann doch einige Minuten vor der Generalversammlung sprechen dürfen.

Vielleicht wird sie dann von dem Vorschlag deutscher Schüler berichten, faire Tankstellen einzurichten, vielleicht von der Idee, afrikanische Fußballer Werbung für Kondome machen zu lassen. Von der Politikverdrossenheit der deutschen Jugend wird sie nicht berichten müssen. Davon habe sie auf ihrer Deutschlandtour nichts gespürt. "Wenn Jugendliche merken, dass Politik gar nicht so hoch ist, sondern direkt vor der Haustür liegt, sind sie leicht zu motivieren."

Das schaffen die beiden Jugenddelegierten auch bei der Abschlussdiskussion in Attendorn. "Wie seht ihr eure Chancen in der globalisierten Welt?", fragen sie die Schüler. Verlegenes Kichern in einer Ecke, keiner traut sich so recht. "Das ist euch doch nicht egal", stellt Jonathan Mack fest. Es ist ihnen nicht egal: "Alles ist so unsicher", sagt ein Schüler, "woher soll ich wissen, ob es das Unternehmen, bei dem ich mal arbeite, in drei Jahren noch gibt?". "Was ist, wenn China Deutschland überholt?", fragt eine Schülerin.

So was hat Marah Köberle in den letzten Monaten oft gehört. "Viele sind so jung und haben schon so Zukunftsangst", sagt sie. Schnell studieren, früh in den Job einsteigen auf einem unsicheren Arbeitsmarkt, das setze junge Leute unter Leistungsdruck. "Viele haben Angst, nicht mitzukommen und den Anschluss zu verlieren."

Marah Köberle findet den gesellschaftlichen Druck nicht gut. Die Jugend sei schließlich auch die Zeit dafür, etwas auszuprobieren. Deshalb hat sie selbst für das Ehrenamt als Jugenddelegierte ihr Politikstudium in Augsburg unterbrochen. Sie will etwas bewegen. Das tut sie wohl weniger in New York als auf dem Weg dorthin. "Wenn Jugendliche kommen und sagen, ich will mich auch engagieren, finde ich das toll."

Ansonsten plagen sie die ganz normale Sorgen einer 22-Jährigen. Was zieht man an bei der UN-Generalversammlung? Jeans sind jedenfalls nicht gern gesehen.

Kölner Stadt-Anzeiger, Nr.289 (16.8.2007), S.6.


©  Alice Ahlers (Kölner Stadt-Anzeiger), Köln und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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